BERUFSBILDUNG: «Vor allem Eltern sind in der Pflicht»

Die Zeit für Lehrstellensuchende eine Stelle zu finden wird knapp. Ein Ausbildner erklärt, was er in Bewerbern sucht. Und weshalb die Berufsschulen ihre Lehrpläne überarbeiten sollten.

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Ein Automechaniker-Lehrling bei der Arbeit. (Bild: Archiv / Neue ZZ)

Ein Automechaniker-Lehrling bei der Arbeit. (Bild: Archiv / Neue ZZ)

Peter Gosteli, Sie bilden seit 1980 Lehrlinge in der Automobilbranche aus. Wie haben diese sich in den letzten 30 Jahren verändert?

Peter Gosteli*: Die Jugendlichen haben sich nicht verändert: Es gibt, nebst dem grossen «Normaldurchschnitt», immer noch die Selbstbewusst-Frechen und die Unsicher-Scheuen. Die Sorgen und Nöte im Bezug auf das Leben und den Einstieg in die Berufswelt sind weitgehend dieselben geblieben.

Es hat sich in den letzten 30 Jahren also überhaupt nichts verändert?

Gosteli: Doch, die Anforderungen an die Lehrlinge haben sich sehr verändert. Sowohl in der Praxis wie auch schulisch.

Können sie ein Beispiel machen?

Gosteli: In der Automobilbranche sind die Entwicklungen augenfällig. Das Auto hat sich von der rein mechanischen Maschine zu einem komplexen mechatronischen Fortbewegungsmittel gewandelt.

Entsprechend auch die höheren schulischen Anforderungen.

Gosteli: Ja, wobei diese meiner Meinung nach in den letzten Jahren übermässig gestiegen sind und teilweise nicht mehr im richtigen Verhältnis zu den Anforderungen in der Praxis stehen.

Inwiefern?

Gosteli: Die Lehrpläne der Berufsschulen haben sich immer mehr den Hochschulen angenähert. So sind beispielsweise die mathematischen Kenntnisse, die an den Berufsschulen heute gefordert werden oftmals zu hoch und nicht mehr praxisgerecht. Ausbildner anderer Berufsgruppen sind weitgehend gleicher Meinung.

Wie löst man dieses Problem?

Gosteli: Die Entwicklung ist erkannt, die kritischen Stimmen werden jedenfalls lauter, was auch zu einer Abkehr von diesem Kurs führen könnte. Grundsätzlich müssten die Lehrpläne aber in Zusammenarbeit mit den praxisbezogenen Gewerbeverbänden aufeinander abgestimmt werden.

Zurück zu den Lehrstellensuchenden. Wie erleben Sie diese, wenn sie bei Ihnen an Ihre Türe klopfen?

Gosteli: Die Unterschiede sind zum Teil enorm. Von sehr gut informiert und interessiert bis lässig-locker und völlig desinteressiert.

Desinteressiert und trotzdem auf Stellensuche. Wie muss man sich das vorstellen?

Gosteli: Wenn sich ein Schulabgänger absolut gar nicht informiert hat, kommt und fragt: «Kann man in ihrem Betrieb einen Beruf lernen?» Auf die Frage, welchen der verschiedenen Berufe, die die Autobranche zu bieten hat, die Antwort kommt: «Einfach ein Beruf mit Autos».

Kommt das oft vor?

Gosteli: Leider immer mal wieder. Man sieht bei den Lehrstellensuchenden immer wie sehr oder wie wenig sie geführt wurden.

Geführt von wem?

Gosteli: Zum einen natürlich von den Schulen. An dieser Stelle muss aber erwähnt werden, dass diese sehr viel tun, um die Schulabgänger vorzubereiten. Meiner Meinung nach sind aber vor allem die Eltern in der Pflicht. Man bemerkt in meiner Position beispielsweise schnell,, ob ein Jugendlicher betreut respektive beraten wurde, wie und in welcher Weise er sich in einem Betrieb zu einem Vorstellungsgespräch meldet.

Wie wählen Sie Lehrlinge aus?

Gosteli: Es beginnt mit dem Schnuppern: Wer bei uns mit dem Ziel eine Lehrstelle zu finden schnuppert, muss mindestens fünf Tage im Betrieb sein. Drei Tage sind zu unverbindlich für einen Jugendlichen, um einen genügenden Einblick in den Beruf zu erhalten. Ebenso spürt er, was es heisst, eine Woche lang etwas mehr als acht Stunden im Betrieb zu arbeiten.

Und nach dem Schnuppern, wenn es wirklich um eine Lehrstelle geht?

Gosteli: Während der Schnupperwoche verbringt der Bewerber seine Zeit mit verschiedenen Werkstattmitarbeitern, wo er sich einsetzen kann und ebenso beobachtet werden kann. Er wird vom Werkstattleiter geführt. Dieser gibt Übungsaufgaben und lässt ihn auch Aggregate zerlegen und wieder zusammenbauen. So werden auch die praktischen Veranlagungen geprüft. Mit ausschlaggebend ob jemand die Ausbildung zum Automobil-Mechatroniker, -Fachmann oder -Assistenten angehen kann, sind sicherlich auch die schulischen Leistungen sowie der Eignungstest des Schweizerischen Auto-Gewerbe-Verbandes. Am Ende ist für mich das Feedback aus der Werkstatt wichtig für die Entscheidung.

Was, wenn sie einen Stichentscheid zwischen zwei geeigneten Kandidaten für eine freie Stelle fällen müssen?

Gosteli: Dann kommen ganz einfache, emotionale Überlegungen zum tragen: Ich muss mich fragen: «Tut der dem Team gut?» Meistens trifft das auf einen Kandidaten mehr zu als auf den anderen. Aber auch die äusseren Gegebenheiten und das persönliche Umfeld können ausschlaggebend sein.

Wie das?

Gosteli: Früher sagte man: «Nimm lieber einen von weit weg. Der muss morgens früh aufstehen und ist wach, wenn er im Geschäft ankommt und abends hat er gar nicht genug Zeit um irgendwelchen Unsinn zu machen.» Ein Stück weit ist das immer noch wahr.

Sie nehmen also lieber einen Lehrling von weit her, als einen der um die Ecke wohnt?

Gosteli: Nein, das nicht. Wenn aber jemand gut in sein soziales Umfeld eingebettet ist – etwa neben dem Beruf und der Berufsschule noch in einem Sportverein ist, bleibt tatsächlich weniger Zeit «Unsinn» zu machen.

Was muss man unter «Unsinn» verstehen?

Gosteli: Hier sind dieselben Themen zu beobachten wie schon damals, als ich selbst in der Lehre war. Es ist das Austesten der Grenzen im ausbildenden Betrieb und in der Berufsschule und im Leben allgemein, meistens nach dem 18. Geburtstag.

Zurück zur Auswahl von Lehrlingen. Hand aufs Herz, sind es am Ende nicht meistens die schulisch Besten, die das Rennen machen?

Gosteli: Nein. Es zeigt sich immer wieder, dass der Mix zwischen intellektueller und manueller Fähigkeit entscheidet. Schon oft musste ein schulisch starker Schüler, der in der Praxis nicht zu genügen vermochte, zurückgestuft werden. Etwa vom Automobilmechatroniker zum Automobilfachmann. Eine Rückstufung ist nicht einfach, deshalb lohnt es sich, vor Lehrbeginn genau hinzuschauen.

Nun ist es bereits April. Ist es für Schulabgänger ohne Lehrstelle bereits zu spät, um noch was zu finden?

Gosteli: Es ist sicher nicht mehr so einfach. Die Stellen in den renommierten Ausbildungsbetrieben sind wahrscheinlich schon besetzt. Da ist etwas Flexibilität des Lehrstellensuchenden gefragt.

Flexibilität gegenüber ...

Gosteli: Gegenüber der Möglichkeit bei einem kleinen, aber gut etablierten KMU eine Lehre zu absolvieren. Im Gegensatz zu Grossbetrieben können diese einen meist viel näher durch die Lehre führen. Man muss jungen Menschen zudem immer wieder bewusst machen, dass eine Ausbildung nicht heisst, dass man ein Leben lang im Lehrbetrieb arbeiten muss. Mit anderen Worten: Der Start in das Berufsleben ist wichtig, wohin der Weg führt, ist hier noch nicht so entscheidend. Nach abgeschlossener Lehrzeit wird dieses Thema in den Vordergrund rücken.

Zum Schluss: Was ist der Schlüssel für einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben?

Gosteli: Für mich halten ganz klar die Eltern den Schlüssel dazu. Sie sollten sich schon früh mit dem Thema auseinandersetzen, ohne das Kind damit zu belasten. Das heisst für mich ab der 5./6. Klasse Neigungen und Interessen ihrer Kinder aufzunehmen und zu fördern. Wenn es dann um die Lehrstellensuche geht, können diese Beobachtungen sehr hilfreich sein, die richtige Berufsrichtung zu finden.

Eltern haben aber oft eigene Vorstellungen darüber, was ihre Kinder werden sollen.

Gosteli: Meist ein grosser Fehler. Das Projizieren der eigenen Wünsche auf den Nachwuchs ist so alt wie die Welt selbst. Viel mehr sollten sie sich darauf konzentrieren, Werte zu vermitteln und diese auch vorzuleben. Und eines muss man sich bewusst sein: Der Jugendliche, der unter Druck steht, eine Lehrstelle zu finden, hat nicht darum gebeten hier zu stehen. Wir Eltern haben unsere Kinder gerufen, also ist es auch unsere Pflicht, ihnen beizustehen, ihren Weg zu finden.

* Peter Gosteli (61) ist Betriebsleiter des Audi Centers in Luzern der Amag Automobil und Motoren AG. Seit 1980 arbeitet er als Ausbildner und Ausbildungsverantwortlicher in der Automobilbranche. Gosteli war während über 20 Jahren auch als Lehrabschlussprüfungsexperte tätig. Die Amag-Gruppe bildet jährlich rund 700 Lernende aus.