BILDUNG: Das Ausland soll mehr zahlen

In der Schweiz studieren immer mehr Ausländer. Politiker und Hochschulvertreter sorgen sich um die Qualität der Lehre und wollen das Ausland stärker zur Kasse bitten.

Kari Kälin
Drucken
Teilen
Dicht gedrängt: Studenten in einem Hörsaal der Universität St. Gallen. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Dicht gedrängt: Studenten in einem Hörsaal der Universität St. Gallen. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Die Rede ist von überfüllten Hörsälen, fehlender Infrastruktur, einem schlechten Betreuungsverhältnis, finanziellen und qualitativen Problemen. Allein an den Eidgenössischen Technischen Hochschulen (ETH) Zürich und Lausanne ist die Zahl der Studenten von 2004 bis 2013 um rund 50 Prozent gestiegen. Auch der Zustrom ausländischer Studenten an Schweizer Hochschulen hält ungebremst an. Ihr Anteil ist bis im Jahr 2011 auf 27,6 Prozent gestiegen (siehe Grafik).

Die Sorge, unser Land könnte im internationalen Hochschulvergleich an Terrain einbüssen, dominiert den aktuellen politischen Diskurs.

Anteil Schweizer und ausländischer Studenten an Schweizer Hochschulen. (Bild: Oliver Marx)

Anteil Schweizer und ausländischer Studenten an Schweizer Hochschulen. (Bild: Oliver Marx)

Der ETH-Rat hat bereits reagiert und Massnahmen aufgegleist, «um die Qualität der Lehre weiter hoch halten zu können». Im letzten Dezember schlug er eine Verdoppelung der Studiengebühren von jährlich knapp 1300 auf 2600 Franken vor. Mittlerweile hat der ETH-Rat einen anderen Ansatz gewählt. Er verzichtet auf eine flächendeckende Gebührenerhöhung, weil das Parlament der ETH 60 zusätzliche Millionen für die Jahre 2013 bis 2016 gewährt hat. Lediglich «Bildungsausländer» (Studenten, deren Eltern im Ausland Steuern zahlen) sollen künftig vielleicht bis zu dreimal so hohe Studiengebühren entrichten.

Die ETH wäre nicht die erste Schweizer Hochschule, die ausländischen Studenten eine höhere Rechnung stellt. Zahlreiche Universitäten, darunter Luzern, tun dies schon heute. Schliesslich, rechnet die «NZZ am Sonntag» vor, verursachten Bildungsausländer allein im Jahr 2008 Kosten in der Höhe von 560 Millionen Franken. Doch verursachen die ausländischen Studenten tatsächlich nur Kosten? Oder profitiert unser Land von klugen Köpfen aus der Nachbarschaft?

«Bereicherung» für die Schweiz

Der Bundesrat zieht ein positives Fazit: Gute ausländische Studenten sind eine «Bereicherung» für die Schweiz. Der hohe Anteil an Bildungsausländern sei ein «Qualitätsmerkmal für den international guten Ruf und die Attraktivität der Schweizer Hochschulen». Dies schreibt er in seinen Antworten auf entsprechende bildungspolitische Vorstösse. Die Bildungsausländer würden helfen, den Bedarf an Fach- und Kaderkräften in Wirtschaft und Forschung zu decken. Der Bundesrat räumt jedoch ein, dass «ein weiterer Anstieg an Bildungsausländern die schweizerische Hochschullandschaft auch vor grosse Herausforderung stellen kann». Die «grossen Herausforderungen» sind vor allem finanzieller Natur. Reicht das Geld, um bei steigender Zahl von Studenten eine qualitativ hoch stehende Lehre anzubieten? Platzen die Hörsäle in gewissen Fachrichtungen aus allen Nähten? Und sollen sich die Bildungsausländer respektive deren Herkunftsstaaten stärker an den Kosten beteiligen?

Kantone zahlen für ihre Studenten

Antonio Loprieno, Präsident der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (Crus), schlägt genau dies vor. «Ausländische Studenten verursachen zusätzliche Kosten, ohne dass sie speziell finanziert werden», sagte er im letzten Oktober gegenüber der «NZZ am Sonntag». Bei Studenten aus der Schweiz sieht dies ein bisschen anders aus. Studiert zum Beispiel ein Schwyzer an der Universität Zürich, bezahlt der Kanton Schwyz dem Kanton Zürich dafür einen Beitrag. Im Studienjahr 2009/10 zum Beispiel flossen für alle Schwyzer Studenten an der Universität Zürich 7,4 Millionen Franken in die Zürcher Staatskasse. Geregelt sind die Finanzflüsse in der interkantonalen Universitätsvereinbarung (IUV). Im Rahmen der IUV leisten die Kantone jährlich Abgeltungen im Umfang von rund 1 Milliarde Franken. Die Beiträge sind nach drei Fakultätsgruppen aufgeschlüsselt. In der ersten Gruppe (Geistes- und Sozialwissenschaften) gibt es 10 090 Franken pro Student, in der zweiten Gruppe (Natur- und technische Wissenschaften) 24 430 Franken, in der dritten Gruppe (Medizin) 48 860 Franken. An der Universität Luzern studieren derzeit 285 Bildungsausländer (alle Fakultätsgruppe I). Würde die IUV auch für das Ausland gelten, erhielte der Kanton Luzern also für seine Uni zusätzlich fast 2,9 Millionen Franken.

Pfister ebnet politisches Terrain

Crus-Präsident Loprieno schlägt vor, das IUV-System aufs Ausland auszudehnen. Realistisch sei in einem ersten Schritt ein bilaterales Abkommen mit Deutschland. Auf politischer Ebene hat der Zuger CVP-Nationalrat Gerhard Pfister das Terrain für eine solche Lösung geebnet. Sein entsprechendes Postulat hat der Nationalrat gutgeheissen. Sogar der Bundesrat hat es mit Vorbehalten zur Annahme empfohlen. Er warnt aber vor grossem administrativem Aufwand.

Anzunehmen ist auch, dass etwa Deutschland, der grösste Exporteur von Studenten in der Schweiz, kein besonderes Interesse an einem solchen Abkommen bekundet. Pfister ist sich der Hürden bewusst. «Aber das ist kein Grund, nicht einen Anlauf zu nehmen, sie zu überspringen.» Und natürlich, so Pfister, würde die Schweiz auch für ihre Studenten im Ausland bezahlen.

«Ausländische Studenten bereichern Wissenschaftsbetrieb»

Rudolf Walser, kosten ausländische Studenten mehr, als sie nützen? Oder ist es umgekehrt?

Rudolf Walser*: Gute ausländische Forscher und Studenten sind ein wichtiger Qualitätsfaktor für unsere Hochschulen. Denken Sie nur etwa an den südafrikanischen Hirnforscher Henry Markram. Für sein Forschungsprojekt zur Entschlüsselung des menschlichen Hirns (Human Brain Project) an der ETH Lausanne soll er rund eine Milliarde Euro EU-Fördergelder erhalten. Die Erfahrung zeigt, dass an Schweizer Hochschulen viele ausländische Studenten zu herausragenden Wissenschaftlern und sogar Nobelpreisträgern avancierten. Ausländische Studenten bereichern den Wissenschaftsbetrieb. Die Internationalität ihrer Universitäten muss die Schweiz unbedingt bewahren, denn sie ist ein Standbein von deren Exzellenz.

Politiker und auch Vertreter von Hochschulen klagen aber, die steigende Studentenzahl gefährde die Qualität der Lehre. Zum Wachstum tragen auch die ausländischen Studenten bei. Ihr Anteil stieg von 19 Prozent im Jahr 1990 auf 27,6 Prozent im Jahr 2011. Ist es daher richtig, dass der ETH-Rat die Studiengebühren nicht wie ursprünglich geplant generell verdoppeln und dafür – auf Druck der Politik – ausländische Studenten stärker zur Kasse bitten will?

Walser: Einzelne Universitäten erheben für ausländische Studenten schon heute höhere Gebühren. Diesen Ansatz halte ich für problematisch. Deshalb bedaure ich es sehr, dass der ETH-Rat beim ersten politischen Windstoss umgekippt ist und die Verdoppelung der Studiengebühren für alle wieder verworfen hat. Es ist eine unsinnige Idee, die Studiengebühren ans Steuerdomizil der Eltern zu knüpfen, wie das eine parlamentarische Initiative vorschlägt. Wenn der ETH-Rat den Schritt zu höheren Gebühren reiflich überlegt hat, wovon ich ausgehe, dann müsste er seinen Standpunkt gegenüber der Politik auch dezidierter verteidigen. Ansonsten wird er leicht erpressbar.

Würden Sie die Studiengebühren generell erhöhen?

Walser: Ja. Das ist der naheliegendste und einfachste Ansatz. Andernfalls diskriminiert die Schweiz ausländische Studenten, was zu Schwierigkeiten mit dem Abkommen über die Personenfreizügigkeit mit der EU führen kann. Wir haben sicher kein Interesse daran, der EU neue Munition für Angriffe auf unser Land zu liefern. Zudem müssen wir uns bewusst sein: Auch zahlreiche Schweizer Studenten absolvieren ihre Hochschulausbildung an europäischen Universitäten. Wir würden es auch nicht schätzen, wenn sie gegenüber den Einheimischen benachteiligt würden.

Die Schweiz könnte doch für ausländische Studenten eine Abgeltung verlangen, analog zur interkantonalen Universitätsvereinbarung. Der Kanton Schwyz zum Beispiel zahlt dem Kanton Zürich für alle Studenten, die an der Universität Zürich studieren, einen Beitrag. Könnte man dieses Modell nicht aufs Ausland ausdehnen?

Walser: Diesen Weg halte ich für unrealistisch. Angesichts der zahlreichen Streitpunkte im Verhältnis zwischen der EU und der Schweiz und angesichts der schwierigen Haushaltslage einiger EU-Staaten dürfte deren Bereitschaft, mit der Schweiz solche Abkommen zu verhandeln, nicht gross sein.

Bräuchte es Quoten für Ausländer wie an der Universität St. Gallen, damit nur die besten Talente in der Schweiz studieren?

Walser: Aus liberaler Sicht ist dies keine gute Lösung. Es besteht das Problem der Auswahl, Quoten haben stets etwas Willkürliches an sich. Eine Steuerung über den Preis, also höhere Studiengebühren, ist sinnvoller.

Höhere Gebühren könnten talentierte Köpfe von einem Studium abhalten.

Walser: Im Buch «Ideen für die Schweiz» schlagen wir von der Denkfabrik Avenir Suisse einen Systemwechsel vor, der dieses und andere Probleme leichter lösen würde: weg von der Anbieter- hin zur Nachfragefinanzierung.

Das heisst?

Walser: Anstatt dass der Staat die Bildungsanbieter (Schulen) finanziert, erhält jeder junge Schweizer ein Bildungskonto. Das würde den Steuerzahler nicht mehr kosten als das heutige System. Konkret heisst das, dass für jeden Jugendlichen ein Bildungskonto eröffnet würde: 250 000 Franken für die obligatorische und nachobligatorische Ausbildung sowie allenfalls weitere 100 000 für die tertiäre Ausbildung – total 350 000 Franken. Damit würde nicht nur die Debatte, ob höhere Studiengebühren Kinder aus nicht gutbetuchtem Elternhaus benachteiligen würden, hinfällig. Zudem müssten sich Jugendliche und Eltern auch vermehrt Gedanken über die Verwendung des Bildungskontos machen.

* Rudolf Walser (71) ist Ökonom und Bildungsexperte bei der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse.