BILDUNG: Den Unis entgehen Millionen

Für seine Studenten in der Schweiz bezahlt das Ausland nichts. Dabei läge für unsere Hochschulen ein Potenzial von 538,4 Millionen Franken brach.

Kari Kälin
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Überbevölkert: die Mensa der Uni Luzern. (Bild Pius Amrein)

Überbevölkert: die Mensa der Uni Luzern. (Bild Pius Amrein)

Der Ansturm auf die Schweizer Hochschulen ebbt nicht ab. Im Jahr 2011 zählte das Bundesamt für Statistik bereits 134 837 Studenten, das sind fast 40 000 mehr als im Jahr 2000. Parallel steigt der Anteil der ausländischen Studenten. Die Attraktivität der hiesigen Universitäten und Eidgenössischen Technischen Hochschulen (ETH) hat eine Kehrseite. Die Hörsäle sind zunehmend überfüllt, bei der Infrastruktur drohen Engpässe. Politiker und Vertreter von Universitäten sorgen sich um die Qualität der Lehre – und überlegen sich, wie neue Geldquellen erschlossen werden könnten. Die Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (Crus) schielt vor allem auf die Nachbarländer. Ausländische Studenten zu haben, sei zwar erstrebenswert, sagte Crus-Präsident Antonio Loprieno gegenüber der «NZZ am Sonntag». «Sie verursachen aber zusätzliche Kosten, ohne dass sie speziell finanziert werden.»

Kantone gelten Kosten ab

Wo liegt das Problem? Die Herkunftsländer beteiligen sich nicht an den Kosten, welche die sogenannten «Bildungsausländer» verursachen. Als Bildungsausländer gelten Personen, die bis zur Anmeldung an einer Schweizer Hochschule im Ausland wohnten. Andere Regeln bestehen zwischen den Kantonen. Studiert zum Beispiel ein Schwyzer an der Universität Luzern, muss der Kanton Schwyz dafür dem Kanton Luzern eine Abgeltung bezahlen. Die Grundlage für dieses System bildet die interkantonale Universitätsvereinbarung (IUV, siehe Box). Je nach Fakultätsgruppe gibt es mehr oder weniger Geld. Nun fordert Crus-Präsident Loprieno den Bundesrat auf, das IUV-System aufs Ausland zu erweitern. Als ersten Schritt schlägt er ein bilaterales Abkommen mit Deutschland vor – schliesslich stellt unser nördlicher Nachbar die meisten Bildungsausländer (siehe Grafik).

Bundesrat meldet Bedenken an

Wie viel Geld entgeht den Schweizer Hochschulen, weil das Ausland seine Studenten zum Nulltarif in die Schweiz entsenden kann? Unsere Zeitung hat Daten des Bundesamtes für Statistik für das Jahr 2011 ausgewertet. Das Ergebnis: Hätte die Schweiz mit allen Herkunftsländern eine Art IUV-Abkommen, hätten unsere Hochschulen für die rund 31 000 Bildungsausländer 538,4 Millionen Franken erhalten – 159 Millionen für Geistes- und Sozialwissenschaftler, 348,4 Millionen für Naturwissenschaftler und 31 Millionen für Mediziner. Allein in die Kasse der Universität Luzern wären 2011 zusätzliche 2,5 Millionen Franken geflossen – immerhin fast 5 Prozent des Jahresbudgets. Ein Abgeltungssystem à la IUV, in erster Priorität mit den Nachbarstaaten, fordert auch der Zuger CVP-Nationalrat Gerhard Pfister. Ein entsprechendes Postulat hat die Grosse Kammer gutgeheissen. Sogar der Bundesrat hat es zur Annahme empfohlen – allerdings mit Vorbehalten. Allein in administrativer Hinsicht sei ein solches System kaum zu bewältigen. An Schweizer Hochschulen würden Studenten aus mehr als 30 Nationen studieren. Es sei deshalb, so der Bundesrat, kaum realistisch, mit so vielen Ländern bilaterale Abkommen abzuschliessen.

Auch der St. Galler Bildungsdirektor Stefan Kölliker (SVP) würde ein IUV-Abkommen mit dem Ausland begrüssen. Die Erfolgschancen stuft er jedoch gering ein. Gegenüber der «Südostschweiz» sagte er neulich: «Es scheint wenig realistisch zu sein, dass Deutschland auf solch einen Vorschlag eintreten würde. Es studieren wesentlich mehr Deutsche in der Schweiz als umgekehrt. Demnach würde Deutschland zum Nettozahler.»

Für Pfister ist klar: Wenn die Schweiz vom Ausland Beiträge verlangt, müsste die Schweiz auch für ihre Studenten im Ausland zahlen. Da jedoch mehr Ausländer in der Schweiz studieren als umgekehrt, würde unser Land mit bilateralen Abkommen finanziell auf jeden Fall besser fahren.

Quote an Universität St. Gallen

Einen eigenen Weg, um den Andrang aus dem Ausland zu meistern, geht die Universität St. Gallen. Mehr als 25 Prozent ausländische Studenten nimmt sie nicht auf. Zudem müssen alle ausländischen Studenten eine Zulassungsprüfung absolvieren. Ist das der Weg, um die Zahl der Bildungsausländer sinnvoll zu steuern? Auf diese Frage sollte der Bundesrat in einem Bericht demnächst eine Antwort liefern. Den Anstoss dazu gegeben hat Ständerat Ivo Bischofberger (CVP, AI) mit einem Postulat. Angesichts des «beispiellosen Zustroms von Studierenden aus dem Ausland» forderte er die Landesregierung dazu auf, eine Erhöhung der Studiengebühren für Ausländer, obligatorische Aufnahmeprüfungen und Kontingente zu prüfen. Der Zustrom von Bildungsausländern führe zu einem Qualitätsverlust an Schweizer Hochschulen, da die Qualität der Mittelschulabschlüsse in den umliegenden Ländern nicht mit der Qualität der Schweizer Maturität vergleichbar sei.

Schadet der Schweiz also der Andrang ausländischer Studenten mehr als er nützt? «Diese Frage kann man nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten», sagt Bischofberger. Man müsse dies von Fakultät zu Fakultät, von Fachbereich zu Fachbereich beurteilen. Gerade etwa bei den technischen und Naturwissenschaften habe die Schweiz ein Interesse an talentierten Studenten aus dem Ausland. Es dürfe aber nicht sein, dass in anderen Bereichen «Masse statt Klasse» komme.