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BILDUNG: Digitalisierung an Schweizer Schulen schreitet voran

Thomas Merz glaubt, dass die Schweizer Schulen im Umgang mit der Digitalisierung mittlerweile auf dem richtigen Weg sind. Der Medienpädagoge sagt aber auch, dass sie auf diesem Weg noch ganz am Anfang stehen.
Dominic Wirth
Der Informatikunterricht ist Teil des Lehrplans 21. (Bild: Pius Amrein (Unteriberg, 4. Juli 2017))

Der Informatikunterricht ist Teil des Lehrplans 21. (Bild: Pius Amrein (Unteriberg, 4. Juli 2017))

Interview: Dominic Wirth

Thomas Merz, Sie kämpfen schon seit langem dafür, dass die Schweizer Volksschule dem Megatrend Digitalisierung mehr Gewicht gibt. Wo stehen wir heute?

In den vergangenen Jahren ist einiges passiert, ein entscheidender Schritt ­wurde gemacht. Wir mussten uns lange dafür einsetzen, dass Medien und Informatik im Lehrplan stärker verankert wird. Jetzt gibt es im Lehrplan 21 dieses Gefäss endlich. Und das hat eine ausgeprägte Dynamik ausgelöst.

Inwiefern?

Die Themen sind heute in der Lehrerausbildung stärker verankert, es gibt bessere Lehrmittel und breite Weiterbildungsprogramme.

Und doch: Im Lehrplan 21 hat ­Medien und Informatik nur den Status eines Moduls. Das gibt den Kantonen einigen Spielraum bei der Umsetzung – mehr als etwa bei Grundlagenfächern. Machen wir wirklich genug?

Es gibt tatsächlich noch Spielraum, und es gibt auch Kantone, die auf Primarstufe kein eigenes Unterrichtsgefäss deklariert haben, etwa Schwyz. Das ist bedauerlich. Eines steht sowieso fest: Wir müssen in zwei, drei Jahren genau untersuchen, was in Sachen Medien und Informatik an unseren Schulen tatsächlich passiert ist dank des neuen Lehrplans. Der Trend stimmt aber, da bin ich sicher.

Die Schweizer Volksschule hat sich in die richtige Richtung bewegt. Ist sie vom Schlendrian zum Musterschüler geworden?

So würde ich das nicht sagen. Wir haben uns zwar nun eine gute Anfangsposition geschaffen. Aber es muss in den nächsten Jahren noch sehr viel geschehen.

Was stellen Sie sich vor?

Wir müssen Medien und Informatik in Zukunft sicher noch mehr Platz einräumen, auf Dauer braucht es einen noch stärkeren Fokus. Wir haben jetzt mit der Modullösung, was derzeit realistisch und möglich ist. In den nächsten Jahren wird unserer Gesellschaft noch mehr bewusst werden, wie sehr sich unser Leben aufgrund der Digitalisierung ändert. Und dann wird auch an den Schulen noch mehr passieren. Ein Ausbau ist nach meiner Einschätzung nur eine Frage der Zeit.

Sind Sie da sicher? Die Mühlen mahlen langsam im Schweizer Bildungsföderalismus, viele Interessen prallen aufeinander. Sie mussten ja jahrelang um eine stärkere Verankerung von Medien und Informatik im neuen Lehrplan ringen.

Das stimmt. Aber wenn ich sehe, was sich zuletzt alles bewegt hat, dann glaube ich, dass es auch so weitergeht. Die Digitalisierung ist in den Köpfen der Menschen zu einem riesigen Thema geworden. Das Bewusstsein, sich dafür rüsten zu müssen, ist klar stärker geworden.

Wo müssen wir denn hinkommen, welches Gewicht sollen Medien und Informatik in unserer Volksschule bekommen?

Digitale Technologien werden unseren Alltag künftig noch stärker durchdringen. Unsere Schüler müssen in der Volksschule darauf vorbereitet werden. Das heisst: Schule insgesamt – in jedem Fach – muss auf eine vollkommen neue Lebenssituation vorbereiten.

Lehrpläne und Visionen sind das eine, die Lehrkräfte, die das vermitteln müssen, das andere. Viele von ihnen wurden lange vor dem digitalen Zeitalter ausgebildet. Können sie unsere Kinder überhaupt für die Digitalisierung rüsten?

Es gibt auch unter den älteren Lehrpersonen Technikpioniere und solche, die sich dafür weniger begeistern können – so, wie das auch bei den Jungen ist. Aber trotzdem kommt hier für Lehrpersonen ein neues Thema in die Schule, da braucht es tatsächlich Begleitmassnahmen.

Zum Beispiel?

Weiterbildung. Und natürlich die passenden Lehrmittel.

Veränderungen stossen immer auf Widerstand. Wie enthusiastisch werden diese Weiterbildungen genutzt?

Auch hier habe ich in den letzten Jahren einen Wandel beobachtet. Es ist klar: Der eine bildet sich lieber weiter, der andere weniger. Aber die Lehrkräfte sehen ein, dass der digitale Wandel unsere Gesellschaft dermassen umpflügt, dass auch sie sich anpassen müssen.

Die Digitalisierung wird viele alte Jobs wegwischen, auch an manchen Schulen führt sie zu Experimenten – etwa mit stark individualisiertem, technikgestütztem Unterricht. Brauchen wir bald gar keine Lehrer mehr?

Doch, natürlich. Lernen und Lehren ist ein sozialer Prozess. Den kann man nicht durch eine Maschine ersetzen. Und man sollte es auch nicht. Es ist aber sicher so, dass sich der Lehrerberuf stark verändern wird.

Das gilt auch für den Unterricht. Welche Möglichkeiten bietet der Trend zum individualisierten Lernen?

Wir sollten die neuen Medien nutzen, um mehr zu individualisieren. Ich plädiere aber dafür, dies massvoll zu tun. Die Schule muss gerade in unserer hoch individualisierten Welt auch zeigen, wie wichtig der soziale Austausch ist.

Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse hat sich kürzlich an die Volksschule gewandt. Die soll das Interesse an den Mint-Fächern besser fördern, soll gleichzeitig die Grundlagen wieder besser vermitteln. Und soll auch noch die Kinder für die Digitalisierung rüsten. Laufen wir nicht Gefahr, die Volksschule zu überfordern?

Ich glaube, wir müssen darauf achten, dass wir beim Lernen den Schwerpunkt verschieben. Es sollte nicht einfach um mehr Quantität gehen in der Schule, sondern um die Qualität und Vertiefung des Gelernten. Dabei spielt die Lernmotivation eine zentrale Rolle. Wir müssen den Schülerinnen und Schülern konsequent zeigen, weshalb sie etwas lernen. Dann ist ihre Motivation viel grösser.

Zur Person

Thomas Merz ist Prorektor für Forschung und Wissensmanagement und Dozent Medien und Informatik an der Pädagogischen Hochschule Thurgau. Zudem sass er in der Arbeitsgruppe Medien und Informatik des Lehrplans 21. Diese war bei der Ausgestaltung des neuen Moduls federführend.

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