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BILDUNG: Digitalisierung: Bei der Bildung darf nicht gespart werden

Für Michael Hengartner, den Präsidenten von Swissuniversities, ist die Schweiz gut für die Digitalisierung gerüstet. Dennoch fordert er weitere Investitionen und Massnahmen. Bei der Bildung dürfe deshalb auf keinen Fall gespart werden.
Dominic Wirth
Michael Hengartner vor dem Hauptgebäude der Universität Zürich. (Bild: Manuela Jans-Koch (23. November 2017))

Michael Hengartner vor dem Hauptgebäude der Universität Zürich. (Bild: Manuela Jans-Koch (23. November 2017))

Interview: Dominic Wirth

Michael Hengartner, in der Wintersession wird in Bern stets ums Geld gestritten – auch um jenes, das der Bildung und der Forschung zufliessen soll. Der Bundesrat hat aus Spargründen vorgeschlagen, weniger auszugeben, als dies im langjährigen Zahlungsrahmen eigentlich vorgesehen wäre. Haben Sie dafür Verständnis?

Der Bundesrat hat die Aufgabe, ein ausgeglichenes Budget zu erarbeiten. Die Frage ist nur, ob es Sinn macht, bei der Bildung zu sparen. Das Signal aus dem Parlament letztes Jahr war klar: Die Bildung ist ein zentraler Investitionspunkt für die Schweiz, gerade auch, um für die gewaltige Herausforderung der Digitalisierung fit zu bleiben. Von daher ist es schwer zu verstehen, weshalb der Bundesrat jetzt hier nicht mitmacht.

In den letzten Jahren hat kein anderer Bereich von einem derartigen Ausgabenwachstum profitiert wie Bildung und Forschung. 1990 gab der Bund noch knapp 3 Milliarden aus, 2016 schon 7,2. Sie klagen auf hohem Niveau.

Die Frage ist, mit wem man sich vergleichen will. Ist das die Schweiz vor 20 Jahren, oder vergleichen wir uns mit Südkorea oder Israel von heute? Wenn man sieht, wie viel diese Länder in Bildung und Forschung investieren, dann sind wir weit abgeschlagen. Der Vergleich mit der Vergangenheit bringt doch nichts. Was zählt, ist die Frage, ob wir heute genug investieren, damit wir unseren Wohlstand sicherstellen können. Die Schweiz ist die Nummer eins in Sachen Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. Das mussten wir uns hart erarbeiten, und es wird auch hart, das zu verteidigen. Der Wettbewerb wird nicht einfacher, sondern immer härter.

Also bräuchte es eigentlich noch mehr Geld?

Es gibt selbstverständlich Bereiche, bei denen wir gezielt stärker investieren sollten. Etwa in Schlüsseltechnologien wie die Biotech, in denen wir ein Mekka sind – und schauen müssen, dass wir das auch bleiben. Aber auch im Bereich Digital, wo bis jetzt das Silicon Valley das Sagen hatte.

Bürgerliche Finanzpolitiker sagen, dass es nicht mehr Geld braucht für Bildung und Forschung. In ihren Augen ist jetzt etwa die Armee an der Reihe, bei der in den letzten Jahren oft gespart wurde.

Es ist natürlich wichtig, dass wir unser Land verteidigen können, aber sollte deswegen die Bildung geschwächt werden? Es ist einfach, bei der Bildung zu sparen, weil man die Auswirkungen nicht sofort spürt. Am Bruttoinlandprodukt ändert sich vorläufig nichts, aber in 20 Jahren wird das seine Folgen haben. Wir brauchen auch dann genug Arbeitsplätze, und die Digitalisierung verlangt, dass wir unsere Kinder darauf vorbereiten. Auch die heutigen Arbeitnehmer müssen den digitalen Wandel mitmachen können. Das sind riesige Herausforderungen. Zu glauben, man könne mit weniger oder gleich viel mehr machen, geht einfach nicht auf.

Es dürfte ihnen auch nicht gefallen, dass der Bundesrat beim Studentenaustauschprogramm Erasmus plus weiterhin auf eine Übergangslösung setzt, die das Parlament heute durchwinken dürfte. Die volle Assoziierung wird so frühestens ab 2021 zum Thema. Bis dahin bleibt die Schweiz ein Drittstaat, wie etwa Marokko.

Das ist in der Tat eine Ersatzlösung, die nur für den Moment gut genug ist. Langfristig müssen wir aber wieder voll dabei sein. Die Schweiz muss nicht Teil der EU sein, aber sie muss Teil des europäischen Hochschulraums sein. Es ist schwer zu vermitteln, wenn wir bei der Bologna-Reform mitmachen und bei Horizon 2020, aber nicht beim Studentenaustausch.

Die Hochschulen haben die Übergangslösung als Scheinlösung kritisiert. Weshalb?

Einerseits ist der administrative Aufwand hoch, weil die Hochschulen heute mit jeder Partneruniversität bilaterale Abkommen abschliessen müssen. Andererseits sind wir darauf angewiesen, dass die europäischen Partner mitmachen. Zudem wird die Zusammenarbeit in gewissen Bereichen ständig vertieft. Da sind wir im Moment nicht dabei, während Europa sich weiterentwickelt. Wir müssen dann versuchen, irgendwie Zugang zu erhalten, statt als voll assoziierter Staat mit am Tisch zu sitzen und neue Ideen mitzugestalten.

Sie haben als Rektor der Universität Zürich und als Präsident von Swiss­universitites die Retorsionsmassnahmen der EU nach dem 9. Februar 2014 miterlebt. Welchen Schaden hat die Schweiz davongetragen?

Beim Forschungsprogramm Horizon 2020 konnten wir den Schaden in Grenzen halten, weil wir beim wichtigsten Teil, den Forschungsgeldern, rasch wieder mitmachen konnten. Unsere Forschenden hatten wegen der Unsicherheit aber grosse Probleme, bei Projekten die wichtige Koordinationsrolle zu übernehmen. Nun müssen wir die Kolleginnen und Kollegen in Europa davon überzeugen, dass die Schweiz wieder dabei ist, und zwar langfristig. Ich hoffe natürlich, dass das auch der Fall ist, denn es gibt zwischen der Schweiz und der EU ja durchaus noch offene Fragen. Von daher würde ich sagen: Wir haben das Problem für den Moment gelöst. Unser Auto hat eine Beule, was ästhetisch nicht elegant ist. Aber wir können wieder Vollgas geben, vorläufig zumindest.

Sie haben die Digitalisierung angesprochen. Vielen Menschen macht diese Entwicklung Sorgen, sie haben Angst, dass es sie auf dem Arbeitsmarkt bald nicht mehr braucht. Können Sie das nachvollziehen?

Absolut, Veränderungen machen immer Angst, und hier haben wir es mit einem dramatischen und rasanten Wandel zu tun. Die Schweiz muss sich als Bildungs- und Wirtschaftsstandort möglichst gut vorbereiten. Es wird Verlierer geben, und deshalb müssen wir schauen, dass die neuen Jobs in der Schweiz entstehen. Wir müssen die Chancen, die sich bieten, nutzen. Denn wir befinden uns in einer guten Startposition.

Weshalb?

Die Schweiz liegt geografisch gut, bietet gute Rahmenbedingungen, und es leben clevere Menschen im Land.

Letzte Woche fand der Digitaltag statt, es wurde viel über die Digitalisierung geredet. Aber, passiert auch genug, etwa in der Bildung?

Es tut sich schon etwas. Die Erziehungsdirektoren haben Informatik an den Gymnasien zum Pflichtfach erklärt, und im Lehrplan 21 ist das Fach «Informatik und Medien» dazugekommen. Die Bildungslandschaft bewegt sich, aber nicht mit der Geschwindigkeit, die ich gerne hätte. Wie wollen wir die Lehrerinnen und Lehrer für den Wandel rüsten? Ich meine damit nicht die angehenden Lehrer der pädagogischen Hochschulen, sondern jene, die bereits im Klassenzimmer stehen. Und das gilt auch für andere Arbeitskräfte: Wie schaffen wir es, sie für die Digitalisierung fit zu machen, sie weiterzubilden?

Ja, wie schaffen wir das?

Ich glaube, wir müssen uns besonders einsetzen, und ich schlage deshalb einen Marshallplan der Digitalisierung vor.

Wie soll ein solcher Plan aussehen?

Wir müssen zum Beispiel in die Innovationsförderung und Weiterbildung investieren, die Leute dazu motivieren, etwas zu tun. Und in den Schulen müssen wir uns fragen, wie wir die nächsten Generationen agiler und kreativer machen können. Es gibt keinen Zweifel, dass es den Menschen als Arbeitskraft auch in Zukunft braucht, denn er kann viele Dinge, die ein Computer nicht kann. Aber die Jobprofile werden sich massiv verändern, und darauf müssen wir unsere Kinder vorbereiten.

Hand aufs Herz: Wie bereit ist die Schweiz auf einer Skala von 1 bis 10 für die Digitalisierung, die Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann gerne als «Tsunami» bezeichnet?

Mir gefällt dieses Bild nicht, weil es an eine Katastrophe erinnert. Ich würde eher sagen: Die Grosswetterlage ändert sich, aber man kann das auch für sich ausnutzen. Ich gebe der Schweiz die Note 8. Es gibt vieles, was für uns spricht. Aber die Welt wird nicht auf uns warten.

Zur Person

Michael Hengartner ist Rektor der Universität Zürich und seit Anfang 2016 Präsident von Swissuniversities, dem Interessenverband der Hochschulen. Der Naturwissenschafter wurde 1966 in St. Gallen geboren und ist im kanadischen Québec aufgewachsen.

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