BILDUNG: Ein Konto für die freie Schulwahl

Eltern sollen künftig wählen können, wo ihr Kind zur Schule geht. Dafür soll jedes Kind ein eigenes Bildungskonto erhalten. Die Umsetzung dieser Idee hätte aber Tücken.

Jan Flückiger
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Würde die Idee eines Bildungskontos umgesetzt (siehe unten), müssten die Schulen mit «Zückerchen» um die Gunst der Eltern und Schüler werben (Symbolbild Keystone).

Würde die Idee eines Bildungskontos umgesetzt (siehe unten), müssten die Schulen mit «Zückerchen» um die Gunst der Eltern und Schüler werben (Symbolbild Keystone).

Der Vorschlag ist radikal: Die Denkfabrik Avenir Suisse möchte die freie Schulwahl einführen, verbunden mit einem Bildungskonto – und zwar für alle Schulstufen, von der Volksschule bis zur Universität (siehe Kasten). Konkret würde das heissen: Nicht mehr die Schulen erhalten Geld vom Staat, sondern die Eltern erhalten Geld auf ein spezielles Konto, das nur für die Bildung eingesetzt werden darf. Die Eltern (und ab der Volljährigkeit die Schüler selbst) könnten dann frei wählen, welche Schule besucht werden soll. «Heute ist die Schule im Ort oder im Quartier meist ein Monopolist. Wem eine Schule nicht passt, muss umziehen – es sei denn, er kann sich eine Privatschule leisten», sagt Patrik Schellenbauer von Avenir Suisse. In dieser Konstellation gebe es kaum Qualitätswettbewerb.

Schellenbauer sticht mit seinem Vorschlag in ein Wespennest. «Ich bin noch selten so angegriffen worden von Vertretern der Volksschule», sagt er. Der Grund sei, dass die Volksschule als grosse Errungenschaft der modernen Schweiz gelte. Zweifellos sei die Qualität an den Schweizer Schulen hoch, darum spüre man keinen Handlungsdruck. «Doch punkto Wahlfreiheit liegen wir international gesehen weit hinten.»

«Vom Staat bevormundet»

Die Debatte um die freie Schulwahl ist nicht neu. Neu ist allerdings der Vorschlag mit dem Bildungskonto. Für die obligatorische Schulzeit, das heisst die ersten neun Schuljahre und zwei Jahre Kindergarten, sollen den Eltern für jedes Kind 200 000 Franken überwiesen werden. «Das entspricht etwa dem Geld, das heute ausgegeben wird», so Schellenbauer. Allerdings stelle man sich heute kaum die Frage, wie effizient das Geld tatsächlich eingesetzt werde. Schellenbauer hat die unterschiedlichen Ausgaben pro Schüler in den Kantonen mit den Leistungen im Pisa-Test verglichen und kommt zum Schluss: «Unter Kantonen mit ähnlichen Pro-Kopf-Ausgaben gibt es erhebliche Leistungsdifferenzen.» Selbst die Berücksichtigung des Ausländeranteils und anderer Faktoren bringe diese Unterschiede nicht zum Verschwinden. «Mit anderen Worten: Es gibt wahrscheinlich Verbesserungspotenzial, das aber nicht ausgeschöpft wird.»

Doch leider gebe es kaum Zahlen zur Effizienz der Schulen: «Heute fehlt jegliche Transparenz zu Kosten und Qualität der einzelnen Schulen. Man traut Leuten nicht zu, mit solchen Informationen umzugehen.» Die Leute würden vom Staat bevormundet.

Auch ohne Privatschulen denkbar

In Volksabstimmungen wurde die freie Schulwahl stets abgeschmettert – zuletzt in den Kantonen St. Gallen (82,5 Prozent Nein) und Zürich (80 Prozent Nein). Eine Umfrage der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) ergab jedoch, dass die Ablehnung vor allem daher rührt, dass die Bevölkerung keine staatliche Finanzierung von Privatschulen wünscht. 64 Prozent der Befragten sind aber für eine freie Wahl zwischen staatlichen Volksschulen. Deshalb wittert Schellenbauer Morgenluft: «Unser Vorschlag kann auch ohne Privatschulen umgesetzt werden.»

SKBF-Direktor und Bildungsökonom Stefan C. Wolter widerspricht. Zwar spreche nichts gegen eine freie Schulwahl, sofern der Wettbewerb nicht über den Preis, sondern über die Qualität geführt werde. Ein Wettbewerb über den Preis sei schädlich, das zeigten Erfahrungen im Ausland. «Reiche können sich dann bessere Schulen leisten.» Bei einem fixen Preis hingegen brauche es kein Bildungskonto nach dem Modell Avenir Suisse. «Man kann dann einfach den Qualitätswettbewerb spielen lassen, und der Staat kann die Schulen pro Schüler auszahlen.»

Der Lehrerverband spricht sich allerdings so oder so gegen die freie Schulwahl aus, «auch wenn die Privatschulen ausgeschlossen sind», so Präsident Beat W. Zemp. Wenn die Anzahl Schüler für eine Schule nicht mehr planbar sei, würden die Kosten insgesamt steigen – wegen einer schlechteren Raumauslastung und unsicherer Personalplanung. Zudem: «Wir wollen nicht, dass die Eltern ihre Schüler kilometerweit in die Schule fahren», so Zemp.

Wer studiert, profitiert

Das Bildungskonto soll nicht nur für die Grundschule gelten, sondern für den gesamten Bildungsweg. Das heutige System sei insofern unausgewogen, weil jemand, der länger im Bildungssystem bleibe, zum Beispiel, weil er eine Universität besuche, mehr von staatlichen Leistungen profitiere, als jemand, der eine Berufslehre macht und früher fertig ist, so Avenir Suisse.

Das stimme zwar, sagt Bildungsökonom Stefan Wolter. Doch umgekehrt würden Leute, die studieren, später meist besser verdienen und wegen der höheren Progression mehr Steuern bezahlen. «Sie bezahlen ihre Ausbildung also quasi im Nachhinein», so Wolter. Der einzige Haken dabei: Wenn jemand durch eine selbst finanzierte Weiterbildung ebenfalls ein hohes Einkommen erziele, dann zahle er doppelt. Einerseits für die Ausbildung und dann via höhere Steuern.

Missbrauch bei Weiterbildungen

Dennoch sei auch hier das Bildungskonto nicht die richtige Lösung, glaubt Wolter. Denn wenn der Staat Geld für Weiterbildungen zahle, dann müsse er auch die Institutionen kontrollieren, welche diese anbieten. Sonst sei der Missbrauch programmiert. Entsprechende Beispiele aus Frankreich, Spanien und England seien bekannt.

Auch im Bereich des Hochschulstudiums funktioniere das Bildungskonto nicht. Die Ausbildung zum Ingenieur, zum Naturwissenschaftler oder zum Arzt sei nun mal viel teurer als die Ausbildung in Soziologie, Recht oder Wirtschaft. «Der Staat müsste dann gewisse Studien verbilligen, damit es genügend Studenten gibt.» Dadurch würden die Universitäten wiederum motiviert, ihren Studienplan nach staatlichen Fördergeldern auszurichten. Insgesamt zieht Wolter darum ein negatives Fazit: «Avenir Suisse versucht, viele verschiedene Probleme mit einem einzigen Medikament – dem Bildungskonto – zu bekämpfen. Die Nebenwirkungen sind aber grösser als die Wirkung an sich.»

HINWEIS

Die Idee ist einer von 44 Vorschlägen aus dem neuesten Buch von Avenir Suisse: «Ideen für die Schweiz», erschienen im NZZ-Verlag.

Geld vom Kindergarten bis zum Doktortitel

Vorschlag flj. Avenir Suisse schlägt vor, jedem Kind – zum Beispiel im Alter von vier Jahren – einen identischen Betrag auf ein Bildungskonto gutzuschreiben. Mit diesem Geld dürften nur staatlich anerkannte Bildungsleistungen finanziert werden. Ziel: Die Bildungsangebote würden kostenpflichtig, und die Anbieter stünden damit miteinander im Wettbewerb.

Pro Jahr fliessen zirka 30 Milliarden Franken öffentliche Gelder in die Bildung. Die einfachste Variante gemäss Avenir Suisse wäre es, diesen Gesamtbetrag gleichmässig auf einen Jahrgang aufzuteilen. Das Problem: Damit wären Studierende mit einer massiven Finanzierungslücke konfrontiert, während jemand, der eine Berufslehre macht, die Mittel gar nicht ausschöpfen würde. Deshalb schlägt Avenir Suisse vor, das Konto gestaffelt zu füllen:
200 000 Franken für die obligatorische Schulzeit, inklusive Kindergarten
50 000 Franken für die Sekundarstufe II, also Gymnasium, Berufslehre, Fachmittelschule oder Berufsbildung
und 80 000 bis 100 000 Franken für jemanden, der sich für den höchsten Bildungsweg entscheidet. 80 000 Franken gäbe es für eine Fachhochschule oder Pädagogische Hochschule, 100 000 Franken für ein Studium an der Universität.

Diese Zahlen seien Vorschläge, die sich am Ist-Zustand ausrichteten, so Avenir Suisse. Für den Besuch des Gymnasiums würde das Geld nicht reichen, etwa 15 Prozent müssten selbst finanziert werden. Umgekehrt hätten Absolventen einer Berufslehre am Ende der Lehre noch etwas Geld übrig, das später für die Weiterbildung eingesetzt werden könnte. Damit würde bestehenden Ungleichheiten entgegen gewirkt.Ein gesondertes Problem sei, dass Studiengänge an der Universität unterschiedlich viel kosteten. Allenfalls müssten Hochschulen einen Ausgleich zwischen teuren und günstigen Fächern schaffen. Auch mit Stipendien könne dieses Problem abgefedert werden.