BILDUNG: Französischpflicht weckt Unmut

Die Erziehungs- direktoren wollen angehende Lehrer verpflichten, eine Landessprache zu studieren. An diesem Vorschlag scheiden sich die Geister.

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Angehende Lehrer sollen verpflichtet sein, in ihrer Ausbildung eine Landessprache zu belegen. So will es die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK). (Bild: Getty)

Angehende Lehrer sollen verpflichtet sein, in ihrer Ausbildung eine Landessprache zu belegen. So will es die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK). (Bild: Getty)

Deborah Stoffel

Beim Fremdsprachenunterricht an der Volksschule harzt es: Lehrer klagen über überforderte Schüler. Und selbst die Studierenden an den Pädagogischen Hochschulen (PH) bekunden grosse Mühe mit Englisch und Französisch.

Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) hat angesichts der Problemlage im Sommer einen Massnahmenkatalog in die Anhörung geschickt, mit dem Ziel, den Unterricht zu verbessern. Aus der langen Aufzählung von Empfehlungen sticht eine besonders hervor: An den PH soll die Fächerkombination eingeschränkt werden, damit die angehenden Lehrer auf Sekundarstufe 1 eine Landessprache belegen. Für die Deutschschweiz bedeutet das faktisch nichts anderes als einen Französischzwang.

Mangel an Französischlehrern

Der Vorschlag überrascht nicht. Schulleiter klagen seit längerem über einen Mangel an Französischlehrern. Der Schweizer Schulleiterverband verschickte im Juni ein Schreiben, wonach die Studierenden immer seltener Französisch als Ausbildungsfach wählten, insbesondere in der Innerschweiz. Und der Verband warnt, dass in absehbarer Zeit Französischlehrer fehlen würden. Dabei seien die Ursachen für die Ausbildungsmisere teilweise «hausgemacht». Laut dem Verband sorgen die in vielen Deutschschweizer Kantonen lancierten Fremdspracheninitiativen für Unsicherheit. Sie fordern, dass nur noch eine Fremdsprache auf Primarschulstufe unterrichtet wird. Solange diese Frage nicht geklärt ist, wird das Studienfach Französisch nicht attraktiver.

Uneins in der Innerschweiz

Die Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden und Zug haben via Bildungsdirektorenkonferenz der Zentralschweiz (BKZ) gemeinsam zu den Empfehlungen der EDK Stellung bezogen. Sie unterstützen den Französischzwang, regen jedoch an, dass die Einschränkung nicht nur für Lehrpersonen der Sekundarstufe 1, sondern auf allen Stufen gelten sollte. Denn es gebe auch viele Kantone, die Mühe hätten, Primarschullehrer mit Französischkompetenzen zu finden, sagt Arthur Wolfisberg, BKZ-Geschäftsführer.

Selbst in der Innerschweiz gehen die Meinungen auseinander. So hat sich der Kanton Luzern in einer eigenen Stellungnahme abweichend geäussert: Man stehe einem Französischzwang sehr kritisch gegenüber, schrieb das Luzerner Bildungsdepartement an die EDK. Primär müsse die Qualität der Lehrerausbildung verbessert werden.

Eine erzwungene Fächerkombination würde nach Ansicht des Kantons Luzern die Qualität eher verschlechtern. Vielmehr erachtet Luzern andere Massnahmen als wirkungsvoll, um angehende Lehrer für das Fach Französisch zu begeistern. Zum Beispiel sollten mehr Schüler die Matura zweisprachig absolvieren. Auch bei den Pädagogischen Hochschulen kristallisiert sich noch keine einhellige Meinung heraus. Wie der Kanton Luzern kritisiert die PH Luzern den Französischzwang: Er sei nicht zielführend. Wenn man angehende Lehrer dazu zwinge, ein Fach zu unterrichten, führe das zu keinem guten Unterricht, sagt Michael Zutavern, stellvertretender Rektor an der PH Luzern. Beliebt ist Französisch an der PH Luzern sowieso nicht: Nur gerade 23 Prozent der Sekundarstufe-1-Studierenden wählen das Fach.

Grosse Lücke muss gefüllt werden

Die PH Schwyz bildet nur Primar- und Mittelstufenlehrer aus und äussert sich deshalb nicht zum Vorschlag. Luc Ulmer, Kommunikationsleiter der PH Zug, mag den EDK-Vorschlag auch nicht kommentieren. Er betont aber, genügend Lehrer mit guten Sprachkenntnissen für die Primarschulstufe zu finden, sei ein Problem. Seit im Kanton Zug vor zehn Jahren Französisch als neues Schulfach eingeführt wurde, hätten sich zu wenige Lehrpersonen sprachlich «nachqualifiziert». Entsprechend müssten die jetzigen PH-Studenten eine grosse Lücke füllen.

Überforderte Studenten

Die Zahlen zeigen aber, dass Englisch bei den Studierenden dreimal beliebter ist als Französisch: 30 Prozent der Studierenden wählen Französisch, 90 Prozent Englisch. Kommt hinzu: Für die Studenten ist es schwierig, in den drei Ausbildungsjahren zwei Fremdsprachen auf dem verlangten Niveau abzuschliessen. «Das ist praktisch unmöglich», sagt Ulmer. Bei dieser Ausgangslage überrascht es nicht, dass Eltern und Lehrer in Kantonen mit Frühfranzösisch, wie Bern, den Unterricht vehement kritisieren. «Vier Jahre Französisch, und sie können kaum sprechen», titelte die Berner Zeitung gestern.

Und wie steht die EDK zu dieser Kritik? Sie äussert sich noch nicht zur Anhörung. Man werde zu einem späteren Zeitpunkt über die Resultate informieren, sagt Pressesprecherin Andrea Zgraggen.