BILDUNG: Geisteswissenschaftler im Gegenwind

Mit Schlagwörtern wie «Doktor arbeitslos» wird gegen Geisteswissenschaftler polemisiert. Zu Unrecht: Ihre Jobaussichten sind hervorragend.

Kari Kälin
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Studierende an der Universität Luzern. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Studierende an der Universität Luzern. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Vielleicht hat die Welt nicht auf eine neue Dissertation über Bertolt Brecht gewartet. Wahrscheinlich wird eine Masterarbeit über die Wallfahrten nach Einsiedeln zur Zeit des Kulturkampfs auch nicht das Bruttoinlandprodukt ankurbeln. Oder anders formuliert: Ein konkreter wirtschaftlicher Nutzen eines geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studiums scheint auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Dennoch hält der Ansturm auf diese Studienrichtung ungebremst an. 1995 waren knapp 29 000, letztes Jahr bereits mehr als 43 000 Studenten in entsprechenden Fächern eingeschrieben. Bei den technischen Wissenschaften und den Naturwissenschaften fällt das Wachstum bescheidener aus.

Gleichzeitig klagt die Wirtschaft über einen Fachkräftemangel. Jedes Jahr müssen zahlreiche Ingenieure oder Informatiker aus dem Ausland rekrutiert werden. Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse liess diese Woche verlauten: «Der grosse Andrang in gewissen geisteswissenschaftlichen Fächern geht an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes vorbei.» Volkswirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann (FDP) will deshalb die Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technologie) fördern – am besten schon im Kindergarten, wie er gegenüber der Zeitung «Der Sonntag» sagte.

Ruf nach Numerus clausus

Nun befeuert Christian Amsler (FDP), Schaffhauser Regierungsrat und Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz, die Debatte um die richtige Studienwahl mit einer Provokation. Ein Numerus clausus bei den Geistes- und Sozialwissenschaften wäre zwar ein «Stich ins Pädagogenherz», sagte der FDP-Politiker Anfang Jahr in der Sendung «10 vor 10». Doch bei Fachrichtungen, bei denen es für zu viele Studenten zu wenige Jobs habe, müsse man hinsehen und auch «zulangen». Amsler wiederholte eine Forderung, die er bereits im November via «Sonntagszeitung» lanciert hatte. «Eine Zulassungsbeschränkung für unrentable Studienrichtungen wäre denkbar», sagte er damals. So hätten etwa Ethnologen, Soziologen und Geisteswissenschaftler «keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt».

Unterstützung erhielt Amsler kurz darauf von prominenter Seite. Im «Tages-Anzeiger» stichelte Rudolf Strahm, ehemaliger Preisüberwacher und alt SP-Nationalrat, gegen die Geistes- und Sozialwissenschaftler: «Obschon es bloss einige Dutzend neue Fachhistoriker jährlich braucht, gab es letztes Jahr 4282 Studierende mit Hauptfach Geschichte oder Kunstgeschichte.» Insgesamt stünden 44 000 Studierenden in Geistes- und Sozialwissenschaften 22 000 in exakten und naturwissenschaftlichen Richtungen gegenüber. «Da spielt eine gewisse Tragik mit: Mitte Jahr waren 2337 arbeitslose Doktoranden bei Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) gemeldet (bei 3500 Doktordiplomen pro Jahr). Bereits ist die Rede von ‹Doktor arbeitslos›», so Strahm.

Schwierigkeiten bei Stellensuche

Die Geistes- und Sozialwissenschaftler geraten so zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Doch präsentiert sich ihre Lage wirklich derart desaströs? Bilden wir Heerscharen von Historikern aus, die vom Hörsaal direkt zum Arbeitslosenamt rennen, weil ihre Fähigkeiten in der Wirtschaft nicht zu gebrauchen sind?

Tatsächlich bekundet mehr als die Hälfte der Geistes- und Sozialwissenschaftler Schwierigkeiten bei der Stellensuche. Dies geht aus einer Befragung hervor, die das Bundesamt für Statistik (BFS) bei Universitätsabgängern ein Jahr nach Studienabschluss durchgeführt hat. Naturwissenschaftler (37,8 Prozent), Ingenieure und Juristen (beide 27,3 Prozent) finden nach der Uni leichter einen Brotberuf. Die Geistes- und Sozialwissenschaftler weisen ein Jahr nach dem Austritt aus der Universität (abgesehen von den Akademikern mit interdisziplinären Abschlüssen) mit 4,6 Prozent auch die höchste Erwerbslosenquote auf. Als erwerbslos gelten Personen, die in den letzten vier Wochen eine Arbeit suchten. Sie sind nicht zwingend bei der Arbeitslosenkasse angemeldet.

Juristen schneiden schlechter ab

Fünf Jahre nach Erhalt des Diploms wendet sich aber das Blatt. Der Schweizer Arbeitsmarkt ist robust, davon profitieren auch die Geistes- und Sozialwissenschaftler. Nur 2,2 Prozent sind erwerbslos, Juristen (2,7 Prozent) und Naturwissenschaftler (2,5 Prozent) schneiden schlechter ab. Auch die Löhne sind anständig. Der Median liegt fünf Jahre nach dem Studium bei 90 000 Franken pro Jahr. Das bedeutet, dass die Hälfte der Absolventen jeweils mehr und die andere weniger verdient.

Kurzum: Die Fakten widerlegen Strahms Diagnose des «Doktor arbeitslos». Und entgegen den Behauptungen Christian Amslers haben Geistes- und Sozialwissenschaftler hervorragende Aussichten auf dem Arbeitsmarkt.

Weshalb schlägt ihnen bisweilen dennoch ein eisiger Wind entgegen? Markus Zürcher, Generalsekretär der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, spricht von einem «gewissen Antiintellektualismus», der – auch von Personen wie Rudolf Strahm, der sich seit geraumer Zeit als Besserwisser der Nation aufspiele – kultiviert werde. Einen Numerus clausus für diese Studienrichtungen lehnt er denn auch vehement ab.

Zwar glaubt auch Zürcher, dass Historiker, Soziologen, Politologen usw. während des Studiums zu wenig Kompetenzen erwerben, die im Arbeitsmarkt gefragt sind. In Wirtschaft und Verwaltung erwarte man zum Beispiel, dass Studienabgänger gut schreiben, sich kurz, knapp und präzise ausdrücken können. Solche Fähigkeiten würden an den Universitäten zu wenig gelehrt. Es dominiere der akademische Schreibstil. «Das ist vielleicht ein Grund, weshalb die Geistes- und Sozialwissenschaftler ein Jahr nach Studienabschluss nicht so gut dastehen», sagt Zürcher. Fünf Jahre nach Studienabschluss zeige sich aber, dass zum Beispiel Juristen und Naturwissenschaftler einen schlechteren Karriereverlauf hätten. Für Zürcher ist klar: Die relative allgemeine Qualifikation eines Geistes- und Sozialwissenschaftlers ist bei der sich rasch wandelnden, flexiblen Arbeitswelt ein Trumpf.

Freysinger: «Koch oder Gärtner»

Zürcher verweist auf das Marketing, wo zum Beispiel Fähigkeiten gefragt seien, die man in diesen Studienrichtungen erwerbe. «Die Schweizer Schokolade ist nicht die Nummer eins, weil wir den Kakao besser verarbeiten als die Belgier, sondern weil ein besseres Marketing dahintersteckt. Das ist eine Leistung der Geisteswissenschaftler», so Zürcher. In naturwissenschaftlichen Studien eigne man sich hingegen spezifische Kompetenzen an, die in ein paar Jahren auf dem Arbeitsmarkt vielleicht nicht mehr zwingend gefragt seien.

Zürcher glaubt nicht, dass man mit Platzbeschränkungen bei den Geistes- und Sozialwissenschaften den Fachkräftemangel behebt. «Aus einem Historiker wird nicht automatisch ein Naturwissenschaftler.» Gleicher Meinung ist der Walliser SVP-Nationalrat und Germanist Oskar Freysinger. In einem Interview mit der Online-Ausgabe des «Tages-Anzeigers» offenbarte er, dass er lieber Koch oder Gärtner geworden wäre, wenn er nicht Literatur hätte studieren können. «Ich hätte garantiert nie Naturwissenschaften studiert.»

Frauen begeistern

Bleibt die Frage zu klären, was sich gegen den Fachkräftemangel im Mint-Bereich machen liesse. Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse, sieht zwei Möglichkeiten: Erstens solle man die Mint-Fächer schon an der Volksschule stärker gewichten, um die Freude an technischen Fragestellungen zu wecken. Zweitens sollen vermehrt auch Frauen dafür begeistert werden. Im Moment sei die Wirtschaft auf die Zuwanderung angewiesen, um den Bedarf an Ingenieuren und Informatikern zu decken. Obwohl auch Economiesuisse moniert, der Andrang bei den Geisteswissenschaften ziele an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes vorbei, warnt Minsch vor einem Eindreschen auf Geisteswissenschaftler. Einen Numerus clausus lehnt er ab. Auch mit einem hochstehenden Geschichts- oder Literaturstudium könne man eine Karriere als Topmanager einschlagen. Wichtig sei, dass in diesen Studiengängen die Fähigkeit zum systematischen, analytischen Denken vermittelt werde. Bei einigen Boomfächern, zum Beispiel bei den Kommunikationswissenschaften, setzt Minsch jedoch Fragezeichen. Das Betreuungsverhältnis sei schlecht, darunter leide die Qualität des Studiums. «Die Hochschulen müssen auch in Mode- fächern permanent eine hohe Qualität gewährleisten», fordert Minsch.

«Cool, nicht wahr?»

Der Berner FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen ist Präsident der nationalrätlichen Bildungskommission. Er fordert, die Fachhochschulen, ETHs und Universitäten sollen die Mint-Fächer fördern und attraktiver gestalten, um den Fachkräftemangel zu entschärfen. Er als Maschineningenieur, ausgebildet an einer Fachhochschule, frage junge Leute auch immer, wer das iPhone entwickelt habe. Die Antwort lautet: «Der Ingenieur, cool, nicht wahr?» Das hört sich wohl in der Tat cooler an als eine Dissertation über Bertolt Brecht oder eine Masterarbeit über die Wallfahrt. Der Trost: Auch mit solchen Beiträgen sind die Jobaussichten glänzend.