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BILDUNG: «Informatik müsste Pflichtfach sein»

Die Schweizer Universitäten brauchen die Personenfreizügigkeit, sagt ihr Präsident Michael Hengartner. Und er fordert eine bessere Informatikausbildung in den Gymnasien.
Interview Fabian Fellmann
Gymnasiasten sollen nicht nur über Textverarbeitungsprogramme Bescheid wissen, sondern ein Grundverständnis über Informatik haben. (Bild: AFP/Martin Bureau)

Gymnasiasten sollen nicht nur über Textverarbeitungsprogramme Bescheid wissen, sondern ein Grundverständnis über Informatik haben. (Bild: AFP/Martin Bureau)

Michael Hengartner, an Ihrer Universität hat vor 70 Jahren Winston Churchill seine berühmte Rede mit einem Plädoyer für ein geeintes Europa gehalten. Am Montag werden Sie zum Jubiläum wieder hohe Gäste empfangen. Welche Erwartungen hegen Sie?

Michael Hengartner: Wir freuen uns, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Bundespräsident Johann Schneider-Ammann eine Gelegenheit bieten zu können, sich persönlich auszutauschen. Zweieinhalb Jahre sind nun vergangen seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative. Jetzt wird es interessant, wie es mit den bilateralen Verträgen und besonders der Personenfreizügigkeit weitergeht.

Was wünschen Sie sich von EU-Kommissionspräsident Juncker zu hören?

Hengartner: Es wäre schön, von Juncker zu hören, dass er versteht, dass man nicht alle Länder in Europa immer gleich behandeln kann, dass die Schweiz gewissen Herausforderungen ausgesetzt ist, welche andere europäische Länder nicht kennen. Zudem wünsche ich mir ein Bekenntnis der Europäischen Union zu einer konstruktiven Weiterentwicklung ihrer Beziehungen mit der Schweiz mit dem Ziel, Frieden, Freiheit und Wohlstand sowohl in der Schweiz wie auch in der EU zu fördern. Dafür wird es sicher Pragmatismus und Kompromissbereitschaft von beiden Seiten brauchen.

Die Verhandlungen zwischen der Schweiz und der EU gehen in die Endphase. Ausgerechnet beim für die Forschung wichtigen Zugang zu den EU-Forschungstöpfen Horizon 2020 müssen Sie aber noch warten.

Hengartner: Je länger es dauert, bis wir bei Horizon 2020 wieder voll assoziiert sind, desto mehr Schaden wird angerichtet. Nach der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative wurde die Schweiz zum Drittland deklassiert. Seither hat sich die Beteiligung unserer Forschenden bei Horizon 2020 halbiert. Wir nehmen zehnmal weniger Führungsrollen in europäischen Forschungsprojekten ein als vorher. Gute Forscher kommen nicht in die Schweiz, weil sie hier nicht mehr genug Sicherheit für ihre Projektfinanzierung haben und sie nicht wissen, wie die Zukunft aussieht. Lässt sich diese Unsicherheit in den kommenden Monaten aufheben, ist das sehr positiv für den Innovationsstandort.

Gleichzeitig müssten sich die Hochschulen aber jetzt nach Alternativen umschauen und stärker mit den Partnern in Asien und den USA zusammenarbeiten.

Hengartner: Wir arbeiten mit allen zusammen, wenn es Sinn ergibt, mit Asien und sehr intensiv mit Nordamerika. Aber die geografische Nähe zur EU können wir nicht ignorieren und kompensieren. Jede zweite schweizerische Forschergruppe arbeitet mit europäischen Partnern zusammen, nur ein Drittel mit anderen Schweizer Gruppen.

Zum EU-Austauschprogramm Erasmus erhält die Schweiz aber weiterhin keinen Zugang. Die Schweizer scheinen es auch nicht sonderlich zu vermissen.

Hengartner: Wir streben auch bei Erasmus wieder eine Vollassoziierung an. Ein Semester an einer anderen Hochschule, in einem neuen Umfeld wirkt sich sehr positiv auf die Bildungsbiografie unserer Studierenden aus. Ich wünsche mir, dass noch viele mehr von dieser Erfahrung profitieren könnten. Zusätzlich zum internationalen Austauschprogramm wünschte ich mir aber auch ein Austauschprogramm zwischen den Sprachregionen der Schweiz. Geht heute eine Zürcher Studentin nach München oder Berlin, kriegt sie Unterstützung, jedoch nicht, wenn sie ein Semester in Genf studiert. Hier könnten die Universitäten einen Beitrag zur Kohäsion der Schweiz – zu gegenseitigem Verständnis und Wertschätzung – leisten.

Der Bundesrat will das Frühfranzösisch fördern. Was halten Sie davon?

Hengartner: Wir Universitäten erwarten, dass die Studierenden Fähigkeiten in ihrer Erstsprache, Mathematikkenntnisse und Selbstverantwortung mitbringen. Wenn sie nicht in der Lage sind, mit Zahlen umzugehen, einen Text zu analysieren und zusammenhängende Sätze zu schreiben, können wir das an der Universität kaum mehr aufholen. Wenn man an der Uni noch Dreisätze erklären muss, kommt man einfach nicht weiter. Ausserdem bin ich überzeugt, dass alle Matura-Abgänger künftig auch Informatikkenntnisse haben müssen.

Wie meinen Sie das?

Hengartner: Ich bin persönlich der Meinung, dass Informatik ein Pflichtfach an Gymnasien sein müsste. Wir reden dabei nicht über Textverarbeitung in Word, sondern über das Grundverständnis, wie Computer und Netzwerke wie das Internet funktionieren, was ein Algorithmus ist und so weiter. In der digitalisierten Gesellschaft der Zukunft wird dieses Wissen unabdingbar sein. Einige Kantone haben das bereits erkannt, in den anderen gibt es Bestrebungen, den Informatikunterricht jetzt auf die Agenda zu setzen.

Es ist denkbar, dass die Schweizer bald wieder über die Beziehungen zur EU abstimmen werden. Planen die Universitäten, sich in dem Abstimmungskampf stark zu engagieren, anders als bei der Masseneinwanderungsinitiative?

Hengartner: Ja, wir haben unsere Lehren daraus gezogen. Auch bei der Abstimmung über die Ecopop-Initiative waren wir sehr aktiv. Unsere Botschaft ist, dass unser langfristiger Wohlstand gefährdet ist, wenn es den Hochschulen, dem Forschungs- und Innovationsstandort Schweiz nicht gut geht.

Den Hochschulen geht es gut. Der Ständerat hat den Kredit um 395 Millionen Franken erhöht.

Hengartner: Wir begrüssen sehr, dass der Ständerat diese massvolle Erhöhung beschlossen hat. Eigentlich ist es nur eine Minderung der Sparmassnahmen, die im Dezember kommen werden. Das Geld brauchen wir unter anderem, weil die Studierendenzahlen steigen, bei den Fachhochschulen sogar stärker als die Bundesbeiträge. Die Schweiz ist zurzeit gut positioniert im globalen Bildungsumfeld. Aber andere Länder stocken ihre Forschungsbudgets viel mehr auf. Wir dürfen uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen, sondern müssen uns voll einsetzen, um den ersten Platz bei der Innovationskraft zu verteidigen.

Wie profitieren die Universitäten von den Bilateralen?

Hengartner: Die Universitäten sind seit ihrer Gründung auf eine Form der Personenfreizügigkeit angewiesen. Huldrich Zwingli studierte in Wien, Alfred Escher in Bonn und Berlin. Die Schweiz ist in dieser Beziehung einzigartig: Hier lehren und forschen mehr Ausländer als Schweizer Bürger. Gleichzeitig sind wir das Land mit der zweitgrössten Forscherdiaspora: Die Schweizer Forschergemeinde im Ausland ist proportional zur Bevölkerung grösser als die irgendeines anderen Lands auf der Welt, mit Ausnahme Indiens. Es ist wichtig, dass unsere Jungen ins Ausland gehen können und mit neuen Erfahrungen zurückkehren. Der Austausch von Ideen ist essenziell, er macht die Schweiz so attraktiv als Innovationsstandort. Dieses Potenzial müssen wir weiterhin nutzen. Unser Wohlstand hängt davon ab, dass in der Schweiz gescheite, gut ausgebildete Menschen leben und ihre innovativen Ideen umsetzen können.

Das ginge auch mit Kontingenten.

Hengartner: Die Personenfreizügigkeit hat die Situation der Hochschulen deutlich verbessert. In die Schweiz zu kommen, war für viele gut ausgebildete Ausländer eine fundamentale Entscheidung. Mit der Personenfreizügigkeit ist es weniger aufwendig geworden, und die Leute können sicher sein, dass sie hier bleiben dürfen.

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