BILDUNG: Nur wenig Lust auf Technik und Mathe

In der Schweiz studieren heute mehr Frauen Physik und Mathe. Trotzdem steht unser Land in einer internationalen Studie schlecht da.

Sermîn Faki
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Nur wenig Lust auf Technik und Mathe (Bild: Keystone/AP Photo/Jörg Sarbach)

Nur wenig Lust auf Technik und Mathe (Bild: Keystone/AP Photo/Jörg Sarbach)

«Fachkräfte», sagte Bundesrat Johann Schneider-Ammann am Freitag vor den Medien in Bern, «sind das entscheidende Element für die Wirtschaft.» Doch diese Fachkräfte drohen der Schweiz auszugehen. Einerseits, weil die Schweizer Bevölkerung künftig schrumpfen wird, wie der Wirtschaftsminister ausführte. Andererseits, weil die Wirtschaft nach Annahme der Masseneinwanderungsinitiative am 9. Februar die benötigten Fachkräfte nicht mehr so einfach wie bisher im Ausland rekrutieren kann.

Um den Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften langfristig zu sichern, werde der Bundesrat seine bereits aufgegleisten Massnahmen intensivieren, so Schneider-Ammann. Grosses Potenzial sieht er in der Erhöhung der Erwerbstätigkeit von Frauen, die heute vielfach in tiefen Teilzeitpensen arbeiten. Allerdings wird es nicht ausreichen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern und steuerliche Anreize für Doppelverdiener zu schaffen. Die Frauen müssen auch in den richtigen Berufen arbeiten. Besonders gross ist der Mangel an Fachkräften im Mint-Bereich – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Das Ziel müssten daher Ingenieurinnen, Physikerinnen und IT-Spezialistinnen sein.

Letzte Plätze für die Schweiz

Doch an dieser Aufgabe beisst sich die Schweiz weiterhin die Zähne aus, wie der neue Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beweist. Zwar studieren hierzulande heute mehr Frauen Physik und Mathe als früher. Doch im Vergleich zu anderen Staaten schneidet die sonst Spitzenplätze gewohnte Schweiz schlecht ab. In Mathe und IT landet sie auf dem letzten Platz. Gemäss OECD ist nicht einmal jeder zehnte Informatikstudierende an Schweizer Unis und Fachhochschulen weiblich – bei Spitzenreiter Irland machen Frauen 42 Prozent der IT-Studenten aus. In anderen Fächern ist die Bilanz ähnlich desaströs (siehe Grafik).

Beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation gibt man sich dennoch optimistisch. «Die Zahlen zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind», sagt Corina Wirth, wissenschaftliche Beraterin für den Mint-Bereich. «Mathematik, Physik und auch Ingenieurwissenschaften sind in der Schweiz nun einmal traditionelle Männerfächer. Da kann man nicht erwarten, dass sich die Studierendenzahlen von Männern und Frauen innerhalb von zehn Jahren angleichen.» Nur: Warum kann ein Land wie Saudi-Arabien – sonst weniger bekannt für Frauenförderung – Traum-Frauenquoten in den Mint-Fächern vorweisen? Wirth erklärt, dass es in reformiert geprägten Ländern wie der Schweiz schwieriger sei, Frauen für Naturwissenschaften zu begeistern, als in katholischen und muslimischen. Ausserdem biete eine technische Ausbildung in aufstrebenden Staaten mehr Perspektiven als in hoch industrialisierten, gesättigten Volkswirtschaften.

Die Politik weiss seit Jahren, dass sie handeln muss. Die Erhöhung des Frauenanteils in Mint-Fächern ist sogar eines der Legislaturziele des Bundesrats; das Parlament hat Millionen Franken dafür bewilligt. Und drucken über 200 private und öffentliche Initiativen zur Mint-Förderung Flyer, veranstalten Tagungen und bieten Weiterbildungen für Lehrer an. Wie viel das bringt, ist allerdings umstritten: Wer lässt sich schon von einer Broschüre begeistern? Selbst Corina Wirth sagt: «Angesichts der nach wie vor zu tiefen Zahlen kann man sich schon fragen, ob wir bisher auf die richtigen Rezepte gesetzt haben.»

Förderung im Kleinkindalter

Studien zeigen, dass der Entscheid für oder gegen eine Mint-Ausbildung vor dem 15. Lebensjahr gefällt wird. Also muss die Begeisterung dafür schon vorher geweckt werden, folgern Experten. Hier stehen vor allem Kantone und Gemeinden in der Pflicht, denn sie sind bis zu diesem Zeitpunkt für die Bildung verantwortlich. Béatrice Miller, stellvertretende Generalsekretärin der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften, plädiert dafür, dass die Förderung schon viel früher beginnt (siehe Interview). Davon ist auch Wirtschaftsminister Schneider-Ammann überzeugt, der früher als Unternehmer ebenfalls Mühe hatte, Frauen für die technischen Ausbildungen zu finden. Für ihn ist klar: «Vor dem Hintergrund der kommenden Herausforderungen müssen wir noch mehr tun.»