BILDUNG: Unter gleich Guten lernt es sich besser

Neue Studien zeigen: Schüler liefern bessere Resultate, wenn man sie in leistungsgetrennten Klassen unterrichtet. In der Schweiz läuft der Trend in die Gegenrichtung.

Kari Kälin
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Er weiss die Lösung: Ein Primarschüler im Kanton Graubünden. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Er weiss die Lösung: Ein Primarschüler im Kanton Graubünden. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Wer lernt besser? Hochbegabte Schüler, die in Klassen mit ihresgleichen unterrichtet werden, oder hochbegabte Schüler, die in Regelklassen sitzen? Von 2008 bis 2012 beobachtete Wolfgang Schneider, Professor für Psychologie an der Universität Würzburg, mit Forschungskollegen mehr als 1000 Schüler aus acht Gymnasien in den deutschen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg. Vor zwei Wochen hat er eindeutige Resultate präsentiert: Ob Deutsch, Mathematik, Englisch oder Biologie: In all diesen Fächern schneiden Schüler aus Hochbegabten­klassen besser ab als hochbegabte Schüler in Regelklassen. Sie haben generell mehr Freude am Denken. Kurzum: Spezielle Klassen erweisen sich für Hochbegabte als Segen.

Für Schneider liefern die Studienergebnisse auf jeden Fall ein Argument, die Klassen gemäss Begabungen und Fähigkeiten einzuteilen. «Sie laufen dem derzeitigen Trend zur Integration von Schülern mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen entgegen», sagt er. Gleich wie in der Schweiz lautet die Losung in Deutschland, Schüler aller Niveaus in Regelklassen einzugliedern. Dabei seien in Deutschland die Leistungsunterschiede sogar an Gymnasien gross. So gross, dass die Lehrer den unterschiedlichen Bedürfnissen in einer Klasse mit noch so differenzierter Unterrichtsgestaltung kaum noch gerecht werden könnten.

Wie ein Amateur bei Barcelona

Die Bildung homogener Klassen, sagt Schneider, könne auch auf der Grundstufe – das entspricht der Primarschule in der Schweiz – sinnvoll sein. Zwar spreche vieles für die Integration lernschwacher Kinder in Regelklassen. Aber wenn – wie in Deutschland – die Lehrer zu wenig Unterstützung erhielten und das Leistungsgefälle zu gross werde, entstünden Probleme. Zudem stelle sich die Frage, ob sich Kinder mit Lernschwierigkeiten wirklich wohl fühlten, wenn sie von Gleichaltrigen umgeben seien, die alles besser könnten.

Man könnte es auch so sagen: Es mag ja nett sein, wenn ein Regionalfussballer beim FC Barcelona mitspielen darf. Doch vermutlich wird er nie einen Ball sehen – und ganz sicher nie dribbeln können wie Messi. Stattdessen wird er stets mit der frustrierenden Tatsache konfrontiert, dass der Rest der Gruppe massiv geschickter und erfolgreich kickt.

Separation hilft Schwachen

Zu einem ähnlichen Befund wie Schneider kommt eine Studie aus den USA, die Courtney A. Collins und Li Gan vom renommierten National bureau of economic research im Februar veröffentlicht haben («Does sorting students improve scores?»). Sie untersuchten die Resultate von 9325 Kindern im Alter von acht bis neun Jahren in 135 verschiedenen Schulen in der Stadt Dallas im Bundesstaat Texas. Das Resultat: Bildet man Klassen mit geringem Leistungsgefälle, erbringen die Schüler im Rechnen und im Lesen signifikant bessere Ergebnisse, als wenn sie in Klassen mit grossen Leistungsunterschieden sitzen. Von der Separation profitieren gemäss den Studienautoren nicht nur die starken Schüler, sondern auch jene mit Schwierigkeiten, weil die Lehrer das Lerntempo besser den Ansprüchen der Klasse anpassen können. «Lehrer von schwächeren Schülern legen den Fokus vielleicht auf die Verbesserung von Basisfähigkeiten, während Lehrer von starken Schülern herausforderndes Unterrichtsmaterial präsentieren», schreiben die Autoren.

Das Fazit der beiden Studien lautet also: Unter gleich Guten lernt es sich besser, und die Bildung von homogenen Klassen macht Sinn. Was bedeutet das für die Schweiz?

Kleinklassen als Auslaufmodell

Hierzulande läuft der Trend genau in die umgekehrte Richtung. Das pädagogische Gebot der Stunde lautet Integrative Förderung (IF), also die Integration von Kindern mit unterschiedlichster Begabung in die Regelklasse, sei es auf der Primar- oder der Oberstufe. Das bedeutet: Schüler, die etwa Lernschwierigkeiten haben, zappelig oder sonst verhaltensauffällig sind, besuchen den «normalen» Unterricht. In einzelnen Lektionen erhalten Sie Unterstützung von Heilpädagogen und anderen Fachpersonen.

Die Basis für IF bildet das «Sonderpädagogik-Konkordat», dem bereits 10 von 18 Deutschschweizer Kantonen, darunter Obwalden, Luzern und Uri, beigetreten sind. Integrative Lösungen, legt das Konkordat als Grundsatz fest, seien separierenden Lösungen vorzuziehen. Oder anders formuliert. Niemand soll aufgrund seiner Lernschwierigkeiten zum Hilfsschüler abgestempelt werden.

Damit sind sogenannte Kleinklassen und Werkschulen, in denen früher lernschwache Kinder das Abc und Einmaleins lernten, zu pädagogischen Auslaufmodellen geworden. Ihre Zahl sinkt, im Kanton Luzern müssten sie seit diesem Schuljahr sogar von Gesetzes wegen gänzlich abgeschafft sein. Acht Gemeinden erhielten vom Kanton jedoch eine Sonderbewilligung zur Weiterführung der Kleinklassen auf der Sekundarstufe.

Unter diesen Gemeinden findet sich Zell, wo Franz Gassmann seit 35 Jahren als Werkschullehrer wirkt. Die neuen Studienergebnisse aus Deutschland und den USA erstaunen den 62-jährigen, erfahrenen Pädagogen nicht. Die Zustände bei der Integrierten Förderung kritisiert er scharf. Im Kanton Luzern verfüge die Hälfte der Lehrer, die IF-Schüler betreuten, nicht über die entsprechende Ausbildung. Für IF-Schüler stünden zudem viel zu wenig Förderlektionen zur Verfügung. Es mangle an geeignetem Lernmaterial und Räumen, die Klassen seien viel zu gross. Er kenne praktisch keine Lehrer, die IF begrüssen. Für Gassmann ist klar: Die Bildungspolitiker haben das System über die Köpfe der Lehrer hinweg installiert und betreiben Augenwischerei, wenn sie dessen Vorteile preisen. Bei richtigen Rahmenbedingungen sei IF zwar machbar. Aber das werde viel mehr kosten.

Dass Kleinklassen aufgehoben werden sollen, kann Gassmann nicht nachvollziehen. «In einer Kleinklasse mit vielleicht rund zehn Schülern kann ein Lehrer viel besser auf die Stärken und Schwächen des Einzelnen eingehen und sie deutlich gezielter fördern als ein Lehrer in einer IF-Klasse mit 20 Schülern», sagt er.

Im Dienst der Chancengerechtigkeit

Mit ein Grund zur Abschaffung der Kleinklassen ist die Herstellung der sogenannten «Chancengerechtigkeit». In der jüngsten Ausgabe von «Bildung Schweiz», der Zeitschrift des Dachverbandes der Schweizer Lehrer (LCH), schreibt Urs Haeberlin, emeritierter Professor für Heilpädagogik an der Universität Freiburg: «Die Kleinklassen zementieren für einige Betroffene Chancenungerechtigkeiten.» Dies – und kaum etwas anderes – könne die Auflösung der Kleinklassen rechtfertigen. Vor allem Kinder aus Immigrantenfamilien hätten mit dem Etikett «Abgänger aus einer Kleinklasse» reduzierte Chancen auf dem Lehrstellenmarkt. Gassmann hat gegenteilige Erfahrungen gemacht. «In den letzten sechs Jahren haben alle meine Schulabgänger eine Lehrstelle, manchmal mit Umwegen, gefunden.»

Flucht in Privatschulen

Ein positives Bild über die IF malen hingegen die Behörden. Zum Beispiel die Stadt Zürich. Mit IF seien die Lehrpersonen zufriedener als mit dem System der Kleinklassen, findet der Stadtrat. Er stützt sich gemäss dem «Tages-Anzeiger» auf eine noch unveröffentlichte Evaluation des Beratungsbüros Spectrum 3. Die Befürchtungen, Lehrpersonen würden unter mehr Stress leiden, scheinen sich demnach nicht zu bewahrheiten. Oder doch? In Zürcher Lehrerzimmern schütteln Pädagogen bloss den Kopf über die Evaluation. «Hätten wir genügend Geld, könnten wir eine Studie anfertigen lassen, die das Gegenteil belegt», sagt Urs Loosli, Präsident der Sekundarlehrkräfte des Kantons Zürich. Es mache schlicht und einfach keinen Sinn, sämtliche Schüler in Regelklassen zu integrieren. «Das ist eine Zumutung», sagt Loosli. Es dürfe nicht sein, dass wegen des grossen Aufwands für IF-Schüler «normale» Schüler zu kurz kämen. Auch Eltern zeigten sich zum Teil besorgt über die Entwicklung mit IF – und würden ihre Kinder in Privatschulen. Die Auflösung der Kleinklassen sei ein Fehler, ergänzt er.

«Grösste pädagogische Baustelle»

Unterschiedliche Rückmeldungen von der Basis zum Thema IF erhält Annamarie Bürkli, Präsidentin des Luzerner Lehrervereins. Es hange sehr von der Anzahl Förderlektionen ab, welche IF-Kinder in einer Klasse erhielten. «Bei dem heutigen Sparprogramm werden oft die nötigen Ressourcen gestrichen, und die individuelle Förderung des Kindes findet nur noch sehr minimal statt», sagt Bürkli.

Fest steht: Den Lehrern brennt das Thema IF auf den Nägeln. Man begegnet selten Pädagogen, welche dieses Konzept bejubeln. «Es herrscht generell ein gewisses Unbehagen. Das ist die grösste pädagogische Baustelle in unserem Kanton», sagt Koni Schuler, Präsident des Lehrervereins Schwyz.