BILDUNG: Warnung vor verschulten Kindergärten

Die Forschung zeigt: Spielen macht klug. Doch ausgerechnet die Rolle des Spiels werde im Lehrplan 21 nicht klar, kritisieren Experten.

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Kindergärtler im Kindergarten Houelbach in Kriens. (Bild Eveline Beerkircher)

Kindergärtler im Kindergarten Houelbach in Kriens. (Bild Eveline Beerkircher)

Kari Kälin

Es kann die Nerven strapazieren. Anstatt endlich ins Bett zu gehen, machen die Kinder noch ein Rollenspiel, eine Runde Versteckis, spielen Verkäuferlis, bauen Legotürme, setzen Puzzles zusammen. Doch eigentlich besteht für Eltern aller Grund zur Freude, wenn sich ihr Nachwuchs in solche Aktivitäten vertieft. «Spielen ist keine Zeitverschwendung, sondern fundamental für die Entwicklung», sagte der britische Erziehungswissenschaftler David White­bread im Januar während einer Veranstaltung zum Lehrplan 21 an der Universität Luzern.

Je früher, desto besser?

Whitebread, Spezialist für Entwicklungspsychologie an der Universität Cambridge, kritisiert die Tendenz, Kinder immer früher einzuschulen. Seine Hauptbotschaft: Die Losung «Je früher, desto besser» ist falsch. Es bringe nichts, wenn man Windelnträgern Lesen und Rechnen beibringe. Erst ab 6 oder 7 Jahren seien Kinder in der Lage, etwas Abstraktes zu lernen. «Davor brauchen sie für eine günstige Entwicklung vielmehr konkrete Erfahrungen, die sie im freien Spiel sammeln können.» Bei solchen Tätigkeiten seien sie motiviert, setzten ihre eigene Agenda, anstatt jener von Erwachsenen zu folgen, und stellten sich selber immer anspruchsvollere Aufgaben.

Ein zu früher Beginn mit dem formalen Unterricht, bei dem die Kinder andächtig in den Schulbänken sitzen, betrachtet Whitebread als kontraproduktiv. «Dies kann zu einer Erfahrung des schulischen Versagens und zur Abkoppelung vom Bildungsprozess führen», sagt er.

Zu frühes Lesen schadet

Auch in der Schweiz gibt es bekannte Fürsprecher für das Spiel. «Es ist für kleine Kinder der entscheidende Entwicklungsmotor für ihr Wohlbefinden», sagt Margrit Stamm, emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Freiburg. Frühe Förderung, etwa im Lesen und Rechnen bei Kindern im Vorschulalter, sei nicht im Sinne einer ganzheitlichen Entwicklungsförderung. Vielmehr dokumentiere die neueste Forschung den Wert des freien Spiels. Kinder, die in der Krippe oder zu Hause spielen, anstatt unter Anleitung von Erwachsenen zu lesen, haben laut Stamm gleich einen doppelten Vorteil: «Sie sind später gleich gut oder besser im Lesen, verfügen über bessere intellektuelle Fähigkeiten, und sie werden zu ausgeglicheneren jungen Menschen.» Mit anderen Worten: Wenn Eltern schon 4- oder 5-Jährigen das Abc eintrichtern, anstatt sie spielen zu lassen, schaden sie der Entwicklung ihrer Kinder.

Zu diesen Schlüssen ist Margrit Stamm auch in ihren beiden Studien «Franz» («Früher an die Bildung erfolgreicher in die Zukunft?») und «Prinz» (Best Practice in Kitas und Kindergärten) gekommen. Dabei beobachtete sie 303 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren, ihre Eltern sowie je zwölf Kindertagesstätten (Kitas) und Kindergärten.

Weg vom «Basteltanten»-Image

Die empirische Forschung zeigt: Spielen macht klug, fördert die Kreativität und formt emotional stabile Menschen. Gleichwohl ist die Zeit, die Kindern daheim und in Kitas und Kindergärten fürs freie Spiel zur Verfügung steht, in den letzten 20 Jahren um einen Drittel gesunken. Umso stärker irritiert Mar­grit Stamm die Tatsache, dass das schulische Lernen im Kindergarten auf dem Vormarsch ist. In der «Prinz»-Studie stellte sie fest, dass nur in 31 Prozent der Kindergärten das freie Spiel dominierte, bei dem sowohl die Lehrperson als auch die Kinder eine sehr aktive Rolle einnahmen. In 40 Prozent wurden die Kinder sehr stark angeleitet, die Lektionen waren schulähnlich aufgebaut. Die restlichen Kindergärten setzten sehr stark auf Medien oder auf Laissez-faire.

Einen Grund für den Trend zu schulähnlichen Kindergärten ortet Stamm in Harmos. Mit diesem Reformprojekt, das erstmals national Schuldauer und wichtigste Ziele der Bildungsstufen vereinheitlicht, werden Kinder schon ab vier Jahren eingeschult. «Der Kindergarten wurde aufgewertet. Das ist wunderbar», sagt Stamm. Gleichzeitig hätten sich die Kindergärtnerinnen emanzipiert und wollten nicht mehr «Basteltanten» sein. Damit bleibe aber die Spielkultur auf der Strecke. «Es findet eine leise Verschulung statt», sagt Stamm.

Verschärft der Lehrplan den Trend?

Ab dem Schuljahr 2017/18 soll in den ersten Kantonen der Lehrplan 21 eingeführt werden, in dem schweizweit einheitliche Kompetenzziele definiert sind. Stamm befürchtet, dass dieses Harmonisierungswerk die Tendenz zu verschulten Kindergärten verschärft. «Es lässt sich erahnen, dass die Kompetenzziele das schulische Lernen begünstigen», sagt Stamm. Sie fordert stattdessen eine Renaissance des spielerischen Lernens. «Eine gute Förderung führt zu Schulfähigkeit aber nicht mit schulischen Methoden», so Stamm.

Verantwortlich für den Lehrplan 21 ist die Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz. Deren Geschäftsleiter Christoph Mylaeus hält Stamms Befürchtungen für unbegründet. Der Lehrplan 21 sei kompatibel mit dem Postulat fürs Spielen, sagte Mylaeus an der eingangs erwähnten Veranstaltung.

Nur leere Floskeln im Lehrplan?

In der Tat finden sich Hinweise, dass die Lehrplanmacher den Wert solcher Tätigkeiten erkannt haben. «Insbesondere das freie Spiel stellt ein zentrales und vielschichtiges Lernfeld dar, das emotionale, soziale und kognitive Prozesse mit einbezieht, anregt und herausfordert», heisst es etwa in den Grundlagen zum Lehrplan 21. Im freien Spiel könnten die Kinder ihre Tätigkeiten wählen, initiieren, gestalten und darin Autonomie erleben.

Margrit Stamm lässt sich durch solche Worte indes nicht beeindrucken. «Es kommt mir vor, als ob ein Experte gesagt hätte, man müsste noch ein paar allgemeine Floskeln zur Bedeutung des Spiels einfügen», sagt sie. Wie das freie Spiel konkret in den Unterricht integriert werde, sei völlig offen. «Und nirgends steht, dass Spielen die effektivste Lernform ist.»

Mit Blick auf Forschungsergebnisse relativiert Stamm aber die Bedeutung des Lehrplans 21. «Lehrplanreformen werden überschätzt und führen nur zu geringen Änderungen.»

Vorschulisches Spielen in der Familie, Auswirkungen auf den Schulerfolg in der 8. Klasse. (Bild: Grafik: Oliver Marx)

Vorschulisches Spielen in der Familie, Auswirkungen auf den Schulerfolg in der 8. Klasse. (Bild: Grafik: Oliver Marx)