BILDUNGSSTREIT: «Pisa ist nationalen Tests um Jahre voraus»

Die Schweiz hat den jüngsten Pisa-Test hart kritisiert. Pisa-Leiter Andreas Schleicher zeigt sich darüber erstaunt. Alle Länder hätten dem Test zugestimmt.

Fabian Fellmann
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Rechnen liegt den Schweizer Schülern. Blick in ein Mathematikzimmer an der Bezirksschule in Suhr. Bild: Christian Beutler/Keystone

Rechnen liegt den Schweizer Schülern. Blick in ein Mathematikzimmer an der Bezirksschule in Suhr. Bild: Christian Beutler/Keystone

Andreas Schleicher, die Bildungs­direktoren der Kantone bezweifeln, dass die Pisa-Ergebnisse von 2012 und 2015 vergleichbar sind. Was antworten Sie als Pisa-Projektleiter?

Internationale Vergleiche sind immer komplex. Aber wir haben die Vergleichbarkeit sichergestellt, unter anderem durch eine sehr sorgfältige Voruntersuchung. Für einen Grossteil der Länder, einschliesslich der Schweiz, sind die Resultate beinahe unverändert geblieben. Das ist ein sehr sicheres Kennzeichen dafür, dass sie gut vergleichbar sind. Wir hätten uns viel eher gewünscht, dass mehr Verbesserungen sichtbar würden.

Der Test fand aber neu auf Computern statt auf Papier statt.

Den Übergang auf digitale Instrumente haben wir von langer Hand geplant und in einem Pilottest erprobt. Es ist nie auszuschliessen, dass einzelne Gruppen mit der digitalisierten Umwelt grössere Schwierigkeiten haben. Aber die meisten 15-Jährigen fühlen sich darin mehr zu Hause als mit Papier und Stift. Wir stehen vor jeder neuen Ausgabe der Pisa-Studie vor dem Dilemma: Einige wollen den Test möglichst nicht verändern, damit die Resultate möglichst gut vergleichbar sind. Doch dann würden die Resultate irrelevant, weil die Umwelt sich wandelt.

Wie meinen Sie das?

Lesekompetenz bedeutet in der heutigen digitalen Welt etwas ganz anderes als in einer Bücherwelt. Im Jahr 2000 entsprach sie der Fähigkeit, Wissen aus einem statischen Text zu verarbeiten. Heute gehört dazu, dass man bei Google einen Suchbegriff eingibt und aus 27 000 Antworten auswählen kann. Dafür braucht es eine mentale Repräsentation von Information, die nicht sichtbar ist. Es ist wichtig, dass Pisa solche Fähigkeiten auch messen kann.

Aber sind die Daten vom einen Test zum anderen noch vergleichbar?

Ja. Wir wollen die aktuell benötigten Kompetenzen bewerten und vergleichen. Wer in der Vergangenheit Postkutschenrennen gewonnen hat, ist auf der Autobahn nicht unbedingt der Schnellste. 2015 haben wir zum Beispiel dynamische Problemlösung getestet: Das Problem verschiebt sich, während der Schüler daran arbeitet. Das ist heute wichtig, das können wir auf Papier aber nicht prüfen.

Die Kantone haben sich in einem geharnischten Brief über ein massives Qualitätsproblem beschwert.

Die Schärfe der Kritik ist sehr ungewöhnlich und für uns in keiner Weise nachvollziehbar. Wir hatten die Methodik ausführlich mit allen OECD-Ländern abgesprochen. Wir veröffentlichen nichts, was nicht absolut hieb- und stichfest ist. Die gesamte Methodik, die Software und alle Dokumente werden im Internet publiziert. In meinen Augen gibt es keine offenen Fragen, auch nicht aus der Schweiz. Schliesslich haben alle beteiligten Länder dem Test einstimmig zugestimmt. Kein Land hat sein Veto eingelegt. Es ist schade, wenn Länder sich nicht an den Diskussionen beteiligen, sondern im Nachgang Briefe schicken.

Wie werden Sie auf den Brief von den Schweizer Kantonen jetzt reagieren?

Wir werden antworten, was nicht besonders schwierig sein wird. Wir werden die Schweiz darauf hinweisen, dass alle Einschränkungen der Methodik und der Vergleichbarkeit detailliert dokumentiert sind. Sollten Schüler durch den neuen Test am Computer benachteiligt worden sein, dann sicher nicht in der Schweiz, sondern eher in Ländern wie Uruguay, Kolumbien oder Tunesien.

Laut der Schweiz wurden ihre Einwände nie ernsthaft behandelt.

Die Dokumente zuhanden des Steuerungsgremiums, des Pisa Governing Board, wurden von allen teilnehmenden Staaten ausführlich diskutiert. Auf technischer Ebene gab es keine Einwände, auch nicht von der Schweiz. Aber selbst wenn die Resultate zwischen einzelnen Jahren nicht vergleichbar wären, hätten sie doch eine gewisse Relevanz. Pisa hat den Anspruch, modernste Verfahren zu nutzen, die Methodik ist ausgefeilt, und die Resultate sind über verschiedene Kulturen hinweg aussagekräftig. Pisa ist vielen nationalen Tests um Jahre voraus. Unsere Resultate helfen der Bildungspolitik am besten, die Bedingungen so zu gestalten, dass Schüler besser lernen und Schulen effizienter werden.

Was würde ein Ausstieg der Schweiz aus dem Programm bedeuten?

Es ist ein freiwilliger Test. Bislang haben sich 72 Länder zur Teilnahme entschieden, das Interesse wird ständig grösser. Aber es ist die Entscheidung jedes Landes, ob es teilnehmen will, Pisa-Erhebungen bedeuten ja auch grossen Aufwand. Für die Schweiz wäre es ein grosser Verlust, nicht mehr sehen zu können, in welchen Bereichen sie nicht mehr konkurrenz- und leistungsfähig ist. Jedes Land kann behaupten, sein Bildungs­system werde besser. Aber nur mit Pisa sieht es, ob es gleich schnell besser wird wie andere Staaten. Dass Asien aufholt, während Europa tendenziell zurückfällt, kann man nur in der Aussensicht bewerten. Jüngst sind Länder wie Senegal, Sambia, Kambodscha, Ecuador, China und Indien hinzugekommen. Senegal etwa weiss, dass es wohl nicht toll abschneiden wird. Aber es will Zugang zum internationalen Experten-Netzwerk, das mit Pisa zur Verfügung steht.

Pisa wird dafür kritisiert, es enge den Blick auf Bildungsqualität ein. Kreativität etwa wird nicht geprüft.

Das ist eine wichtige Frage. Pisa misst mit Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen nur einen Teil der Kompetenzen, die für Erfolg im Leben nötig sind. Dessen muss man sich bewusst sein. Wir arbeiten intensiv daran, unser Spektrum zu erweitern. 2015 haben wir erstmals die soziale Kompetenz erhoben – schade, dass sich die Schweiz daran nicht beteiligt hat. 2018 werden wir multikulturelle Kompetenzen einbeziehen. Aber man darf auch nicht in die Falle tappen.

Welche?

Das Fehlen mathematischer Kompetenz ist nicht unbedingt ein Hinweis auf einen Überhang an musischer Kompetenz. Umgekehrt hingegen stimmt es: Schüler, die kaum lesen können, werden sicher auch in anderen Bereichen nicht supertoll abschneiden. Wer Pisa nicht beherrscht, hat viele Nachteile im Leben.

Mit digitalen Tests erheben Sie viel mehr Daten über Schüler. Welche Möglichkeiten schweben Ihnen vor?

Die digitalen Tests sind faszinierend. Zuerst denkt man nur daran, ob ein Schüler die richtige Antwort gibt. Spannender aber ist die Frage, wie er dabei vorgeht. Ein Beispiel dazu: Amerikaner mussten als Experiment eine Fischzucht konzipieren. Sie klickten sofort rum, machten Fehler, versuchten weiter, bis sie die Lösung hatten. Japaner bewegten die Maus minutenlang gar nicht und gaben dann mit ein paar Klicks die richtige Lösung ein. Der eine probiert mit der Hoffnung, er werde zurechtkommen, der andere macht zuerst eine mentale Repräsentation des Problems und probiert mentale Lösungsansätze, bis er den richtigen hat. In Zukunft werden wir noch viel mehr solcher pädagogisch relevanten Erkenntnisse sammeln. Damit können wir Lehrern helfen, besser zu unterrichten. Dank der digitalen Hilfsmittel sind wir nahe daran, einen Quantensprung zu machen.

Der deutsche Statistiker Andreas Schleicher (53) ist der Chef-Koordinator der Pisa-Tests bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris.

Interview: Fabian Fellmann

Nächste Pisa-Runde in Frage gestellt

Bildungsstreit  Die Kantone drohen, aus den Pisa-Tests auszusteigen. Das haben sie in einem geharnischten Brief an die Organisatorin geschrieben, nachdem die OECD am Dienstag die jüngsten Resultate veröffentlicht hat. Schweizer Schülern wurde in Mathematik-Kompetenz ein internationaler Spitzenplatz zuteil und ein europäischer bei den Naturwissenschaften. Bei der Lesekompetenz schnitten sie aber nur durchschnittlich ab. Die Kantone bemängeln, die Ergebnisse seien wegen neuer Erhebungsmethoden nicht mit jenen früherer Tests vergleichbar. Unerwähnt liessen die Kantone, dass die Teilnahme an der nächsten Pisa-Ausgabe 2018 längst beschlossene Sache ist: Sie haben dies an der Versammlung der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) vom Juni 2015 entschieden. Laut Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation sind dafür 3,2 Millionen Franken eingestellt, welche Bund und Kantone je hälftig tragen. Der St. Galler Bildungsdirektor Stefan Kölliker, Mitglied im EDK-Vorstand, sagt: «Ich würde unter Umständen einen Antrag stellen, an der Pisa-Studie 2018 nicht teilzunehmen.» Stelle sich die OECD nicht einer ernsthaften Diskussion über die Übungsanlage, sei er für den Ausstieg der Schweiz aus Pisa. «Die Pisa-Studien werden immer teurer und teurer, mitreden aber können wir praktisch nicht», sagt der SVP-Regierungsrat. Kritik übt auch Luzerns Bildungsdirektor und EDK-Vorstandsmitglied Reto Wyss: «Aktuell zeigt die OECD wenig Bereitschaft, Selbstkritik zu üben und die Anliegen der Mitgliedsländer aufzunehmen.» Reagiere die OECD nicht, «müssen wir unsere Teilnahme ernsthaft in Frage stellen. Das würden wir ungern tun, aber so, wie die Tests jetzt laufen, erfüllen sie ihren Zweck nicht», sagt der CVP-Regierungsrat. Die Schweiz müsse aber international eingebunden bleiben, «damit wir uns dem internationalen Vergleich stellen und die Qualität unseres Bildungssystems richtig einschätzen». Das sagt auch der Urner Landammann Beat Jörg: «Die Pisa-Studien sind unsere einzige internationale Vergleichsmöglichkeit, um zu testen, in welchen Bereichen wir mithalten können und wo wir abfallen.» Zwar seien nicht alle Resultate vergleichbar. «Aber wir sehen doch, in welchen Fächern unsere Schüler besser oder schlechter abschneiden, gerade im Vergleich mit den Nachbarländern», sagt der CVP-Bildungspolitiker und EDK-Vorstand.

ffe