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«Bin jedes Mal glücklich, wenn wir Jugendliche entlassen dürfen»

Klinikdirektor Marc Graf (55) ist Professor für Forensische Psychiatrie an der Uni Basel sowie Direktor und Chefarzt der Forensisch-Psychiatrischen Klinik (FPK) der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Die FPK ist die einzige Klinik in der Schweiz mit einer stationären jugendforensischen Abteilung.

Marc Graf, wie kann es soweit kommen, dass ein 12-jähriges Kind in einer forensisch-psychiatrischen Klinik behandelt wird?

Die stationäre jugendforensische Abteilung der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel wurde 2011 als erste in der Schweiz eröffnet. Wir haben langjährige Erfahrung und sind das letzte Auffangnetz für schwierige und komplexe Fälle, bei denen alle vorherigen Massnahmen nicht die erwünschte Wirkung erzielt haben. Es handelt sich um Jugendliche und Kinder mit schwerwiegenden Störungen. Das kann sich in psychischen Auffälligkeiten, Gewalt­tätigkeit, Impulsivität oder Selbstverletzungen manifestieren. Manchmal sind diese Kinder seit Geburt psychisch schwer beeinträchtigt, und/oder sie wachsen in einem belastenden sozialen Umfeld auf, in dem die Eltern mit der Betreuung im Alltag komplett überfordert sind. In ganz seltenen Fällen kann man die Kinder dann nicht einmal mehr in einem Heim unterbringen.

Können sich solche Kinder nach einem Klinikaufenthalt wieder in die Gesellschaft eingliedern und eine Regelschule besuchen?

Das ist nicht unser Ziel. Wir sorgen zuerst einmal dafür, dass die Kinder keinen Schaden nehmen, wir schützen sie vor sich selber und anderen. Wir erstellen eine Diagnose, analysieren das soziale Umfeld und setzen dann je nach Bedarf unterschiedliche Therapien ein, wo sinnvoll auch Medikamente. Nach der Entlassung aus der Klinik sollen die Kinder einerseits mehr Freiheit erlangen und andererseits weniger aufwendig und somit günstiger betreut werden können. In der Regel findet sich eine Nachfolge­lösung mit einem Heim. Dass ein Kind von uns direkt zur Familie zurückkehrt, kommt sehr selten vor.

Die Betreuung des Buben kostet monatlich 43 000 Franken. Wie lassen sich diese Kosten erklären?

Der Tagesansatz beträgt 1450 Franken. Die Kosten ergeben sich erstens für die Sicherheit, zweitens für die Behandlung. Für 10 Patienten, die auf der stationären Abteilung in der Jugendforensik Platz haben, haben wir gut 20 Vollzeitstellen. Mit dem gleichen Personalschlüssel betreuen wir 16 bis 17 Erwachsene, weil deren Betreuung weniger aufwendig ist. Die jugendpsychiatrische Behandlung wird von gut ausgebildeten Fachpersonen aus verschiedenen Disziplinen geleistet und ist entsprechend teuer. Die Kinder und Jugendlichen erhalten natürlich auch Schulunterricht.

Lohnen sich solche Fälle für Ihre Klinik finanziell?

Das ist nicht unser Anspruch. Wir sind zufrieden, wenn wir kostendeckend arbeiten. Es gibt Jugendliche, die bei uns bloss ein paar Nächte verbringen. Andere bleiben einige Monate. Ich bin jedes Mal glücklich, wenn wir Jugendliche entlassen dürfen, und ich wünsche ihnen, dass sie nicht wieder zu uns kommen.

Laut unseren Recherchen wurde der Bub von einer älteren Mitpatientin gewürgt, hat Angst und kann nicht mehr einschlafen. Ausserdem darf er pro Tag nur während einer Stunde lang im Innenhof spazieren. Kann man so wieder «normal» werden?

Ich darf mich zum Schutz des Patienten nicht zum Einzelfall äusseren. Es liegt absolut nicht im Interesse der Patienten, ihre Probleme in die Öffentlichkeit zu tragen oder dass Partialinteressen auf deren Buckel ausgetragen werden. Allgemein kann ich festhalten: Jugendliche dürfen nicht in der gleichen Abteilung wie Erwachsene untergebracht werden. Daran halten wir uns. Bei nach Jugendstrafrecht verurteilten Tätern kann man aber bis 25 Jahre eine Massnahme in der Jugendforensik anordnen. Daher kann ein 12-Jähriger auf der gleichen Abteilung wie ein 20-Jähriger untergebracht sein. Die Jugendlichen dürfen und sollen selbstverständlich miteinander Freizeit auf der Abteilung und im Freihof verbringen – es sei denn, die zuweisende Behörde verhängt ein Kontaktverbot oder andere Einschränkungen. (kä)

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