BIOGRAFIE: Sozialismus trieb sie in die SVP

Als Kind sezierte Yvette Estermann Frösche. In ihrem Buch nimmt sie den Sozialismus auseinander – und erklärt, weshalb sie Christoph Blocher glühend verehrt.

Kari Kälin
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Die Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann, hier als kleines Mädchen namens Iveta Gavlasova, beim Gärtnern. (Bilder Nadia Schärli/Privatarchiv Yvette Estermann)

Die Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann, hier als kleines Mädchen namens Iveta Gavlasova, beim Gärtnern. (Bilder Nadia Schärli/Privatarchiv Yvette Estermann)

Sie ist die Klassenbeste. Ihre Gspänli in der Primarschule küren Iveta Gavlasova, geboren am 26. Februar 1967 in Kralova Pri Senci, einem 1500-Seelen-Dorf in der Nähe der Stadt Bratislava, zur Klassensprecherin. Doch dann legt die Schulleitung ihr Veto ein. Nicht «systemkonform», lautet das Verdikt. Die kleine Iveta, heute bekannt als Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann, ist den Behörden in der sozialistischen Tschechoslowakei suspekt. Wer den Religionsunterricht beim Dorfpfarrer besucht und in einer Familie ohne Parteibuch aufwächst, den sozialistischen Geist nicht in den eigenen vier Wänden einatmet, wird geschnitten. Schon als kleiner Knopf. Dies beschreibt sie in ihrer Autobiografie (siehe Hinweis).

Tränen wegen der Mathematik

Im Gymnasium fliessen Tränen, wenn sich die Jugendliche über scheinbar unlösbare Mathematikaufgaben beugt. Sie ist «nur» noch in den Top drei, die Zulassung fürs Medizinstudium, ihr Traum, steht auf der Kippe. Es gilt eine Art Numerus clausus, nur die Besten kommen zum Handkuss – und natürlich die Sprösslinge der Apparatschiks, für die wieder einmal Sonderregeln gelten. Estermann schliesst die Matura den Schikanen zum Trotz mit Bestnoten in allen Fächern ab und ergattert sich 1985 an der Comenius-Universität einen Studienplatz in Allgemeiner Medizin.

Das Interesse an der Materie zeichnete sich früh ab. Entdeckte die kleine Iveta auf dem Schulweg einen toten Frosch oder einen leblosen Spatz, sezierte sie die Tiere, schritt sie zur «Autopsie». Spielkameraden liessen kleine Wehwechen von ihr verarzten.

Ohne Steine gegen das System

Nicht mehr zu retten ist der Sozialismus. «Die Arbeitsmoral und die Motivation der Menschen waren im Keller», schreibt Estermann in ihrem Buch. «Die ehrlichen und fleissigen Menschen kamen sich dumm vor, da überall gelogen, gestohlen und geschwänzt wurde.» An einem Novembertag im Jahr 1989 demonstriert Studentin Iveta mit Tausenden Mitstreitern in Bratislava gegen das System. Ohne Fahne, ohne Vermummung, ohne Steine. Es bersten keine Scheiben, keine Autos gehen in Flammen auf. Stattdessen ertönen Protestlieder des Prager Frühlings. Ende November dankt die Regierung ab. Am 1. Januar 1993 wird der neue Staat Slowakei gegründet. Die Selbsterfahrung mit dem Sozialismus erklärt, weshalb sich die Medizinerin später für die SVP begeistert.

In Wien lernt Iveta Anfang 1993 ihren künftigen und 25 Jahre älteren Ehemann Richard kennen, wenig später zieht sie in die Schweiz, heiratet und eröffnet in der Stadt Luzern eine Praxis für klassische Homöopathie und Naturmedizin. Das Paar wohnt am Sonnenberg in Kriens, Sohn Richard ist heute 19 Jahre alt und Informatik-Lehrling.

Politisch stehen die Zeichen in den 1990er-Jahren auf Sturm. Nach dem Nein zum EWR ist das politische und wirtschaftliche Establishment wie gelähmt. Ein eventueller EU-Beitritt liegt in der Luft. Und es beginnt der sagenhafte Aufstieg der SVP, Christoph Blocher gibt den Takt vor. Ein Anschluss an Brüssel: Das kommt auch für Estermann nicht in Frage. Sie wird eine glühende Verehrerin Blochers und findet ihr politisches Zuhause bei der SVP. «Keine Partei setzt sich so entschlossen für Unabhängigkeit, Freiheit, direkte Demokratie, Volksrechte und Selbstbestimmung ein», sagt Yvette Estermann.

Mit Luftgewehr gegen Kapitalisten

Aufgewachsen in der sozialistischen Tschechoslowakei, in der russische Panzer den Prager Frühling niederwalzten, in der Gymnasiasten am Luftgewehr ausgebildet wurden, um das Land gegen böse Kapitalisten zu verteidigen, will Estermann um jeden Preis verhindern, dass die Geschicke der Schweiz dereinst von Brüssel aus gelenkt werden. «Einmal in einem Satellitenstaat zu leben, genügt», sagt sie. In der Samtenen Revolution habe sie für die Freiheit und Unabhängigkeit der Slowakei gekämpft. «Das hat mich geprägt und zu der Person gemacht, die ich heute bin.» Mit Eifer geisselt Estermann die EU als «diktatorisches Gebilde», das mit Demokratie wenig zu tun habe. Politische Grossraumkonstrukte sind ihr zuwider. Kurzum: Die SVP bildet für Estermann die perfekte Antithese zum real ge- und erlebten Sozialismus. 1999 erhält sie den Schweizer Pass, ein Jahr später tritt sie der SVP Kriens bei, 2005 wird sie in den Luzerner Kantonsrat gewählt, seit 2007 politisiert Estermann als Nationalrätin.

Symbolhafter Superpatriotismus

Natürlich wird Estermann, die jeden morgen um fünf Uhr aufsteht und ein Jahr lang an ihrer Biografie gefeilt hat, manchmal belächelt. Weil sie in Tracht im Nationalratssaal erscheint. Weil sie per Vorstoss verlangt, das Parlament solle zu Beginn der Session die Landeshymne singen. Weil sie das Bundeshaus mit Schweizer Flaggen dekorieren möchte. Weil sie einen symbolhaften Superpatriotismus kultiviert, mit dem sie vielleicht ihre nicht-eidgenössische Herkunft kompensieren will.

Solche Kritik nimmt Estermann gelassen, lächelte sie gestern Morgen, als wir sie in ihrer Wohnung mit Blick auf den Pilatus besuchten, freundlich weg. «Selbstbewusstsein, Patriotismus und Stolz auf das eigene Land fehlen den Schweizern fast gänzlich», sagt sie. Estermann findet es unglaublich, dass ihr Sohn Richard in der Schule zwar über die Biografie von Popsternchen Britney Spears, nicht aber den Schweizerpsalm Bescheid wissen musste. Sicher gebe es Wichtigeres als die Nationalhymne. «Aber das Zelebrieren der Staatssymbole ist sehr wichtig für das Selbstbewusstsein eines Landes.»

Hinweis

Am Freitag, 11. April, 19.30 Uhr, stellt Yvette Estermann (47) ihre Autobiografie im Museum im Bellpark Kriens vor.