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BISTUM CHUR: Bischofs-Wahlgremium wird ausgehebelt

lm nächsten Jahr tritt Bischof Vitus Huonder ab. Reformkatholiken fordern den Papst auf, den umstrittenen Oberhirten durch eine integrative Figur zu ersetzen. Damit würde das Churer Domkapitel bei der Bischofswahl umgangen. Das birgt Risiken.
Kari Kälin
Bischof Vitus Huonder im Kloster Melchtal. Bild: Alexandra Wey/Keystone (25. Juni 2016)

Bischof Vitus Huonder im Kloster Melchtal. Bild: Alexandra Wey/Keystone (25. Juni 2016)

Er zitiert schwulenfeindliche Bibelzitate, verbietet die Segnung von homosexuellen Paaren, gilt als erzkonservativ: Vitus Huonder polarisiert – als Bischof aber nicht mehr lange. Nächstes Jahr, am 21. April, wird der Oberhirte des Bistums Chur 75-jährig. Dann muss der wohl umstrittenste Schweizer Kirchenmann dem Vatikan von Alters wegen sein Rücktrittsgesuch einreichen. Zum Bistum Chur gehören die Kantone Schwyz, Uri, Nid- und Obwalden, Zürich, Glarus und Graubünden.

Über die Wahl des neuen Bischofs entscheidet nicht der Papst, sondern aufgrund eines historischen Privilegs das Churer Domkapitel. Es besteht aus 24 Domherren, die den Bischof in der Leitung des Bistums unterstützen. Gleichwohl spielt auch Rom eine zentrale Rolle. Der Nuntius in der Schweiz, derzeit der amerikanische Erzbischof Thomas Edward Gullickson, schlägt dem Vatikan mögliche Huonder-Nachfolger vor. Daraus erstellt Rom ein Dreierticket, aus dem wiederum das Domkapitel den neuen Bischof kürt.

Administrator soll Bistum zusammenkitten

Jetzt wetzen reformorientierte Katholiken die Messer, um einen «neuen» Huonder zu verhindern. In der letzten Woche hat die Allianz «Es reicht!», in der prominente Figuren wie alt Bundesrichter Giusep Nay oder der Luzerner alt Regierungsrat Anton Schwingruber mittun, eine Petition lanciert. Darin verlangen die Huonder-Kritiker, dass der Vatikan für eine Übergangsphase einen «Apostolischen Administrator» einsetzt. Dieser soll als integrative Figur das «zerrissene Bistum Chur» zusammenkitten. Bis Ende Jahr will die Allianz Unterschriften sammeln und danach via Nuntius Gullickson an Papst Franziskus weiterleiten. Der Apostolische Administrator hätte die Vollmachten eines Bischofs, er würde dessen Amtsgeschäfte führen. Der Bischofssitz bliebe aber vakant.

Die Forderung, das Domkapitel bei der nächsten Bischofswahl zu umgehen, kommt nicht von ungefähr. Im ordentlichen Wahlgremium halten sich konservative und reformorientierte Kräfte zwar ungefähr die Waage. Nuntius Gullickson, eine Schlüsselfigur bei der Bischofswahl, aber ist erzkonservativ – und damit für Reformkatholiken ein rotes Tuch. Er stehe der Pius-Bruderschaft nahe, fühle sich einem überholten Kirchenbild verpflichtet und habe mehrmals Reformbemühungen von Papst Franziskus kritisiert, wetterte die Allianz Anfang Jahr. Bei der Nachfolge von Huonder könne er deshalb zu einer schweren Hypothek für das Bistum Chur werden. Hinter dem Anliegen steht auch Martin Kopp, der regionale Generalvikar für die Kantone Schwyz, Uri, Obwalden und Nidwalden. Ihm schwebt eine Person vor, die «von allen ­Seiten anerkannt ist», wie im «Tages-Anzeiger» sagte.

Aus kirchenrechtlicher Sicht hat die Einsetzung eines Apostolischen Administrators das Potenzial, die Verhältnisse im Bistum Chur komplett umzukrempeln. Dies geht aus einem Brief hervor, den das Bistum Chur gestern an alle seine Mitarbeitenden verschickt hat und unserer Zeitung vorliegt. Das Bistum listet darin auch kommentarlos Passagen aus dem Kirchenrecht auf. Vor allem ein Passus hat es in sich: «Wer eine ihm durch Privileg verliehene Vollmacht missbraucht, verdient, dass ihm das Privileg selbst entzogen wird.» Der Satz tönt kryptisch, hat es aber in sich. Im Falle der Huonder-Nachfolge bedeutet er: Verzichtet das Churer Domkapitel freiwillig auf sein Wahlprivileg, könnte Papst Franziskus es ihm entziehen. Damit würde das Bistum Chur jegliches Mitspracherecht bei der Ernennung eines neuen Bischofs verlieren.

Niklaus Herzog ist Jurist und Theologe mit Schwerpunkt Kirchenrecht. Der ehemalige Generalsekretär der Ethikkommission des Kantons Zürich taxiert das Vorgehen der Allianz als «Mogelpackung». «Ausgerechnet die Petitionäre, die auf dem Mitspracherecht der Ortskirche insis­tieren, verlangen, dass das Domkapitel auf sein Wahlrecht verzichtet», sagt er. «Damit nehmen die Verfechter des Apostolischen Administrators mutwillig in Kauf, dass der Vatikan dem Bistum Chur das Wahlprivileg entzieht», sagt er. Dass der Administrator die Situation im Bistum beruhigen könnte, glaubt Herzog nicht. Er hält es für ein «Ding der Unmöglichkeit», dass sich eine von allen Seiten anerkannte Person als Wogenglätter finden lässt. Der Grund liegt auf der Hand. Der Administrator hat unter anderem die Kompetenz, Domherren zu ernennen. Er könnte also neu Personen ins Gremium bestellen, die Huonders Kurs ablehnen – und damit die Rom-treue Fraktion vor den Kopf stossen.

Erinnerungen an den Fall Haas

Der Ruf nach dem Apostolischen Administrator ist nicht frei von Ironie. Schon einmal bestimmte Rom einen Oberhirten für Chur. Auf Wunsch von Bischof Johannes Vonderach ernannte Papst Johannes Paul II. im März 1988 Wolfgang Haas zum Bischofs­koadjutor des Bistums Chur. Zwei Jahre später wurde er alleiniger Bischof. Der Rest ist bekannt. Und das ist die Pointe der Geschichte: Ausgerechnet die Umgehung des Domkapitels, wie es jetzt die Allianz «Es reicht!» wünscht, führte zu massiven Protesten aus der Basis.

Kari Kälin

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