Bistum Chur: Jetzt soll es der Nuntius richten

Der Papstentscheid, Bischof Huonder zwei weitere Jahre im Amt zu lassen, löst unter progressiven Katholiken Entsetzen aus. Dennoch geben sie die Hoffnung auf einen Neustart im zerstrittenen Bistum nicht auf.

Dominik Weingartner
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Der päpstliche Nuntius Thomas E. Gullickson während einer Messe in der Jesuitenkirche in Luzern. (Bild: Eveline Beerkircher (22. Januar 2017))

Der päpstliche Nuntius Thomas E. Gullickson während einer Messe in der Jesuitenkirche in Luzern. (Bild: Eveline Beerkircher (22. Januar 2017))

Dominik Weingartner

Die jüngste Nachricht aus Rom schlägt hohe Wellen in der katholischen Kirche. Der umstrittene Churer Bischof Vitus Huonder bleibt zwei weitere Jahre im Amt. Dies, obwohl er eigentlich die ­Altersgrenze von 75 Jahren am 21. April erreicht hat. Papst Franziskus hat Huonders Rücktrittsgesuch zwar akzeptiert, lässt ihn aber bis Ostern 2019 weitermachen.

Dieser Entscheid sorgt für Aufruhr bei den Kritikern des konservativen Huonder. Martin Kopp, Generalvikar für die Urschweiz im Bistum Chur, sagt: «Der Entscheid erstaunt mich, weil es nicht üblich ist, dass die Amtszeit von Bischöfen wesentlich verlängert wird. Gerade unter Papst Franziskus nicht.» Kopp hatte in der Vergangenheit aus seiner kritischen Sicht auf die Amtsführung von Bischof Huonder keinen Hehl gemacht und forderte die Einsetzung eines Apostolischen Administrators als Übergangslösung. Dies sollte dem zerstrittenen Bistum einen Neuanfang ermöglichen.

Nachfolge «sorgfältig vorbereiten»

Auch nach dem jüngsten Papstentscheid bleibt Kopp zuversichtlich: «Der Papst will offensichtlich Zeit gewinnen für eine gute Entscheidung in Chur. Ich habe nach wie vor Hoffnung.» Die zwei verbleibenden Jahre der Amtszeit von Bischof Huonder müsse man nutzen, um die Nachfolge «sorgfältig vorzubereiten, allseitig, nicht nur in Chur», so der Generalvikar.

Bei der Pfarrei-Initiative, die sich für eine Erneuerung der katholischen Kirche einsetzt, ist man entsetzt über den Entscheid des Papstes. «Wir sind schockiert», heisst es in einer Medienmitteilung der Initiative. Sprecher Willi Anderau sagt auf Anfrage: «Der Bischof redet von einem Vertrauensbeweis des Papstes, das ist es aber sicher nicht.» In Rom kenne man die Situation im Bistum. Schlimm sei, dass erneut viel «Geheimniskrämerei» getrieben werde um die wahren Gründe für den Papstentscheid. «Man lässt die Deutung offen. Ich deute es so, dass man in Rom mit den Vorschlägen des Nuntius für ­einen Nachfolger von Bischof Huonder nicht zufrieden ist», sagt Anderau. «Man lässt nachspielen und hofft, dass es in der Nachspielzeit zu einer vernünftigen Lösung kommt. Ich hoffe, es kommt nicht zum Penaltyschiessen.» Von Papst Franziskus ist ­Anderau «teilweise enttäuscht».

Werner Inderbitzin, Schwyzer alt Regierungsrat und jetziger Aktuar der Biberbrugger Konferenz, sagt, dass man davon habe ausgehen müssen, dass es zu einer «befristeten Amtsverlängerung kommen wird». Die Biberbrugger Konferenz ist die Vereinigung der Kantonalkirchen des Bistums Chur. Inderbitzin sagt weiter, dass es vielmehr überraschend sei, dass die Amtszeit gleich um zwei Jahre verlängert wird. «Eine Erklärung zu diesem Entscheid des Papstes gibt es nicht. Man kann nur mutmassen, und allen Spekulationen werden Tür und Tor geöffnet», so Inderbitzin. Und er lässt Unmut durchblicken: Alle, die gehofft hätten, dass innert eines Jahres ein neuer Churer Bischof gewählt werde, der die Voraussetzungen mitbringe, das «zerrissene Bistum zu ­einen», seien enttäuscht, so Inderbitzin. «Es besteht die grosse Gefahr, dass noch mehr Gläubige resignieren.»

Weniger überrascht vom Papstentscheid zeigt man sich bei der Allianz «Es reicht!». Andreas Heggli, Mitglied im Koordinationsteam der Allianz, sagt: «Das war eine der Varianten, mit denen man rechnen musste.» Die Allianz hatte wie Generalvikar Kopp die Einsetzung eines Apostolischen Administrators gefordert. «Nach aller Wahrscheinlichkeit wird es diesen auch in zwei Jahren nicht geben», sagt Heggli.

Nuntius: Keine Spielchen wie 2007

Bei der Wahl Huonders im Jahr 2007 standen dem Churer Domkapitel drei Kandidaten auf dem Wahlticket. Neben zwei unbekannten Kirchenmännern stand der Name des Generalvikars des Bistums, Vitus Huonder, auf der Liste. Die Wahl wurde im Nachgang als Farce bezeichnet. Droht dieses Szenario auch bei der Wahl eines neuen Bischofs? «Es mag vielleicht überraschend klingen, aber ich vertraue dabei auf den päpstlichen Nuntius», sagt Heggli. Der päpstliche Gesandte in Bern, Thomas E. Gullickson, gilt als erzkonservativ. Der Nuntius habe bei einem Gespräch mit der Allianz durchblicken lassen, dass er Spielchen wie 2007 verhindern will. «Er hat Kritik an der letzten Bischofswahl geäussert und versichert, dass er das nächste Mal eine echte Wahl ermöglichen will. Er will drei wählbare Kandidaten auf die Liste setzen, was allerdings noch nichts über deren Eigenschaften sagt», so Heggli.

Wichtig sei, betont Heggli, dass sich nun die Schweizer Bischofskonferenz der verfahrenen Situation im Bistum Chur und der «verheerenden Auswirkungen auf die katholische Kirche in der Schweiz generell» annehme. «Die Bischofskonferenz muss ihre vielen Kanäle nutzen, um für einen Neuanfang im Bistum Chur einzutreten.»