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BONDO: Fels bleibt akut absturzgefährdet

Ein Bergsturz wie im Bergell ist das Ergebnis von Jahrtausenden dauernden Prozessen, sagt Roderick Kühne vom Bündner Amt für Naturgefahren.
Kari Kälin
Schwere Verwüstung in der Ortschaft Bondo. (Bild: Marco Giacometti (Bondo, 1. September 2017))

Schwere Verwüstung in der Ortschaft Bondo. (Bild: Marco Giacometti (Bondo, 1. September 2017))

Interview: Kari Kälin

Innerhalb von etwas mehr als einer Woche kommt es am Piz Cengalo zu einem Bergsturz (ab einer Million Kubikmeter, Anm. d. Red.), mehreren Felsstürzen und Murgängen. Können die Menschen des Dorfes Bondo je wieder sorgenfrei zurückkehren in ihre Häuser?

Auf solche Fragen können wir zum jetzigen Zeitpunkt keine abschliessenden Antworten geben. Zuerst müssen wir die Prozesse analysieren, die zum Bergsturz und danach zu den Murgängen geführt haben. Wir können jetzt noch keine Schlüsse bezüglich der Raumplanung in Bondo ziehen.

Welche gesicherten Erkenntnisse zum Bergsturz liegen bis jetzt vor?

Nach dem Bergsturz vom vorletzten Mittwoch lassen sich zwei Aussagen machen: Rund drei Millionen Kubikmeter Fels sind abgestürzt, weitere zwei Millionen sind in Bewegung, knapp die Hälfte davon ist akut absturzgefährdet. Wann dies passiert, wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschliessend. Wir überwachen den Piz Cengalo aber mit allen im Rahmen der momentanen Situation möglichen Mitteln. Klar ist derzeit, dass wir mit weiteren Murgängen rechnen.

Könnte man die instabilen Partien präventiv sprengen?

Kleinere Felssprengungen mit einem Volumen von ein paar tausend Kubikmetern sind möglich. So grosse Massen, wie am Piz Cengalo in Bewegung sind, kann man nicht wegsprengen. Eine einzelne Sprengung wäre jeweils nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Zudem sind Arbeiten am Berg viel zu gefährlich. Wir können ein derart grosses Volumen nicht aktiv beeinflussen, ergreifen aber nötige Vorsichtsmassnahmen.

Was tut das Amt für Wald und ­Naturgefahren genau?

Wir überwachen den Piz Cengalo seit dem Bergsturz im Dezember 2011 mit einem Abbruchvolumen von 1,5 Millionen Kubikmetern regelmässig. Nach dem erneuten Bergsturz haben wir die Messungen intensiviert. In Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden haben wir mehrere Beobachtungsposten eingerichtet, von denen aus Spezialisten Tag und Nacht die Geschehnisse am Berg überwachen. Sie schlagen Alarm, wenn Murgänge kommen, damit die Einsatzkräfte die Gefahrenzonen rechtzeitig verlassen können. Die Überwachungsmassnahmen werden bis auf weiteres aufrechterhalten. Gleichzeitig bauen wir das automatische Murgang-Alarmsystem wieder auf.

Am Piz Cengalo sind 3 Millionen Kubikmeter Berg abgestürzt. Weshalb bildete sich danach ein Murgang, der das Dorf Bondo erreichte? Woher kam das Wasser?

Das ist eine der offenen Fragen, die wir in Zusammenarbeit mit externen Fachleuten nun abklären. Wir wissen, dass die Felsbrocken mit bis zu 250 Kilometern pro Stunde auf eine kleine Gletscherpartie gestürzt sind. Es ist denkbar, dass die grosse Energie beim Aufprall Teile des Gletschers erodiert hat und sich das Wasser danach mit den Sturzablagerungen vermischt hat, sodass sich der Murgang bildete, der sich zu Tal wälzte. So ein Prozess wurde unseres Wissens im Alpenraum bisher noch nicht dokumentiert, zumindest finden sich keine Beispiele in der uns bekannten Literatur.

Ist der Bergsturz am Piz Cengalo eine direkte Folge des Klimawandels, zum Beispiel des Auftauens von Permafrost, des dauerhaft gefrorenen Bodens in Höhenlagen?

Nein. Ein so grosser Bergsturz ereignet sich weitgehend unabhängig von der Temperaturentwicklung. Er steht am Schluss von teilweise Jahrtausenden dauernden Gesamtprozessen der Destabilisierung. Dabei spielen zum Beispiel der Wasserdruck oder die Zerklüftung der Felsen eine Rolle. Der Permafrost und der Klimawandel sind ein Faktor, der zu Bergstürzen beitragen kann. Kleinere Felsstürze oder Steinschläge im Hochgebirge können aber öfter passieren, weil oberflächennaher Permafrost auftaut. Dies konnten wir in den Hitzesommern 2003 und 2015 beobachten.

Was für einen Einfluss hat der Permafrost bei Bergstürzen?

Eine aktuelle Untersuchung der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer (Arge Alp) zeigt, dass der Permafrost einer von verschiedenen Faktoren ist, welcher Berge und Felsen destabilisiert. Der Permafrost entfaltet aber widersprüchliche Wirkungen. Einerseits festigt er instabile Felspartien. Andererseits fördert er die Felszerklüftung, wenn sich das Eis ausdehnt. Permafrost ist an sich nur ein thermischer Zustand und kann kaum ein Auslöser von Felsstürzen sein, er hat ­jedoch eine regulatorische Funktion. Genau quantifizieren können wir den Einfluss des Permafrostes auf Fels- und Bergstürze nicht.

Welche weiteren Faktoren begünstigen Felsstürze?

Durch den Gletscherschwund büssen die Felsen an Stabilität ein. Auch starke Niederschläge können Felsstürze begünstigen.

Rechnen Sie künftig mit einer Zunahme von Felsstürzen?

Die Aussagen der erwähnten Untersuchung der Arge Alp weisen in diese Richtung. Der Klimawandel führt zu höheren Temperaturen und intensiveren Niederschlägen. Wasser kann grosse Felsstürze auslösen, wenn es tiefe Klüfte erreicht und dort gefriert. Der Klimawandel könnte demnach zu einer leichten Zunahme solcher Ereignisse führen. Zudem spielt bei Felsstürzen auftauender Permafrost eine Rolle, der zu einer oberflächennahen Destabilisierung von Felspartien führen kann.

Hinweis

Roderick Kühne (39) ist Sachbearbeiter Naturgefahren im Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Graubündens.

Bild: Grafik: Janina Noser

Bild: Grafik: Janina Noser

«So ein Prozess wurde unseres Wissens im Alpenraum bisher noch nicht dokumentiert.» Roderick Kühne, Amt für Naturgefahren Graubünden

«So ein Prozess wurde unseres Wissens im Alpenraum bisher noch nicht dokumentiert.» Roderick Kühne, Amt für Naturgefahren Graubünden

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