BOULEVARD: Am Ende des Fliessbands gähnt die Langeweile

Der «Blick» hat keinen Chefredaktor mehr. An seiner Stelle verantwortet künftig eine Gruppe von Regisseuren, was tagtäglich in der Boulevard-Zeitung und auf seinen Online-Kanälen zu lesen und zu sehen sein soll.

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Die «Blick»-Redaktion 1981 mit dem damaligen Chefredaktor Walter Übersax (mit Krawatte und Veston), Hausi Leutenegger (hinten, 2. v. l.) und dem Formel-1-Experten Roger Benoit (ganz links). (Bild: RDB / Keystone)

Die «Blick»-Redaktion 1981 mit dem damaligen Chefredaktor Walter Übersax (mit Krawatte und Veston), Hausi Leutenegger (hinten, 2. v. l.) und dem Formel-1-Experten Roger Benoit (ganz links). (Bild: RDB / Keystone)

Karl Lüönd*

Der «Blick» hat den Chefredaktor abgeschafft und die Leitungsfunktionen gemäss seinem auf Digitalisierung und «line extension» ausgerichteten Geschäftsmodell auf verschiedene Führungskräfte verteilt. Das ist ein Markstein in der Geschichte des neueren Schweizer Journalismus. Man mag vom «Blick» halten, was man will, aber er hat seit seinem ersten Tag, dem 14. Oktober 1959, wesentliche Trends gesetzt.

Zeitungen machen

Was beim «Blick» geschah, hat bei den anderen Blättern immer Nachahmer gefunden, die zugleich nicht müde wurden, sich heuchlerisch von der «Boulevardisierung» zu distanzieren. Inzwischen steht fest, dass es sich dabei um einen hohlen Kampfbegriff handelt, denn alle Schweizer Tageszeitungen, sogar die NZZ, haben sich in den letzten zwanzig Jahren inhaltlich und stilistisch dem «Blick» angenähert. Das journalistische Besteck der einst auf den Einzelverkauf ausgerichteten populären Zeitung – Personalisierung, Lokalisierung, Emotionalisierung, Bebilderung, lesefreundliche Typografie – ist heute in allen Händen. Das ist ja gerade – neben der TV-Konkurrenz im Prominentenbereich – zum Hauptproblem des «Blick» und anderer Massenblätter geworden.

Nach wie vor lohnt es sich aber, die Entwicklungen beim «Blick» aufmerksam zu verfolgen, denn das stabile und gut aufgestellte Verlagshaus Ringier geht im derzeitigen Medienwandel einfach früher und radikaler als andere neue Wege. Die allererste Phase der «line extension», d. h. die Schaffung neuer Verlagsobjekte unter der populären Dachmarke, war ein Dauererfolg und heisst «Sonntagsblick» (seit 1969). Der zweite Versuch der Familiengründung – angedacht nach dem Muster der «Bild-Zeitung»: «Bild der Frau», «Computer-Bild», «Auto-Bild» – scheiterte wegen Management-Fehlern, ebenso zwei Versuche der Regionalisierung («Blick» Zürich, «Blick» Basel).

Leserschwund nicht zu stoppen

Der von der Digitalisierung getriebene Medienwandel hat jetzt das grösste und riskanteste Veränderungsprojekt in der Geschichte des «Blick» angestossen. Wie gross der Handlungsbedarf war, zeigt der Langzeitvergleich der Auflagezahlen der gedruckten Ausgabe. 1986, auf dem Höhepunkt der Ära des legendären Chefredaktors Übersax und – wichtiger! – des täglichen Gewinnspiels Bingo waren es 386 000 Exemplare. Derzeit werden noch 152 531 Zeitungen verkauft. Seit den 1990er-Jahren versuchte der Verlag, den Leserschwund mit Kurswechseln zu stoppen – Fehlanzeige! Die neun Chefredaktoren, die seit 1996 verbraucht wurden, waren ja keine Flaschen. Den Massenblättern erging es einfach zunehmend wie seinerzeit den Sauriern: Sie waren noch stark, aber machtlos gegen das sich verändernde Biotop.

Inzwischen ist aber blick.ch eins der meistgenutzten Web-Portale der Schweiz. Die Marke «Blick» (Tagesausgabe, «Blick am Abend», «Sonntagsblick», Online) stellt jede Woche annähernd 3,5 Millionen Kontakte her, Tendenz steigend. Was an gedruckter Auflage verloren ging, wurde im Internet wieder hereingeholt. Bloss die Erträge fliessen aus dem digitalen Teil noch nicht wirklich. Aber das wäre eine andere Geschichte.

Die neue Konstruktion des «Blick» hat neue Organisationsformen erfordert. Nirgendwo in der Schweiz wurde die redaktionelle Herstellung einer Zeitung, sonst überall noch eine Domäne des intellektuellen Handwerks, früher und konsequenter industrialisiert. Seit März 2010 werden alle «Blick»-Produkte in einem einzigen Newsroom hergestellt. Die Arbeitsplätze, auch die der Chefs, sind so austauschbar wie deren Pflichtenhefte und am Ende wohl auch die Personen.

Berufsbild radikal verändert

In aller Stille, aber auch in aller Radikalität haben sich seit dem Newsroom die journalistischen Berufsbilder auf allen Hierarchiestufen verändert. Hier ein Heer von Textingenieuren, welche die verschiedenen Kanäle und Formate – idealerweise inklusive Video, Sound und in Kenntnis der wichtigsten Gestaltungsprogramme – bespielen, oben eine Gruppe engagierter Regisseure, früher Blattmacher genannt, im Hintergrund Ressort-Fachleute und «Edelfedern», freilich mit begrenztem Auslauf. Die Entscheide werden für alle Kanäle am gleichen Kommandopult getroffen. Eingespielte Abläufe plus Gruppendynamik plus permanente soziale Kontrolle ersetzen die Intuition des Tageschefs, der einst am Konferenztisch im Dialog mit seiner Redaktion freihändig das Menü komponiert und manchmal gleich auch die Schlagzeile vorgegeben hat.

Individualität ist weniger gefragt

Individualität und Temperament sind heute weniger gefragt, Marotten schon gar nicht. Der erste «Blick»-Chefredaktor, der Luzerner Felix von Schumacher, kam gelegentlich in Reitstiefeln ins Büro. Der Haudegen Werner Schollenberger bestand darauf, dass jeder Redaktionsneuling zum Einstand auf dem Desk im Kopfstand einen doppelten Whisky kippte. Der Kettenraucher Peter Übersax – immer in Veston und Krawatte, mit allen per Sie – fragte jede vorgetragene Geschichte zu Tode, ehe er seine längst elaborierten Themen- und Thesenideen – vom angeblich erfundenen Waldsterben bis zum weinenden Otto Stich – wie Kaninchen aus dem Hut zog.

Diese alten Chefredaktoren waren allerdings, ähnlich wie die alten Chefärzte, chronisch überfordert. Der Zwölfstundentag war der Normalfall. Sie machten das Blatt, schlugen sich mit Anwälten und aufsässigen Inserenten herum und hielten Vorträge. Zugleich waren sie Personalchefs von bis zu 150 Leuten, aber ohne anständige Führungsorganisation. Immer häufiger wurden sie zudem zweckentfremdet als Funktionäre des Verlagsmarketings. Da die meisten das Führungshandwerk nie gelernt hatten, war der Organisationszustand der Redaktion zeitweise jämmerlich und der Frustrationsgrad in der Redaktion mitunter gefährlich hoch.

Die Hauptquelle ist das Internet

Das neue System braucht diese alten Häuptlinge nicht mehr und führt die meist jungen Indianer auf gefährliche Pfade. Früher erlernte man das Journalistenhandwerk als Reporter, durch Hingehen und Nachschauen, im Nahkampf mit der Realität. Dabei lernte man beobachten, mit Menschen reden, zuhören, Zwischentöne wahrnehmen und dann unter Zeitdruck präzis berichten. Und «Blick» war dabei. Der «Blick»-Reporter hatte immer Stiefel im Auto und eine schwarze Krawatte. «Blick» charterte Privatjets, wenn in Madeira ein Schweizer Flugzeug abstürzte oder bei Valencia ein Zeltplatz brannte. Alles zu teuer heute! In allen Newsrooms der Welt läuft das gleiche Basismaterial ein. Zwecks Formatierung und Konfektionierung sind Kolleginnen und Kollegen am Gerät, deren Welt der Flachbildschirm und deren Hauptquelle das Netz ist. Bald werden sie wohl von Controllern nach ihrem Textausstoss beurteilt ­werden.

Es droht die Todsünde

Was verloren geht, ist schwer messbar, aber man siehts dem Produkt an, ob gedruckt oder digital: Passion für den Beruf, Lebens- und Berufserfahrung, umfassende Informiertheit, Empathie. Wenn der kluge Verleger nicht gegensteuert, gähnt am Ende der Industrialisierung die Langeweile, und die ist die schlimmste Todsünde im Journalismus.

Zum Autor

* Karl Lüönd (geb. 1945) war in den alten Zeiten (1974–1980) Mitglied der Redaktionsleitung des «Blicks», zuletzt als stellvertretender Chefredaktor. Er arbeitet heute als Publizist und Buchautor.