Briten feiern lebensrettendes Medikament

Ein entzündungshemmendes Medikament hätte gemäss einer Studie der Universität Oxford das Leben vieler schwer erkrankter Covid-19-Patienten retten können. Schweizer Infektiologen sind skeptisch.

Bruno Knellwolf
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Der britische Premierminister Boris Johnson feiert den Forschungserfolg der Universität Oxford.

Der britische Premierminister Boris Johnson feiert den Forschungserfolg der Universität Oxford.

Andrew Parsons/Downing Street Ha / EPA

«Im Kampf gegen das Coronavirus ist ein noch nie dagewesener Durchbruch gelungen». Der britische TV-Sender BBC nutzte gestern Abend die halbe Zeit der News-Sendung für diese sensationelle Schlagzeile: «Das Medikament Dexamethason rettet das Leben von schwer erkrankten Covid-19-Patienten.», hiess es darin. Gezeigt wurde die vor Rührung weinende Patientin Katherine Millbank, die 15 Tage im Spital gelegen war und an einer grossen Dexamethason-Studie der Universität Oxford teilgenommen hat. Mit Erfolg, wie sie vor laufender TV-Kamera sagt.

5000 Menschenleben

In der Studie ging es darum, herauszufinden, ob die gängige Steroidbehandlung gegen Entzündungskrankheiten wie zum Beispiel Arthritis oder gewisse Hauterkrankungen auch gegen Covid-19 wirkt. Gemäss den Studienautoren senkt das entzündungshemmende Medikament das Todesrisiko für Corona-Patienten an Beatmungsgeräten um einen Drittel, bei jenen, die auf Sauerstoff angewiesen sind, um einen Fünftel. Gemäss den britischen Forschern hätten auf der britischen Insel mit dem Einsatz dieses Steroids 5000 Menschenleben gerettet werden können, hätte man dieses Medikament ab Beginn der Pandemie eingesetzt.

Ein Packung für fünf Pfund

Eine Packung Dexamethason kostet in Grossbritannien nur fünf Pfund, deshalb verweisen die Forscher darauf, dass dieses Medikament für einen weltweiten Einsatz auch in ärmeren Ländern tauge. Auch bei uns kostet das Medikament nur wenige Franken und es wird bereits routinemässig bei immunologischen Prozessen eingesetzt. Und bei Covid-19 ist bekannt, dass immunologische Prozesse wesentlich sind. Auch Cortison wird im Kampf gegen die Lungenkrankheit eingesetzt. Für Experten ist das Resultat mit dem Steroid Dexamethason deshalb nicht überraschend.

Sterberate war in der Schweiz deutlich tiefer

Die Studie ist noch nicht wissenschaftlich publiziert und geprüft. Aus diesem Grund wartet Huldrych Günthard, Infektiologe am Universitätsspital Zürich, gespannt auf die Fachpublikation. Er zeigte sich gegenüber dem «Tages-Anzeiger» ebenfalls skeptisch. Und Hansjakob Furrer vom Inselspital Bern verweist darauf, dass die Behandlung mit Dexamethason in der Schweiz wohl nicht so viel Leben gerettet hätte, wie das nun die Briten für ihr Land berechnet haben. Die Sterberate in den Spitälern war in der Schweiz deutlich tiefer als in England, wo Beatmungsgeräte und Spitalpersonal gefehlt haben.

Boris Johnson feiert britischen Forschungserfolg

Interessant ist das Medikament aber auf jeden Fall. Denn gemäss den Forschern der Universität Oxford wirkt das Steroid bei Hochrisikopatienten, deren körpereigenes Immunsystem wegen des Coronavirus überdreht. Diese Überreaktion, ein Zytokinsturm, kann tödlich sein und wurde mit Dexamethon verhindert wie die Studie mit 2000 Covid-19-Erkrankten zeigt.

Auf BBC hat Premierminister Boris Johnson die Studie als bemerkenswerten britischen Wissenschaftserfolg gefeiert. Man habe genug Vorräte des Medikaments, um für eine zweite Welle gerüstet zu sein. Die britische Regierung hat demnach 200000 Packungen auf Lager.