BUCH: Jean Ziegler: «Der Aufstand wird kommen»

Jean Ziegler schreibt seit Jahren gegen die «Diktatur des Raubtierkapitalismus» und die Ungerechtigkeit in der Welt an. Er sieht sich kurz vor dem Ziel.

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Jean Ziegler - hier an einem Fototermin vergangene Woche - kämpft unermüdlich weiter gegen den in seinen Augen gefährlichen Grosskapitalismus. (Bild Nadia Schärli)

Jean Ziegler - hier an einem Fototermin vergangene Woche - kämpft unermüdlich weiter gegen den in seinen Augen gefährlichen Grosskapitalismus. (Bild Nadia Schärli)

Lukas Leuzinger

Er ist ein Getriebener. Als Professor an der Universität Genf, als SP-Nationalrat, als UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und als Autor zahlreicher Bücher prangerte Jean Ziegler immer wieder die «Oligarchie des globalisierten Finanzkapitals» an, die er verantwortlich macht für den Hunger in den Entwicklungsländern.

Mit seiner spitzen Feder machte er sich aber nicht nur Freunde: Seine Anschuldigungen gegen Vertreter der Finanzbranche brachten ihm zahlreiche Prozesse wegen Rufschädigungen ein. Die Schadenersatzforderungen trieben ihn nach eigenen Angaben in die Insolvenz.

Ziegler steht vor Afrika-Reise

Trotzdem ist der inzwischen 80-Jährige kein bisschen milder geworden. Auch in seinem neuesten Buch spart er nicht mit scharfen Worten, wenn er den «Raubtierkapitalismus» der westlichen Länder geisselt, welcher durch seine Ruchlosigkeit die Menschen in Entwicklungsländern verhungern lasse. Das Werk bezeichnet er als eine «Zwischenbilanz» über sein bisheriges Engagement und seine Einflüsse. Damit ist klar: So bald werden die «Raubtierkapitalisten» von ihm nicht in Ruhe gelassen.

Neben seiner publizistischen Tätigkeit ist Ziegler Mitglied des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats. In dieser Funktion kommt er viel in der Welt herum. Gerade steht er vor einer Reise nach Mali, Niger und Burkina Faso, als er unserer Zeitung ein Interview gewährt.

Jean Ziegler, Sie sind viel auf Reisen. Was fällt Ihnen auf, wenn Sie daraufhin wieder in die Schweiz zurückkommen?

Jean Ziegler: Zum einen die grossartige Rechtssicherheit. Zum andern der unglaubliche Überfluss an Gütern jedes Mal, wenn ich in eine Migros-Filiale komme, muss ich mich wieder daran gewöhnen. Gleichzeitig fällt mir die Selbstzufriedenheit auf: Wenn es einem derart gut geht, sollte man sich ganz anders engagieren in der Welt, als es die Schweiz tut.

Diese Selbstzufriedenheit sprechen Sie auch in Ihrem neuen Buch an. «Ändere die Welt!», lautet der Titel. Was soll das Buch bei den Lesern denn bewirken?

Ziegler: Das Buch ist eine Analyse der kannibalischen Weltordnung. Damit meine ich einerseits die Konzentration des Reichtums in den Händen von wenigen. 1 Prozent der Weltbevölkerung besitzt heute 50 Prozent des weltweiten Vermögens. Die multinationalen Konzerne sind stärker als jeder Nationalstaat. Sie haben eine Macht, wie sie in der Geschichte der Menschheit kein König und kein Papst je hatte. Auf der anderen Seite wachsen in den armen Ländern die Leichenberge. Je reicher die Konzerne werden, desto mehr Menschen sterben. Die weltweite Landwirtschaft könnte heute problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren, also fast das Doppelte der Weltbevölkerung trotzdem sind fast eine Milliarde Menschen auf der Welt permanent schwerstens unterernährt. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter 10 Jahren. Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet.

Bisher scheinen die Leute zumindest in der Schweiz keine Anstalten zu machen, die «kannibalische Weltordnung» zu stürzen. Sie scheinen sich im viel gescholtenen Kapitalismus sogar ziemlich wohl zu fühlen. Ärgert Sie das?

Ziegler: Natürlich, darum habe ich das Buch ja geschrieben! Das Problem ist die Entfremdung des kollektiven Bewusstseins. In unserer Demokratie hätten wir alle Mittel in der Hand, die kannibalische Weltordnung zu brechen. Aber die Weltdiktatur des Kapitals hat eine Theorie entwickelt, um sich selbst zu rechtfertigen: die neoliberale Wahnidee. Diese postuliert, dass die Menschen den Marktkräften ohnmächtig ausgeliefert sind. Die Leute glauben das sie glauben an ihre eigene Ohnmacht. Die Schweizer haben in den vergangenen Jahren permanent gegen ihre eigenen Interessen gestimmt: gegen mehr Ferien, gegen einen Mindestlohn, gegen die 1:12-Initiative und so weiter.

Wer sagt, dass das ihren Interessen widerspricht?

Ziegler: Das ist doch klar!

So klar Zieglers Analyse der bestehenden Ordnung, so unklar ist seine Vision davon, wie eine bessere Ordnung aussehen könnte. Sein Werk sei «nicht ein Buch der Utopie, sondern ein Handbuch des Kampfes», sagt er. «Und es ist ein Buch der Hoffnung.»

Ein «Handbuch des Kampfes»

Zieglers Hoffnungen ruhen auf der «planetarischen Zivilgesellschaft», die er am Entstehen sieht und die sich gegen die «kannibalische Weltordnung» auflehnt. Im Buch gibt er mehrere Beispiele dafür. Etwa den Einsturz eines Fabrikgebäudes in Bangladesch 2013, bei dem 1138 Menschen getötet wurden. In Reaktion darauf machten mehrere internationale Nichtregierungsorganisationen Druck auf westliche Kleiderhersteller, die Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern zu verbessern. Sie erreichten, dass die Unternehmen Entschädigungszahlungen an die Angehörigen entrichteten und ein «Bündnis für nachhaltige Textilien» gründeten, um den Forderungen der Organisationen zu entsprechen.

Guter Chavez, böse Amerikaner

Das vermag Ziegler in seiner Kritik an den «Raubtierkapitalisten» allerdings nicht zu besänftigen. Sein Weltbild zieht eine klare Trennung zwischen Gut und Böse. Er teilt die Menschheit in Täter und Opfer auf. Zahlen, die seiner Analyse widersprechen etwa, dass sich laut UNO der Anteil der Menschen in extremer Armut in den letzten 20 Jahren halbiert hat –, wischt er beiseite und verweist darauf, dass die absolute Zahl der Hungernden weiterhin steige.

Sie schreiben, eine Ideologie sei «richtig», wenn sie die Selbstbestimmung des Menschen fördere. Gleichzeitig sind Sie ein grosser Anhänger der «Bolivarianischen Revolution» in Venezuela unter Hugo Chavez. Vor kurzem hat die Regierung von Chavez’ Erbe Nicolas Maduro die Lebensmittel rationiert. Ob ein Venezolaner ein Brot kaufen, sein Auto tanken oder eine Wohnung mieten will das Angebot ist stets staatlich diktiert. Das hat doch mit Selbstbestimmung nichts zu tun.

Ziegler: Doch! Dass es den Leuten schlecht geht, liegt an der US-amerikanischen Sabotage. Das war schon 1973 in Chile unter Präsident Salvador Allende so: Das Land wurde von der Sabotage der USA erwürgt. In Venezuela geschieht haargenau das Gleiche. Venezuela ist der sechstgrösste Erdölproduzent der Welt. Die Profite wurden immer von einer kleinen Schicht eingesackt. Chavez dagegen hat sie dazu verwendet, das Leben der Armen radikal zu verbessern. Daraufhin entschied die Regierung in Washington, dass dieses Modell ihren Interessen widerspricht und dass die Bolivarianische Revolution zerstört werden muss.

An der Abbruchkante der Zeit

In Zieglers Augen wird die Welt immer ungerechter. Doch Jean Ziegler ist optimistisch: Während die «tatsächlich gelebte Gerechtigkeit» zurückgehe, wachse die «einforderbare Gerechtigkeit». So sei beispielsweise die Sklaverei lange gesellschaftlich akzeptiert gewesen, heute werde sie hingegen nicht mehr toleriert, sagt Ziegler. Die wachsende Diskrepanz zwischen der «tatsächlich gelebten Gerechtigkeit» und der «einforderbaren Gerechtigkeit» ist es, woraus Ziegler Hoffnung schöpft.

Sie schreiben, dass die «kannibalische Weltordnung» schon morgen früh zusammenbrechen würde, wenn wir es nur wollten. Rechnen Sie damit, dass dies bald passiert?

Ziegler: Immanuel Kant sagte zur Zeit der Französischen Revolution: «Wir stehen an einer Abbruchkante der Zeit.» Heute, nach 250 Jahren, stehen wir wieder an der Abbruchkante der Zeit. Wenn es uns nicht gelingt, die Weltdiktatur des Raubtierkapitalismus zu brechen, dann geht auch unsere Demokratie verloren, und die Erbschaft der Aufklärung geht zu Boden. Wir befinden uns im letzten Kampf. Wenn dieser verloren geht, stirbt die Zivilisation.

Wird dieser Kampf Ihrer Ansicht nach verloren gehen?

Ziegler: Das hängt von uns ab. Der französische Schriftsteller Georges Bernanos schreibt: «Gott hat keine anderen Hände als die unseren.» Es braucht einen Aufstand des Gewissens. Und dieser Aufstand wird kommen, das spüre ich! Nicht alle Menschen, die mein Buch lesen, teilen meine Meinung. Aber sie sagen sich: Irgendetwas stimmt nicht, wenn in einer Welt, die von Reichtum überquillt, alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger stirbt. Es ist eine Unruhe da.

Hinweis

Jean Ziegler: «Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen», C. Bertelsmann Verlag.