BUCH: Wie man zum Kern eines Problems vorstösst

Benedikt Weibel war einst Chef der SBB. Dort musste er oft kom­plizierte Probleme auf einen einfachen Nenner bringen und sich auf das Wesentliche beschränken. Nun hat er ein Buch darüber geschrieben.

Interview Michael Graber
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Benedikt Weibel: «Komplizierte Probleme bestehen meist aus einer Vielzahl von kleinen Problemen.» (Bild: Keystone)

Benedikt Weibel: «Komplizierte Probleme bestehen meist aus einer Vielzahl von kleinen Problemen.» (Bild: Keystone)

Manchmal muss man mit dem Messer dahinter, zumindest mit einem imaginären: Ockhams Rasiermesser. Dieses wissenschaftliche Prinzip steht dafür, dass man bei einem Problem oder einer Aufgabe alles Wesentliche sucht und den Rest abschneidet. Unter dem Strich geht es um die Reduktion auf den Kern einer Sache. Dafür plädieren Philosophen und Wissenschaftler schon seit Jahrhunderten. So richtig festgesetzt hat sich das Prinzip in unserem Alltag aber nicht. Höchste Zeit für einen neuen Anlauf, diesmal von Benedikt Weibel. Der ehemalige Chef der SBB und heutige Honorarprofessor an der Universität Bern hat mit «Simplicity» ein Buch zum Thema verfasst.

Benedikt Weibel, eigentlich ist Reduktion auf das Wesentliche doch etwas komplett Logisches. Wieso braucht es 2014 immer noch ein Buch von Ihnen dazu?

Benedikt Weibel: Natürlich erfinde ich das Rad nicht neu mit dem Buch. Aber ich staune oft, wie viele Leute Mühe damit haben, sich auf das Wesentliche zu fokussieren. Ich arbeite und arbeitete auch mit vielen klugen Leuten zusammen, die zwar hervorragende Chefs sind, aber Mühe bekundeten, ein Problem auf seinen Kern zu reduzieren. Dadurch gehen viel Energie und Zeit verloren.

Können Sie sich daran erinnern, wann Sie zum ersten Mal selber gemerkt haben: «Jetzt muss ich das Rasiermesser ansetzen.»?

Weibel: Ja. Das muss so 1987 gewesen sein. Als ich das Projekt «Bahn 2000» in meiner Heimat in Solothurn vorstellen musste. Damals gab es grossen Widerstand dagegen, und ich sagte mir: Jetzt musst du den Leuten in ganz einfachen Worten erklären, worum es in diesem Projekt im Kern geht. Und es hat mir geholfen. Die Abstimmung zur «Bahn 2000» wurde schliesslich angenommen. In Krisensituationen ist man gezwungen, sich auf das Wesentliche zu reduzieren.

Also brauchen wir manchmal einfach ein Messer am Hals anstatt das Ockham’sche Rasiermesser?

Weibel: Ich höre immer wieder von Kollegen: «Ich brauche das Messer am Hals, damit ich besser arbeite.» Ich halte das für komplett falsch. Ich schreibe auch zahlreiche Kolumnen für Zeitungen, und noch keine habe ich zu spät abgegeben. Einfach weil ich mich so organisiere. Wenn ich die nicht kurz vor der Deadline schreibe, komme ich nicht in den Stress und liefere auch etwas Besseres. Auch das hat mit dem klaren Erkennen von Problemen zu tun und mit der Reduktion auf das Wesentliche.

Gibt es auch Dinge, die schlicht und einfach zu kompliziert sind, um sie auf ihren Kern zu reduzieren?

Weibel: Der amerikanische Chirurg Atul Gawande hat mal geschrieben, dass es drei Arten von Problemen gibt: einfache, komplizierte und komplexe. Einen Kuchen backen ist ein einfaches, eine Rakete auf den Mond zu schiessen, ein kompliziertes – ein Kind aufzuziehen, wäre dann ein komplexes. Zwar bestehen komplizierte Probleme meist aus einer Vielzahl von kleinen Probleme, aber Sie werden viel mehr Mühe haben, den Kern zu finden.

Sie wenden die Methode jetzt schon seit 30 Jahren an. Wird es einfacher mit der Zeit?

Weibel: Im Moment referiere ich ja viel zum Thema «Einfachheit und Reduktion». Und da ich gerade ein Buch dazu geschrieben und viel recherchiert habe, muss ich enorm aufpassen, dass ich nicht unter «dem Fluch des Wissens» leide, wie es so schön heisst. Sprich: Ich muss darauf achten, dass ich mein Wissen reduziere und nicht versuche, alles zu erzählen, was ich weiss. Es wäre ja lächerlich, wenn ich zum Thema Reduktion spräche, gleichzeitig aber stundenlang referierte.

Ist es in unserer modernen, schnellen Zeit einfacher oder schwerer geworden, sich auf das Wesentliche zu reduzieren? Immerhin kommen ja die ganze Zeit Mails und SMS rein, während man gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist.

Weibel: Die modernen Mittel haben zwei Seiten. Aber unter dem Strich, glaube ich, überwiegt das Positive. Ich kann innert Sekunden effizient recherchieren. Mit zwei Klicks finde ich einen Artikel von 1940 und kann mir gleich das entsprechende Material dazu bestellen. So gesehen hat das Internet vieles erleichtert.

Aber läuft man nicht Gefahr, sich in dieser Informationsflut zu verlaufen?

Weibel: Das hat wiederum mit Selbst­organisation zu tun. Gerade bei der Erreichbarkeit gibt es aber einige Einschränkungen. Richten Sie Blöcke von 20 Minuten ein, in denen Sie nicht erreichbar sind. Das ist nicht wirklich viel, aber Sie werden sehen, dass es hilft. Zudem bin ich der Ansicht, dass Firmen Regeln brauchen bezüglich der Erreichbarkeit ihrer Mitarbeiter, gerade in der Freizeit. Wer ständig erreichbar sein muss, kann sich nur selten ganz auf etwas fokussieren, und das ist sicherlich nicht im Sinne der Firma.

Kann man Dinge auch gemeinsam reduzieren? Etwa bei einem Streit mit dem Partner?

Weibel: Einer der besten Tricks, um komplexe Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren, ist eine To-do-Liste. Das kann man auch bei einem Streit tun – gemeinsam, indem man zusammen definiert, worum es eigentlich genau geht. Genau das geht in einem Streit ja leider oft vergessen.

Zum Buch

«Simplicity» ist ein schlankes Buch. Benedikt Weibel begibt sich auf einen Streifzug durch zahlreiche Wissenschaftsrichtungen. Es ist ein Plädoyer für die Reduktion auf das Wesentliche, und es ist nicht schwere Kost, sondern bei aller Ernsthaftigkeit auch unterhaltend.

Und seinen Sinn erfüllt es allemal. Man bekommt Lust, die eigenen Probleme mal auf ihren Kern zu reduzieren. Und vielleicht hilft es auch einfach so, wie es alt Bundesrat Adolf Ogi auf dem Klappentext formuliert: «Wer das Buch gelesen hat und sich wieder verzettelt, kriegt dabei wenigstens ein schlechtes Gewissen.»
Benedikt Weibel: Simplicity. NZZ Libro, 160 Seiten, Fr. 40.--.

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