«Bürger wissen mehr, als man meint»

Nachgefragt

Roger Braun
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Lukas Golder, wie eine neue Studie zeigt, wissen viele Stimmbürger nicht, worüber sie abstimmen. Ist das nicht Besorgnis erregend?

Ich halte das detaillierte Wissen über eine politische Vorlage für nicht entscheidend. Viel wichtiger ist es, dass die Bürger die Argumente richtig einordnen und daraus die richtigen Schlüsse für einen Stimmentscheid ziehen können.

Aber ob das letzte Atomkraftwerk 2022 oder 2029 vom Netz geht, ist doch wichtig.

Ganz ehrlich, ich selbst könnte die genaue Jahreszahl nicht nennen. Wichtig ist, dass die Bürger wissen, dass der Ausstieg ziemlich schnell kommt und dass dies mit gewissen Herausforderungen verbunden ist. Das ist relevant, die einzelnen Jahreszahlen sind es nicht.

Wenn das Wissen bei Abstimmungen nicht entscheidend ist, was ist es dann?

Die Bürger sollten die Logik der Argumente verstehen. Unser Forschungsinstitut entwickelt bei jeder Abstimmung drei Pro- und drei Gegenargumente und legt diese den Befragten vor. Wir können zeigen, dass jene, welche die Pro-Argumente teilen, auch viel eher ein Ja einlegen. Zum Beispiel stimmten jene, welche fanden, dass 45 Betriebsjahre für ein Atomkraftwerk genug sind, der Initiative zu. Wer hingegen Engpässe bei der Stromversorgung oder bedenkliche Stromimporte befürchtete, sagte viel eher Nein.

Allerdings ist es schwierig, solche Argumente ein­zuschätzen, wenn einem das Grundlagenwissen fehlt.

Das stimmt, deshalb nehmen ­viele Bürger auch Abkürzungen, sogenannte Heuristiken. Sie orientieren sich an Parteien, Verbänden, Freunden, gewissen Medien oder dem Bundesrat. Indem sie das tun, folgen sie indirekt meist auch ihren Präferenzen. Das ist ein sehr effizienter Weg, von seinem Stimmrecht Gebrauch zu machen.

Dann würden Sie insgesamt sagen, dass die Stimmbürger genug wissen, um eine durchdachte Stimme abzugeben?

In der Tendenz ja. Natürlich wissen die Bürger nicht so viel, wie man es sich aus staatspolitischer Sicht wünschen würde. Gleichzeitig wissen sie nicht so wenig, wie man immer meint. Wir dürfen die Cleverness der Leute im Umgang mit Abstimmungen nicht unterschätzen.

Roger Braun