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BÜRGERRECHT: Bund verweigert entführten Kindern den roten Pass

Ein Nigerianer verschleppt seine beiden Buben von Zürich in seine Heimat. Die Mutter wird später durch Heirat Schweizerin, den Kindern bleibt die Einbürgerung verwehrt. Die Chancen auf ein Wiedersehen sinken.
Kari Kälin
Der Vater entführte die Kinder, als sie dreieinhalb und fünf Jahre alt waren. (Bild: Ethan Welty/Getty)

Der Vater entführte die Kinder, als sie dreieinhalb und fünf Jahre alt waren. (Bild: Ethan Welty/Getty)

Kari Kälin

Das Schicksal schlägt am 15. Oktober 2011 zu. Der Vater bringt die gemeinsamen Söhne, damals dreieinhalb- und fünfjährig, nach seinem Besuchstag nicht wie abgemacht zurück zur Mutter nach Zürich. Stattdessen verschleppt er sie zu Familienangehörigen in sein Heimatland Nigeria. Fünf Tage später lässt er sich von einem nigerianischen Gericht das alleinige Sorgerecht zusprechen. Als das Bezirksamt Zürich darauf der Mutter, auch sie stammt aus Nigeria, das alleinige Sorgerecht erteilt, weigert sich der Vater erst recht, die Kinder in die Schweiz zurückzubringen.

Nach der Entführung kehrte der Vater allein zurück in die Schweiz – und wurde festgenommen. Das Zürcher Obergericht verurteilte ihn im Januar 2014 wegen Entführung zu sieben Jahren Haft. Der Taxichauffeur, der seit mehr als 20 Jahren in der Schweiz lebt, verbüsst derzeit seine Gefängnisstrafe.

Wo genau sich die beiden Söhne befinden und wie es ihnen geht, weiss die Mutter nicht. Sie kann mit ihnen nicht einmal telefonieren, der Vater verhindert jeglichen Kontakt. Vor Gericht behauptete dieser, die Kinder stünden in Nigeria unter Kontrolle der Stammesoberhäupter. Eine Rückkehr könne er nur durch persönliches Vorsprechen erwirken – was vom Gefängnis aus nicht möglich sei. Das Gericht qualifizierte diese Aussage als reine Schutzbehauptung. Vielmehr habe er krass egoistisch und rücksichtslos gegen das Wohl der Kinder gehandelt.

Bund lehnt Einbürgerung der Kinder ab

Neuen Mut in der verzweifelten Lage schöpfte die heute 37-jährige Mutter nach einer Heirat mit einem Schweizer. Am 8. Juni 2016 wurde sie erleichtert eingebürgert. Darauf beantragte sie den roten Pass für ihre Söhne. Wären die beiden Schweizer, hätten die hiesigen Behörden wenigstens eine kleine Möglichkeit, sich aktiv in den Entführungsfall einzuschalten. Die beiden Buben stünden nämlich unter konsularischem Schutz. Die Schweizer Vertretung vor Ort könnte zum Beispiel versuchen, bei den nigerianischen Behörden vorstellig zu werden oder vertrauenswürdige lokale Kontaktpersonen vermitteln, damit die Mutter wieder mit ihren Kindern in Kontakt treten kann, wenigstens via Telefon oder Skype. Und der Schweizer Pass würde die Ausreise von Nigeria erleichtern.

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) verweigerte den mittlerweile 10- und 11-jährigen Buben aber die erleichterte Einbürgerung. Zuerst das Bundesverwaltungs- und vor kurzem auch das Bundesgericht stützten diesen Entscheid. Die Richter kamen zum Schluss, dass die beiden Kinder wohl nicht mehr gut Deutsch sprechen und auch sonst über keinen aktuellen Bezug zur Schweiz verfügen würden. Sie würden faktisch in Nigeria als ­Nigerianer aufwachsen.

Das Bundesverwaltungsgericht räumte ein, die Kinder seien völlig unverschuldet in ihre Situa­tion geraten. Das geschehene ­Unrecht legitimiere aber keine Erteilung des Bürgerrechts. Die erleichterte Einbürgerung von Kindern setze voraus, dass diese seit mindestens zwei Jahren in der Schweiz lebten und mit den hiesigen Lebensgewohnheiten vertraut seien. Unter gewissen Bedingungen, wenn ein enger Bezug zur Schweiz besteht, kann das SEM den roten Pass auch erteilen, wenn die Kandidaten nicht genug lange in der Schweiz gelebt haben. Fakt sei aber auch, dass das SEM das Bürgerrecht trotz der speziellen Umstände nicht erteilen könne, ohne vorher die Voraussetzungen für die Einbürgerung geprüft zu haben.

100 Kindsentführungen ins Ausland

Rund 100-mal pro Jahr entführt in der Schweiz ein Elternteil Kinder ins Ausland. Werden sie in eines der rund 100 meist west­lichen und südamerikanischen Länder verschleppt, die das Haager Abkommen über Kindsentführung unterzeichnet haben, kümmert sich das Bundesamt für Justiz um die Fälle. Es kann zum Beispiel eine Rückführung der Kinder beantragen.

Nigeria ist nicht Vertragsstaat des Haager Abkommens. Der Internationale Sozialdienst Schweiz (SSI) vermittelt bei Kindsentführungen und stellt für Betroffene gerade dann eine wichtige Anlaufstelle dar, wenn Kinder in einen Staat ohne Haager Abkommen gebracht werden. Nigeria sei ein sehr schwieriges Pflaster, sagt SSI-Mediator Stephan Auerbach. Verhandlungen mit den Behörden oder anderen Kontaktpersonen in diesem riesigen Land seien schwierig, auch wegen der allgegenwärtigen Korruption. Dass die beiden Kinder bald in die Schweiz zurückkehren, hält er für unrealistisch.

Die Mutter will derweil weiterkämpfen. «Ich gebe nicht auf. Ich liebe meine Kinder», sagte sie im vorletzten Sommer gegenüber dem Schweizer Radio.

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