BÜRGERRECHT: Die Tests der Schweizermacher

Wer den roten Pass will, muss wissen: Bei einer Angina sucht man zuerst den Hausarzt auf. Und mit Spontanbesuchen enttarnen Polizisten Scheinehen.

Kari Kälin
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Fiktion, die auf der Realität basiert: Im Musical «Die Schweizermacher» hält Einbürgerungskandidatin Gertrud Starke die Polizisten Max Bodmer und Hans Neblung mit einem Fondue bei Laune. (Bild: Keystone)

Fiktion, die auf der Realität basiert: Im Musical «Die Schweizermacher» hält Einbürgerungskandidatin Gertrud Starke die Polizisten Max Bodmer und Hans Neblung mit einem Fondue bei Laune. (Bild: Keystone)

Mit einer Checkliste in der Hand steht der Polizist in der Wohnung von Sylwia Kowalska (Name geändert), einer 29-jährigen Polin, die sich einbürgern lassen will. Ihr Ehemann, ein 31-jähriger Schweizer, ist weder ergraut, noch hat er eine verrunzelte Stirn. Jetzt will es der Polizeibeamte, der sich bloss eine Stunde vor seiner Visite angekündigt hat, wissen: «Beträgt der Altersunterschied weniger als 20 Jahre?»

Bei den Kowalskas wirkt diese Frage, die natürlich dazu dient, Scheinehen zu enttarnen, grotesk. Sie gehören aber zum Standardrepertoire der «Schweizermacher». Es kommt ja durchaus vor, dass höchst ungleiche Paare aus durchsichtigen Motiven heiraten. Schliesslich winkt nach fünf Jahren in der Schweiz, wovon drei als Ehepartner, die erleichterte Einbürgerung.

«Ehepaar im sozialen Bereich»

Sylwia Kowalska führt eine reale Ehe. Die Frage nach der Altersdifferenz ist der einzig peinliche Moment. Ansonsten verläuft der Spontanbesuch in entspannter Atmosphäre, der Polizist ist nett. Kowalska lebt seit zehn Jahren in der Schweiz, hat an der Universität Zürich studiert. Die deutsche Sprache beherrscht sie perfekt, sozial ist sie integriert. Weder der Betreibungs- noch der Strafregisterauszug stellt die Eignung als Schweizer Staatsbürgerin in Frage.

Bei der erleichterten Einbürgerung wie im Fall Kowalskas durchleuchtet das Bundesamt für Migration (BFM) die Kandidaten via «Referenzpersonen». Drei Schweizer Kollegen werden dazu aufgefordert, schriftlich zu Kowalskas Lebenssituation Stellung zu nehmen. «Da das Bestehen einer stabilen, tatsächlichen ehelichen Gemeinschaft eine gesetzliche Voraussetzung für die Einbürgerung darstellt, sind wir verpflichtet, diese Frage näher abzuklären», heisst es im Brief an die Referenzpersonen. Das BFM erkundigt sich, ob Kowalska und ihr Ehemann «im sozialen Bereich gemeinsam als Ehepaar auftreten». Noch läuft Sylwia Kowals­kas Einbürgerungsverfahren. Ein positiver Abschluss dürfte Formsache sein.

Der richtige Fernsehsender

Verfahren aus früheren Zeiten liefern weit mehr Stoff für Anekdoten. So brillierte etwa Anfang der 1990er-Jahre ein einbürgerungswilliger Serbe mit der Reihenfolge der TV-Sender – mit dem Schweizer Fernsehen auf Platz Nummer eins. Der Serbe wusste dank Kollegen Bescheid – besser hätte es Rolf Lyssy in seinem Erfolgsfilm «Die Schweizermacher» nicht erfinden können.

Für die erleichterte Einbürgerung ist das Bundesamt für Migration verantwortlich. Im Jahr 2011 erhielten 9777 Personen den roten Pass auf diesem Weg. Weitaus häufiger ist die «ordentliche Einbürgerung» (2011: 28 003), die nach 12-jährigem Aufenthalt in der Schweiz möglich wird. Gut 30 Prozent und damit der grösste Teil aller Personen, die sich 2011 einbürgern liessen, stammen aus Ex-Jugoslawien. 900 000 Ausländer erfüllen gemäss der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen die Voraussetzungen für die ordentliche Einbürgerung. Erhielten sie alle den roten Pass, würde sich der Ausländeranteil (rund 23 Prozent) auf einen Schlag halbieren.

Die ordentliche Einbürgerung liegt in den Händen der Gemeinden und Kantone. Entsprechend gross ist die föderalistische Vielfalt bei den Einbürgerungsverfahren, entsprechend unterschiedlich prüfen die Behörden, ob Leumund, Sprachkenntnisse und das Vertrautsein mit den schweizerischen Verhältnissen eine Einbürgerung zulassen.

Als erste Zentralschweizer Gemeinde führte Emmen 2009 Deutschtests ein. Das Beispiel machte weitherum Schule. Neue Anforderungen kommen dazu. Im Kanton Obwalden zum Beispiel müssen Einbürgerungskandidaten Geschichte, Geografie und Staatskunde büffeln und eine mündliche Prüfung ablegen (siehe Ausgabe vom Donnerstag). Ähnliche Tests kennt auch der Kanton Uri.

Häusliche Gewalt und RAV

Erweist sich im Kanton Schwyz ein Gesuchsteller als zu wenig sattelfest in gesellschaftlichen und politischen Fragen, können ihn die Gemeinden zu einer schriftlichen Prüfung verknurren. Erst am Dienstag legten die ersten 21 Kandidaten die Prüfung im Berufsbildungszentrum in Pfäffikon ab. Beantworten sie nicht mindestens 60 Prozent der Fragen korrekt, rasseln sie durch. Die Kandidaten müssen zum Beispiel wissen, dass man sich bei einer Angina zuerst beim Hausarzt meldet (und nicht gleich zur Notfallstelle im nächsten Spital rennt). Oder dass die Polizei das Recht hat, bei häuslicher Gewalt einzuschreiten, und man sich bei drohender Arbeitslosigkeit am gescheitesten so rasch als möglich bei der Regionalen Arbeitsvermittlungsstelle (RAV) anmeldet. Auf die Prüfungen herrscht ein regelrechter Run, sagt Michael Kälin vom Berufsbildungszentrum Pfäffikon, der mit einer Durchfallquote von 50 Prozent rechnet. Ganz so einfach ist der Test nicht – oder hätten Sie gewusst, in welchem Zeitraum genau sich die Schweiz von einer Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft entwickelte?