Bundesamt bricht Lanze für Velofahrer

Disziplinlose Velofahrer sind zu einem nationalen Politikum geworden. Nun fordert der Chef des Bundesamtes für Sport bessere Radwege für die Gescholtenen.

Kari Kälin
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Matthias Remund, Chef des Bundesamtes für Sport, fordert bessere Bedingungen für Velos auf den Schweizer Strassen. Im Bild: Velofahrerin vor dem «Schweizerhof» in der Stadt Luzern. (Bild Eveline Beerkircher)

Matthias Remund, Chef des Bundesamtes für Sport, fordert bessere Bedingungen für Velos auf den Schweizer Strassen. Im Bild: Velofahrerin vor dem «Schweizerhof» in der Stadt Luzern. (Bild Eveline Beerkircher)

Sie haben das Potenzial, Stau zu reduzieren, überfüllte Züge und Busse zu entstopfen, die CO2-Bilanz und vielleicht sogar die Volksgesundheit zu verbessern. Gleichwohl sind die Velofahrer, im legendären Song von Peter Hinnen einst als Sympathieträger besungen («Mir sind mit em Velo da»), in jüngster Zeit in Verruf geraten. Der Basler CVP-Nationalrat Markus Lehmann beklagte sich kürzlich medienwirksam über die «zunehmende Disziplinlosigkeit bei vielen Velofahrern». Der Rüpel auf zwei Rädern, der Rotlichter ignoriert, aufs Trottoir ausweicht und ganz nah an Fussgängern vorbeiflitzt, erregt auch immer wieder in den Leserbriefspalten die Gemüter.

Die Stadt Luzern hat reagiert und im Juni mit verschiedenen Partnern eine einmonatige Kampagne lanciert. Das Ziel: Die Velofahrer sollen sich gegenüber Fussgängern rücksichtsvoller verhalten. Zudem verstärkt die Luzerner Polizei die Kontrolle von Velofahrern.

Nicht alle in den gleichen Topf

Christoph Merkli, Geschäftsführer von Pro Velo Schweiz, hat sich mittlerweile an das periodische Velofahrer-Bashing gewöhnt. «Natürlich halten sich nicht alle Velofahrer an die Regeln», sagt Merkli. Man dürfe aber nicht alle in den gleichen Topf werfen. Vielmehr müsse man die Rahmenbedingungen für die Velofahrer verbessern.

Nun erhält Merkli prominente Unterstützung. Wie überall gebe es im Verkehr solche, die sich gut, und andere, die sich schlecht verhalten würden, sagt Matthias Remund, Direktor des Bundesamtes für Sport (Baspo). «Ich muss aber schon sagen, dass die Verkehrsplanung ausgerichtet ist auf Autofahrer und Fussgänger. Radfahrer bekommen diese Benachteiligung immer wieder zu spüren», sagt Remund auf Nachfrage (siehe Nachgefragt). Während für den öffentlichen Verkehr alle Quartiere mit immer mehr Haltestellen erschlossen würden, gebe es in den Schweizer Städten kein wirklich bedürfnisgerechtes Radwegnetz. Diese Kritik hatte Remund bereits im Juni anlässlich der Präsentation der Studie «Sport Schweiz 2014» formuliert. Die Schweizer sind im internationalen Vergleich überaus bewegungsfreudige Menschen. Noch immer aber treiben 26 Prozent gar keinen Sport. Für Remund ist klar: Will man diese Gruppe in Schwung bringen, müssen die Hürden für sportliche Aktivitäten tief sein – auch im Alltag, zum Beispiel durch gute Velowege. Man spreche viel von mangelnder Bewegung, von Klimazielen und Umweltschutz. «Aber die Anliegen der Radfahrer werden wie eine heisse Kartoffel herumgereicht. Das ist inkonsequent und widersprüchlich», so Remund.

Nur wenige pendeln mit dem Velo

An der Begeisterung fehlt es nicht. Laut der Studie «Sport Schweiz 2014» ist Velofahren nach Wandern die zweitbeliebteste Sportart im Land. Und in der Stadt eignet sich das Fahrrad bestens, um elegant am Morgen- und Feierabendstau vorbeizupedalen.

Doch für den Gang zur Arbeit benutzen in der Deutschschweiz nur 7, in der Westschweiz und im Tessin sogar nur 3 Prozent meistens das Velo. Dies zeigen aktuelle Zahlen des Bundesamtes für Statistik zur Pendlermobilität. Bei einem Arbeitsweg bis 5 Kilometer schwingen sich immerhin 17 Prozent aufs Fahrrad (siehe Grafik). Schon bei wenig längeren Strecken sinkt der Anteil aber massiv. Für sämtliche Distanzen setzen sich Herr und Frau Schweizer am liebsten ins Auto.

Mangel bei Sicherheitsgefühl

Weshalb setzen nicht mehr Menschen auf das Velo? Mögliche Erklärungen liefern die Ergebnisse einer Umfrage, die Pro Velo Schweiz im Mai präsentierte. So fühlen sich die Velofahrer im Stadtverkehr nicht genügend sicher, sie kritisieren fehlende Radstreifen und gefährliche Kreuzungen.

«Bei der Sicherheit besteht der grösste Handlungsbedarf», sagt Pro-Velo-Schweiz-Geschäftsführer Christoph Merkli. Grossen Ärger bereiten den Velofahrern auch Diebstahl und Vandalismus sowie gefährliche Baustellen und «velofeindliche Ampelsteuerungen». Im Klartext: Die Velofahrer finden, dass sie manchmal schon losfahren könnten, wenn für die Autofahrer noch zu Recht das Rotlicht leuchtet.

Vignette für 50 Franken?

Über die Finanzierung eines allfälligen Ausbaus der Radwege herrscht derweil keine Einigkeit. Der Basler CVP-Nationalrat Markus Lehmann schlägt in einem Vorstoss vor, die eben erst abgeschaffte Velovignette wieder einzuführen und dafür beispielsweise 50 Franken zu verlangen. «Velowege und Veloparkplätze werden heute von der öffentlichen Hand finanziert, ohne dass sich die Radfahrer daran beteiligen müssen. Das ist falsch», sagt Lehmann.

Nichts anfangen mit solchen Plänen kann der Geschäftsführer von Pro Velo Schweiz, Christoph Merkli. Der grösste Teil der Veloinfrastruktur werde von den Gemeinden erstellt. «Mit den Steuern beteiligen sich die Velofahrer bereits an den Kosten», sagt er.

«An Radfahrer wird am Schluss gedacht»

kä. Nach Wandern ist Velofahren die zweitbeliebteste Sportart der Schweizer. Doch der Ruf der Velofahrer hat in letzter Zeit gelitten.

Matthias Remund, als Baspo-Direktor engagieren Sie sich für mehr Bewegung im Alltag. Bereitet Ihnen die teilweise feindselige Haltung gegenüber den Velofahrern Sorgen?
Matthias Remund: Die Kritik bestätigt vor allem eine Tendenz: Der Raum wird überall enger, die Nutzungskonflikte nehmen zu. Kritik am Verhalten der Velofahrer hört man vor allem aus Städten, wo die Raumproblematik am ausgeprägtesten ist. Ich glaube aber nicht, dass die Kritik jemanden davon abhält, mit dem Velo zur Arbeit zu fahren. Eher sind es Sicherheitsbedenken wegen des Verkehrs.
Haben die Velofahrer zu Recht einen schlechten Ruf?
Remund: Es gibt wie überall im Verkehr solche, die sich gut, und andere, die sich schlecht verhalten. Ich muss aber schon sagen, dass die Verkehrsplanung ausgerichtet ist auf Autofahrer und Fussgänger. Radfahrer bekommen diese Benachteiligung immer wieder zu spüren. Wie oft stand ich beispielsweise schon vor Rotlichtern, hätte locker fahren können, durfte aber nicht. In der Schweiz gibt es nicht wirklich ein bedürfnisgerechtes Radwegnetz in den Städten.
Wo sehen Sie Verbesserungspotenzial?
Remund: Es gibt zu viele Unterbrüche auf den Radwegen, es hat Mängel im Unterhalt, und manchmal hat der Velofahrer zwischen Tramschiene und Randstein gerade mal einen halben Meter Platz. Man merkt, dass bei der Planung meistens erst am Schluss an die Radfahrer gedacht wird.
Was für Auswirkungen hat dies auf das Bewegungsverhalten? Schaffen wir somit Hürden für den Einstieg in den Breitensport?
Remund: Man spricht viel von mangelnder Bewegung, von fehlender Alltagsbewegung, von Klimazielen und Umweltschutz, aber die Anliegen der Radfahrer werden wie eine heisse Kartoffel herumgereicht. Das ist inkonsequent und widersprüchlich. Wo Infrastrukturen schlecht oder nicht vorhanden sind, wird der Zugang zum Sport erschwert. Auch beim Radfahren.
Was sollen Bund, Kantone und Gemeinden unternehmen, um die Situation zu verbessern?
Remund: Gefordert sind alle staatlichen Ebenen. Die Rolle der öffentlichen Hand muss man aber differenzieren. Der Bund baut keine Radwege, aber er muss eine ausgewogene Raumpolitik anstreben, die auch Bewegung und Sport ermöglicht. Geht es konkret um den Bau von Radwegen, sind Gemeinden und Kantone gefordert. Eine auch auf Velofahrer ausgerichtete Planung ist das Mindeste, was sie zur Förderung der Alltagsbewegung machen können.