BUNDESRÄTIN: Knacknuss für die «Musterschülerin»

Nach den Parlamentswahlen vom Wochenende steht nun Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf selber vor einer Richtungswahl. Riskiert sie eine Niederlage, wenn sie sich nochmals zur Verfügung stellt, oder zieht sie sich erhobenen Hauptes zurück?

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Tritt sie wieder an, oder lässt sie es bleiben? Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf macht um ihre Bundesratskandidatur weiter ein Geheimnis. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Tritt sie wieder an, oder lässt sie es bleiben? Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf macht um ihre Bundesratskandidatur weiter ein Geheimnis. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Denise Lachat

Sie hatte sich 24 Stunden Bedenkzeit ausbedungen an jenem 12. Dezember 2007, als das Parlament im Bundeshaus einen Umsturz anzettelte und Christoph Blocher aus dem Bundesrat warf. Sollte Eveline Widmer-Schlumpf, Tochter von alt Bundesrat Leon Schlumpf und damals noch Regierungsrätin der Bündner SVP, die Wahl an Stelle von Blocher annehmen oder nicht? Widmer-Schlumpf erklärte später zu jenen turbulenten Stunden, die Frage habe sich ihr nach Tausenden von aufmunternden SMS und E-Mails eigentlich nur auf eine Art gestellt: Ist es jetzt noch möglich, Nein zu sagen?

Acht Jahre später stellt sich ihr die Frage genau umgekehrt: Ist es jetzt noch möglich, Ja zu sagen zu einer erneuten Kandidatur, nachdem die SVP bei den Wahlen so deutlich zugelegt hat und mit dem Segen von FDP-Chef Phi­lipp Müller vehement einen zweiten Sitz im Bundesrat verlangt? Nachdem «die Mitte» um BDP, Grünliberale und CVP Sitze verloren hat und nun auch etliche CVP-Politiker offen das Ende der BDP-Ära im Bundesrat fordern zu Gunsten der SVP?

Konsens versus Machtanspruch

Widmer-Schlumpf bleibt in der Frage stumm. Seit Monaten wiederholt sie in ihrer bekannt stoischen Art den gleichen Satz: Diese Frage beantworte sie erst nach den Wahlen. Und diese dauern genau genommen bis zum 22. November, wenn auch sämtliche zweiten Wahlgänge in den Ständerat abgeschlossen sind. Die Bedenkzeit Widmer-Schlumpfs ist diesmal also länger als 2007, und einiges spricht dafür, dass die Magistratin die Öffentlichkeit noch eine Weile zappeln lässt. Denn so erhöht sie selber den Druck auf die SVP, einen mehrheits- und konsensfähigen Bundesratskandidaten zu präsentieren, mit dem Widmer-Schlumpfs Sitz angegriffen werden soll. Der lösungsorientierten Politikerin ist zuzutrauen, dass sie solche Überlegungen zum Wohl des Landes anstellt.

Gleichzeitig ist die als äusserst ehrgeizig bekannte Bündnerin Machtpolitikerin genug, um ihr Amt zu verteidigen – auch im Wissen darum, dass die Linke sie dabei voll unterstützt. Allerdings wäre eine Abwahl am 9. Dezember nicht gerade das Traumfinale einer Bundesratskarriere, für die Widmer-Schlumpf reihum gute Noten erhält. Die Finanzministerin wird darum rechnen und sehr sorgfältig sondieren, wie viele Stimmen sie im Falle einer Kandidatur auf sicher hat. 2007 erhielt sie 125, 2011 waren es 131, mindestens 124 müssten es auch diesmal sein. Doch wirkliche Garantien dafür wird es bis zum Wahltag keine geben. Als Alternative bleibt der freiwillige Rückzug. Er würde der 59-Jährigen einen Platz an der Sonne in den Geschichtsbüchern sichern sowie die Festschreibung einer langen Politkarriere ohne den Zusatz «wurde nicht mehr gewählt».

Viele Kritiker von sich überzeugt

Längst hat die im Volk äusserst beliebte Bundesrätin auch im Parlament viele Kritiker überzeugt. Die fleissige Finanzministerin beeindruckt mit profundem Sachwissen, beherrscht ihre Dossiers bis ins kleinste Detail und erhielt nicht ohne Grund das Etikett der «Musterschülerin» verpasst. Der ehemalige Bündner BDP-Nationalrat Hansjörg Hassler kennt Widmer-Schlumpf schon aus dem Kantons- und Regierungsrat, und er hat sie nie anders erlebt. «Sie leistet perfekte Arbeit, stellt hohe Erwartungen an sich und ist hoch intelligent.»

Meisterin der Beherrschung

Bei Widmer-Schlumpf ist dieses Streben nach Perfektion mit einer Sprödigkeit verbunden und einer sichtbaren Askese, die sie eher unnahbar macht. Die Meisterin der Beherrschung teilt ihre Emotionen nicht mit der Öffentlichkeit, was nicht heissen will, dass sie keine hat. Wie stark sie unter den Attacken der SVP nach der Blocher-Abwahl gelitten haben muss, zeigt die in einem Interview gemachte Aussage, dass sie damals «zum ersten Mal im Leben» Tagebuch schrieb. Ihre drei Kinder sollen nach ihrem Tod je ein Exemplar erhalten, um zu verstehen, warum ihnen die Mutter in jener Zeit so fremd war.

Eveline Widmer-Schlumpf hat auf dem Schweizer Finanzplatz ziemlich spektakuläre Änderungen eingeläutet, strebt als Bürgerliche zusammen mit Links-Grün nach mehr Ökologie, und bleibt dabei selber gänzlich unspektakulär. In einer Exekutive müsse man langweilig sein, sagte sie einmal in der deutschen «Zeit». Sie selber sei gerne langweilig. Vielleicht würde zu dieser Eigenschaft passen, dass sie sich jetzt selber aus dem Rennen nimmt.