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«Bundesrat hat uns NICHT eingesperrt» – Lehrerin gibt in der «Arena» den Tarif durch

Corona-Diktatur, Covid-Lüge und sich breit machende Massnahmen-Müdigkeit: Die gestrige «Arena» widmete sich der Frage, wie Behörden, Medien und Politik während der Krise kommunizieren.

Petar Marjanović, watson.ch
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Am Freitag wurde die 14. Corona-«Arena» aufgezeichnet.

Am Freitag wurde die 14. Corona-«Arena» aufgezeichnet.

Screenshot SRF

Corona, Corona, Corona. Und jetzt noch ein vierzehntes Mal Corona. Seit Ende Februar lief keine «Arena»-Sendung, ohne dass über die Krise gesprochen wurde. Gestern ging es für einmal weniger um die wirtschaftlichen, politischen oder gesundheitlichen Folgen – sondern um das mediale Non-Stop-Thema an sich.

Grund dafür waren die Bilder der letzten Woche: Die Schweiz sah, wie sich in Basel, in den Bergen und an Corona-Demos die Massnahmen-Müdigkeit breit machte. Kritik, die es am Bundesrat seit Beginn der Krise gab, wird neuerdings auch an aufgeladenen Kundgebungen laut geäussert.

Wie soll man mit den Kontroversen, Verschwörungsfanatikern und der unsicheren Faktenlage umgehen? Welche Mitschuld trägt der Bundesrat daran? Brachte die Krise eine «Renaissance des Qualitätsjournalismus», so wie es Kommunikationsexperte David Schärer im Studio sagte – oder ist Kritik an den Medien berechtigt? Die Diskussion um diese Fragen nahm an der gestrigen «Arena» rasch Fahrt auf.

Kritik gegen «Corona-Diktatur»

Mitverantwortlich dafür war die Berufsschullehrerin Prisca Ulrich, die als Bürgerin aus Locarno zugeschaltet wurde. Mit nur zwei Statements, in denen sie Lob, Kritik und Verständnis verpackte, bestimmte sie die Richtung der Diskussion.

Die Beobachterin aus dem Tessin sagte, dass die Pandemie wie ein «Tsunami» gekommen sei. Die «reisserischen Titel» der Presse hätten damals zu Recht «Angst und Schrecken» verbreitet, um die Bevölkerung zu sensibilisieren. «Ich habe gesehen, was innerhalb sehr kurzer Zeit in Italien passiert: Vom ersten Toten bis zu den Wahnsinns-Kolonnen von Särgen in Bergamo», erklärte sie vor der Webcam.

Obwohl voll des Lobes für Bundesrat Alain Berset und BAG-Mann Daniel Koch, zeigte die Berufsschullehrerin Verständnis für die Unzufriedenheit der Corona-Demonstranten – um im gleichen Atemzug zu betonen, was sie von den politischen Extremen hält: «Ich kann gar nicht verstehen, wenn von ‹Covid-Lüge› oder ‹Diktatur› gesprochen wird. Der Bundesrat hat immer gesagt, man solle zuhause bleiben – ein Verbot gab es aber nicht und wir waren nicht eingesperrt wie in Italien.»

Heer kritisiert «de facto Diktatur»

Die Kritik richtete sich teilweise auch gegen Nationalrat Alfred Heer (SVP/ZH). Zu Beginn der Sendung machte der Anwärter für das SVP-Präsidentenamt deutlich, was er von den Corona-Massnahmen halte: Ihm komme die staatspolitische Lage einer «de facto Diktatur» gleich, weil Parlament und Kantone wegen des Notrecht-Regimes nicht mitsprechen könnten.

Diese Kritik mässigte er im Verlauf der Diskussion. Er zeigte Verständnis für die Massnahmen des Bundesrates und äusserte gar Selbstkritik ans Parlament, das unter anderem auf Druck der SVP im März die Sitzung unterbrach.

«Unklarheit schafft Skepsis»

Sinn und Zweck von Corona-Massnahmen: Das war in der «Arena» eigentlich ein zweitrangiges Thema. Im zweiten Teil der Sendung verlagerte sich der Schwerpunkt der Diskussion zurück zur eigentlichen Medien-Debatte. Auch hier brachte mit dem Rheintaler Ofenbauer Philipp Tinner ein zugeschalteter Gast via Webcam den Impuls.

Tinner ärgerte sich darüber, dass ihm etwa mit Berichten über Chinas Corona-Strategie aufgedrückt werde, was «normal» sei. Und er vermisse – nach langem Nachdenken – in der Berichterstattung die «fundierten Sachen» über das Virus. «Wir wissen über das Virus gar nichts», merkte er an.

Diese unklare Faktenlage könne zu Skepsis werden, warnte Medienwissenschafter Vinzenz Wyss im Zusammenhang mit den Anti-Shutdown-Demonstrationen. «Sie denken dann: ‹Mein Gott, wieso bringen die Medien nicht Themen, die mich auch beschäftigen›. Und das könnte dazu führen, dass die Leute dann das Gefühl haben, ihnen werde ein Maulkorb verpasst.»

Moderator Sandro Brotz wollte von Nationalrätin Edith Graf-Litscher (SP/TG), der zweiten Politikerin in der Runde, wissen, ob denn Demo-Verbote sinnvoll seien. Angesprochen auf den offenen Brief von watson, wagte sich die Thurgauerin an eine pragmatische Kritik am Kundgebungsverbot, nachdem sie zuvor fast nur lobende Worte für die Kommunkation des Bundes fand: «Dem Virus ist es glaube ich egal, ob wir zu fünft im Studio stehen oder an einer Demo sind.»

Graf-Litscher äusserte Verständnis für die Proteste und forderte vom Bund: Anstatt immer wieder zu wiederholen, wie wichtig es sei, nun zuhause zu bleiben, solle man auch die «sozialen Aspekte» berücksichtigen. «Wir müssen das ernst nehmen, wenn die Leute ihre Angehörigen nicht mehr sehen können», so Graf-Litscher.

Das Schlusswort erhielt – etwas abrupt wegen ungeplanter Sendungsverlängerung – der Medienwissenschafter Wyss. Er forderte mehr «Meta-Kommunikation» von den Medienschaffenden. Sie sollten häufiger in der Berichterstattung erklären, warum sie «gewisse Sachen machen und gewisse Sachen unterlassen».