BUNDESRAT: Thomas Aeschi, wer sind Sie?

Er ist jung, ehrgeizig und ein Rätsel. Rund um Thomas Aeschi (36) gibt es viele Unbekannten. Der Versuch einer Annäherung.

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Thomas Aeschi beantwortet am Freitag unmittelbar nach seiner Nomination in Bern Fragen. Als Nächstes wird er von den anderen Parteien in die Mangel genommen. (Bild: EQ/Yoshiko Kusano)

Thomas Aeschi beantwortet am Freitag unmittelbar nach seiner Nomination in Bern Fragen. Als Nächstes wird er von den anderen Parteien in die Mangel genommen. (Bild: EQ/Yoshiko Kusano)

Interview Sermîn Faki

Thomas Aeschi, Sie unterstützen die Kandidaturen von Norman Gobbi und Guy Parmelin. Pardon, aber das nehme ich Ihnen nicht ab.

Thomas Aeschi: Wieso nicht? Aus Sicht der SVP ist es absolut zentral, dass wir in den kommenden Jahren einen Bundesrat aus der Romandie oder dem Tessin haben. Wir sind dort stark gewachsen und sollten mit SP und FDP gleichziehen, deren je zwei Bundesräte aus unterschiedlichen Sprachregionen kommen. Das kann jetzt im Dezember passieren oder bei der nächsten Vakanz.

Dennoch kann man sich nicht vorstellen, dass Sie sich als Alibi-Kandidat verheizen lassen.

Aeschi: Wenn die Bundesversammlung zum Schluss kommt, dass sie ein junges, frisches Gesicht und erst noch aus der Zentralschweiz im Bundesrat will und mich wählt, würde ich das Amt selbstverständlich annehmen. Ich gehe davon aus, dass mich viele in der Fraktion auch deswegen nominiert haben, weil ich aus der Zentralschweiz komme und diese seit dem Rücktritt von Kaspar Villiger im Jahr 2003 keinen Vertreter mehr im Bundesrat hatte.

Sie werden als Phantom, als Sphinx bezeichnet, die man gar nicht richtig kennt. Also versuchen wir es mal a la Schawinski: Thomas Aeschi, wer sind Sie?

Aeschi: Sie werden lachen – Roger Schawinski hat mich heute schon dreimal angerufen ... wer bin ich? Ich bin gemeinsam mit zwei Brüdern in einem sehr landwirtschaftlich geprägten Umfeld aufgewachsen, in einem kleinen Dorf namens Allenwinden oberhalb von Zug, wo ich auch die Primarschule besucht habe. Am liebsten habe ich meine Freizeit auf dem Bauernhof eines Jugendfreundes beim Heuen oder Kirschenpflücken verbracht. Mit 16, 17 ist dann der Wunsch gewachsen, die grosse Welt zu sehen und andere Kulturen kennen zu lernen, was ich dann ja auch mit verschiedenen Auslandsaufenthalten, zum Beispiel in Argentinien, Malaysia oder Australien verwirklichen konnte. Seit dem Ende meines Studiums in den USA lebe ich in Baar und bin von daher wohl ein typischer Vertreter der jungen Generation, die das Ländliche, Urbane und Internationale verbindet. Ich bin daher einerseits stark in der Zentralschweiz verankert, aber andererseits neugierig und mit einer guten Portion Fernweh ausgestattet.

Nicht einmal in Zug kennt man Sie so richtig. Woran liegt das?

Aeschi: In Allenwinden, wo ich aufgewachsen bin, bin ich sicher als Privatperson bekannt, in Baar und Zug wahrscheinlich eher als Politiker. Das hängt sicher auch mit meinem Beruf zusammen, ich bin beruflich viel unterwegs und arbeite auch gern viel.

Was ist Ihr Lieblingsessen?

Aeschi: Züri-Gschnetzlets mit Rösti.

Ihr Lieblingsbuch?

Aeschi: Ich lese gern Bücher von Antoine de Saint-Exupéry, «Wind, Sand und Sterne» gehört zu meinen Favoriten.

Was haben Sie zuletzt im Kino gesehen?

Aeschi: Den neuen James Bond.

Wie fanden Sie ihn?

Aeschi: Hat mich nicht so überzeugt, zu langfädig.

Sie reisen, wandern – und jassen gern. Was ist Ihr Lieblings-Jass?

Aeschi: Kein bestimmter. Aber im letzten Juni jasste ich mit meinen Fraktionskollegen Max Binder, Toni Brunner und Thomas Matter. Wir haben uns nicht einmal davon abhalten lassen, dass das Restaurant zumachte, sondern jassten bis drei Uhr morgens auf zusammengebundenen Terrassenstühlen in Bern. Und obwohl Max Binder und ich mehr als 1000 Punkte zurücklagen, haben wir in der letzte Runde aufgeholt und gewonnen.

Kränkt es Sie, Blochers Pudel oder Blochers Ziehsohn genannt zu werden?

Aeschi: Das Erste habe ich noch nie gehört, das Zweite schon.

Kränkt es Sie?

Aeschi: Nein.

Der Kontakt zu Blocher ist eng?

Aeschi: Eng würde ich es nicht nennen, aber gut. Auf jeden Fall ist er jemand, von dem ich und andere viel gelernt haben – nicht nur in der Politik, sondern auch menschlich und beruflich.

Neben der Nähe zu Christoph Blocher wird Ihnen auch immer wieder mangelnde Führungserfahrung angelastet. Jetzt können Sie damit aufräumen: Wie viele Mitarbeiter leiten Sie?

Aeschi: Als Projektleiter bei einer Unternehmensberatung leitet man zwei bis acht Personen. Die Bundesversammlung muss entscheiden, ob meine Erfahrung genügt und sie mir zutraut, ein Departement zu führen. Aber auch Simonetta Sommaruga und Alain Berset haben vor ihrem Amtsantritt ja keine Firma geführt.

Kommen wir noch einmal zu Ihrem Beruf: Was machen Sie genau?

Aeschi: Im Auftrag von Unternehmen löse ich gemeinsam mit einem Team unter Zeitdruck komplexe Probleme. Ich will meine Kunden nicht nennen, aber ich habe beispielsweise für Banken gearbeitet, für Mobilfunkanbieter und Firmen in der Luftfahrtindustrie.

Für wen arbeiten Sie eigentlich? Bei den Parlamentsdiensten haben Sie die eigene Firma angegeben, auf dem Lebenslauf, den Sie der SVP eingereicht haben, ist Ihr Arbeitgeber das Unternehmen PwC Strategy&.

Aeschi: Arbeitgeber müssen nicht im Interessenregister der Parlamentsdienste angegeben werden. Seit 2008 arbeite ich für PwC Strategy&. Meine eigene Firma, die Aeschi & Company GmbH, wurde im Jahr 2010 gegründet.

PwC Strategy& gehörte bis 2008 zu einem Konzern, der für das US-Verteidigungsministerium und die NSA tätig ist. Haben Sie es deswegen weder beim Parlament noch auf der Website angegeben?

Aeschi: Ich fand einfach nicht, dass mein Arbeitgeber für die Öffentlichkeit wichtig ist.

Also haben Sie nie für die US-Regierung gearbeitet?

Aeschi (lacht): Nein, nie. Ich habe während meiner gesamten Karriere immer für den Privatsektor gearbeitet. Einzige Ausnahmen waren eine Zentralbank und ein Staatsfonds, die wir beraten haben.

Zu wie viel Prozent arbeiten Sie?

Aeschi: Nebst meinem Nationalratsmandat erhalte ich in diesem Monat Lohn für ein 35-Prozent-Pensum.

In Baar läuft zudem ein Strafverfahren wegen Amtsgeheimnisverletzung, in das Sie involviert sind. Wie ist da der Stand?

Aeschi: Ich wurde vor zwei Wochen als Zeuge befragt, mehr darf ich dazu nicht sagen. Aber es geht um die Anschuldigung, dass jemand aus der Verwaltung Pläne über ein neues Asylzentrum im Zentrum von Baar öffentlich machte.

Haben Sie auch ein Privatleben? Man munkelt, nein.

Aeschi: Deshalb heisst es ja Privatleben. Ich bin seit einigen Monaten nach einer mehrjährigen Partnerschaft wieder single, arbeite viel und geniesse es zu jassen, ein gutes Glas Wein mit Freunden zu trinken, Sport zu treiben oder einen unterhaltsamen Film zu sehen. Wenn Sie wissen wollen, wie dieses Wochenende aussieht: Heute Samstag besuche ich mein dreijähriges Gottenkind mit seiner Familie und den drei Geschwistern. Morgen werde ich joggen gehen, dann lese ich das Buch «Vermächtnis: Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können» von Jared Diamond und werde natürlich auch noch Zeit für die Planung der nächsten Wochen einsetzen. Als Politiker ist man daran gewöhnt, auch am Wochenende zu arbeiten.

Das müssten Sie auch als Bundesrat. In welchem Departement am liebsten?

Aeschi: Dies ist ja kein Wunschkonzert. Ich kann mir jedes Departement vorstellen. Natürlich würde mein beruflicher Hintergrund für das Finanzdepartement sprechen.