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BUNDESRATSWAHL: So stehen die Chancen der Kandidaten

Wollen Isabelle Moret und Pierre Maudet die Wahl schaffen, müssen sie bei den bürgerlichen Parteien noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Vor allem in der grössten Fraktion – jener der SVP – sind die Meinungen fast schon gemacht.
Roger Braun
Die drei Bundesratskandidaten präsentierten sich gestern am Tag der FDP in Auvernier (Neuenburg). (Bild: Keystone/Valentin Flauraud)

Die drei Bundesratskandidaten präsentierten sich gestern am Tag der FDP in Auvernier (Neuenburg). (Bild: Keystone/Valentin Flauraud)

Roger Braun

Die FDP hat sich am Freitag entschieden, nun sind die anderen Parteien an der Reihe. Sie werden die drei offiziellen Kandidaten ab übernächster Woche zum Hearing einladen und einer Prüfung unterziehen: den Fraktionschef Ignazio Cassis, die Waadtländer Nationalrätin Isabelle Moret sowie den Genfer Regierungsrat Pierre Maudet. Offen äussern sich Parteivertreter nur widerwillig über ihre Vorlieben, doch vertrauliche Gespräche geben ein relativ klares Bild ab, welche Kandidaten in welchen Fraktionen die besten Chancen haben.

SVP (74 Sitze)

Nirgendwo liegt der Fall so klar wie in der grössten Fraktion des Bundesparlaments. Würden die Wahlen heute stattfinden, würde Cassis etwa 90 Prozent der ­SVP-Stimmen machen, schätzt ein einflussreiches Fraktionsmitglied. Grund ist nicht die Euphorie über den Tessiner, sondern das angewendete Ausschlussverfahren. Moret traut die SVP das Bundesratsamt nicht zu. Maudet wiederum hat im entscheidenden EU-Dossier eine deutlich offe­nere Haltung, als die SVP erlaubt. Negativ dürfte sich auch seine Doppelbürgerschaft auswirken sowie seine einstige Kritik an SVP-Bundesrat Ueli Maurer, wonach dieser «die grösste Be­drohung für die Sicherheit der Schweiz» sei. Damals hatte Maudet zudem eine Reduktion der Armee von 100 000 auf 20 000 Mann gefordert sowie eine Abschaffung der Wehrpflicht. Im Unterschied dazu wirkt Cassis weit berechenbarer. Pikantes Detail: Ausgerechnet die drei Tessiner Vertreter haben die grössten Vorbehalte gegenüber Cassis.

SP (55 Sitze)

Wenn Moret eine Chance haben will, Bundesrätin zu werden, muss sie als Frau eine deutliche Mehrheit der linken Stimmen für sich gewinnen. Dies scheint weniger klar als auch schon. In der gestrigen Fraktionssitzung der Sozialdemokraten gab es Wortmeldungen für unterschiedliche Kandidaten. SP-Präsident Christian Levrat bezeichnet inzwischen nicht mehr nur Cassis, sondern auch Moret als «Superlobbyistin» und «Kofferträgerin von Einzelinteressen». Nicht entgangen ist der SP auch der schwache Wahlkampf der Waadtländerin. Maudet wiederum setzt bei der Kriminalität auf Härte und hat im Wahlkampf eine Aussenpolitik gefordert, die den wirtschaft­lichen Interessen Priorität einräumt. Beides ist nicht im Sinne der SP. Auch wenn heute nicht alle hinter Moret stehen: Wenn sich die Fraktion für eine einzelne Kandidatur ausspricht, dürfte es am ehesten ihre sein.

FDP (46 Sitze)

Bei der FDP dürften die meisten Stimmen an Cassis gehen. Das zeigt sich alleine schon daran, dass es an der Nominationsversammlung der FDP einzig darum ging, ob neben Cassis eine oder zwei Kandidaturen aufgestellt werden. Cassis selber war komplett unbestritten. In der FDP attestiert man dem Fraktionschef einen grossen Arbeitseifer und einen fairen Umgang mit anderen Meinungen. Zweifel an seiner Dossierkenntnis gibt es nicht. «Er weiss, wie der Laden in Bern läuft», sagt ein Fraktionsmitglied. Maudet und Moret dürften sich die restlichen Stimmen teilen. Viele davon werden aus der Westschweiz kommen, wo die Loyalität zu den Vertretern der eigenen Sprachregion schwerer wiegt als die angemessene Vertretung aller Landesteile im Bundesrat. Moret dürfte in der Deutschschweiz zudem von einem Frauenbonus profitieren – nicht nur aus Gründen der Gleichstellung, sondern weil sich ambitionierte Männer künftig bessere Bundesratschancen ausrechnen, wenn nun eine Frau gewählt wird.

CVP (43 Sitze)

Die CVP versteht sich als Ga­rantin für den Zusammenhalt ­ der Schweiz. Dementsprechend gross ist das Verständnis für das Tessin, das seit 18 Jahren auf ­einen Sitz im Bundesrat wartet. CVP-Präsident Gerhard Pfister machte bereits vor Wochen klar, dass der Zeitpunkt perfekt sei, um den Anspruch der italienischsprachigen Schweiz einzulösen. «Ignazio Cassis ist für mich schon so gut wie gewählt», sagte er damals. Mehr als die Hälfte der CVP-Stimmen dürften bereits im ersten Wahlgang an Cassis gehen, schätzt ein Fraktionsmitglied. Die Westschweizer CVP-Vertreter haben bisher wenig Enthusiasmus für die welschen Kandidaten der FDP versprüht. In der Deutschschweiz krankt Maudet an seiner Unbekanntheit. Für viele kommt seine Kandidatur schlicht zu früh. Auch seine luftigen Visionen und seine forsche Gangart passen nur bedingt zur CVP. Moret wiederum dürfte wie bei der FDP von der Frauensolidarität profitieren und Stimmen von Männern mit Bundesratsambitionen erhalten.

Fazit: Moret und Maudet müssen bei den Hearings über sich hinauswachsen, wollen sie Cassis noch abfangen. Einen gröberen Fehltritt Cassis’ ausgeschlossen, wird es sonst am 20. September im Bundespar­lament heissen: Gewählt ist ... ­Ignazio Cassis.

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