BUNDESRATSWAHL: «Unglaublicher Träumer und riesengrosser Idealist»

Harry Herber ist ein pensionierter Gärtner aus Lugano. Mit 74 Jahren hat er noch Grosses vor: Er will in den Bundesrat.

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So macht Harry Herber auf seine Bundesratskandidatur aufmerksam. (Bild: Roger Grütter (4. September 2017))

So macht Harry Herber auf seine Bundesratskandidatur aufmerksam. (Bild: Roger Grütter (4. September 2017))

Über diesen Mann berichtete die NZZ bereits 1965. Die Rede ist von Harry Herber. In einem Bericht über die Schweizer Meisterschaft der Geher über 50 Kilometer schrieb die NZZ vom «tapferen Herber», der viel Führungsarbeit geleistet habe. Am Schluss reichte es für Rang sechs.

Führungsarbeit will Herber auch mehr als 50 Jahre später noch leisten– und zwar im Bundesrat. Er kandidiert als Unabhängiger für die Nachfolge von Didier Burkhalter. Der pensionierte Gärtner aus Lugano erfüllt schon mal ein wichtiges Kriterium – wenn nicht gar das Wichtigste, schenkt man seinen Standesgenossen Glauben: Er ist Tessiner. Und für diese wolle er sich auch einsetzen, schreibt Herber auf einer eigens für seine Kandidatur erstellten Webseite: «Ich möchte ein Bundesrat sein, der die Bedürfnisse des ganzen Landes berücksichtigt, mit Blick auf die Probleme des Tessins, das ich seit meiner Jugend immer in meinem Herzen gehabt habe.»

In einem Schreiben, das unsere Redaktion erreicht hat, berichtet Herber, dass er von der Bundesversammlung eine Bestätigung erhalten habe, dass er als Bundesratskandidat offiziell zugelassen sei. Garniert ist der Brief mit einem Foto, einer Schachtel süssen Marroni und einer Medaille. Diese hat Herber 1963 beim «Internationalen Mustermessegehen» errungen. Von dieser Zeit erzählt er auch im Brief: «Von 1960 bis 1975 war ich einer der besten Geher in der Schweiz. Ich halte bis heute den Rekord über 75 Kilometer.» Als Sportler hat Herber zudem prominente Bekanntschaften gemacht. «Ein Freund von mir, Ferdy Kübler, hat mich so klassifiziert: ‹Harry, du bist ein unglaublicher Träumer und ein riesengrosser Idealist.›» Wer solche Freunde hat, braucht den Wettbewerb im Bundeshaus nicht zu scheuen.

Herber verfügt aber nicht nur über prominenten Zuspruch, sondern auch über politische Erfahrung. Zwischen 1980 und 1992 engagierte er sich sowohl auf kommunaler als auch auf kantonaler Ebene. Dort machte er sich aber offenbar nicht nur Freunde: «Ich war Mitglied des Kantonsparlaments, das ich wegen Unstimmigkeiten mit der Lega dei Ticinesi verlassen musste», schreibt er.

Dass sich Personen ohne Partei für den Bundesrat bewerben, ist nichts Spezielles – und vom Gesetz so vorgesehen. Kandidieren kann jeder wahlberechtigte Bürger. Bei jeder Bundesratswahl meldet sich rund ein Dutzend «wilder» Kandidaten für das Amt in der Landesregierung an, wie die Parlamentsdienste mitteilen. Für die Nachfolge Burkhalters seien bislang elf Kandidaturen eingegangen. Nun heisst es also am 20. September im Bundeshaus Cassis, Moret, Maudet – oder vielleicht doch Herber.

 

Dominik Weingartner