Burkhalter und der Volkswille: Das Ringen um die Komplementärmedizin

Letztes Jahr sagte das Schweizer Stimmvolk an der Urne klar Ja zum Verfassungsartikel «Zukunft mit Komplementärmedizin». Jetzt stellt sich die knifflige Frage nach der Umsetzung. Bundesrat Didier Burkhalter ist nicht zu beneiden.

Christof Forster
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Neulich hat ein frisch an der Hand operiertes Kleinkind im Aufwachraum eines renommierten Kantonsspitals erbärmlich geweint und wild um sich geschlagen. Als es sogar damit begann, Verband und Infusion wegzureissen, kamen die Ärzte ins Rotieren und erwogen, das Kind nochmals unter Narkose zu setzen.

Der medizinische Assistent hatte eine andere, sanftere Idee: Er schlug den Eltern vor, homöopathische Notfalltropfen zu verabreichen. Die flugs in einer Apotheke ausserhalb des Spitals besorgte Medizin wirkte, und das Kind beruhigte sich.

Die verbürgte Anekdote zeigt, dass die Komplementärmedizin selbst in Spitälern, wo ein klar schulmedizinischer Geist dominiert, kein Tabu mehr ist. Sie leistet viel Gutes und geniesst bei vielen Menschen zu Recht grosse Wertschätzung. Das hat das Schweizer Stimmvolk auch an der Urne zum Ausdruck gebracht, als es letztes Jahr mit deutlichem Zwei-Drittel-Ja dem Verfassungsartikel «Zukunft mit Komplementärmedizin» zustimmte.

Der Artikel schreibt allerdings Bund und Kantonen nur sehr allgemein vor, die Komplementärmedizin zu berücksichtigen. Deshalb stellt sich auch hier die knifflige Frage nach der Umsetzung des Volkswillens. Nach dem Willen der Befürworter soll die Grundversicherung Homöopathie, anthroposophische Medizin, Traditionelle Chinesische Medizin, Pflanzenheilkunde und Neuraltherapie wieder bezahlen, die vom damaligen Gesundheitsminister Pascal Couchepin aus dem Leistungskatalog gestrichen wurden.

Doch so einfach ist das nicht, wie diese Woche der umstrittene Entscheid einer Fachkommission des Bundes vor Augen geführt hat. Die darin versammelten 20 Fachleute, davon bloss ein Vertreter der Komplementärmedizin, kamen zum Schluss, dass auch neue Studien die Wirksamkeit von Homöopathie und Co. nicht nachweisen können. Ergo gibt es auch keinen Grund, die Kosten der Grundversicherung zu belasten.

Damit ist der erbitterte Streit zwischen Alternativ- und Schulmedizinern wieder losgegangen. Die Grüne Nationalrätin und Ärztin Yvonne Gilli spricht vom sicheren Tod ihres Anliegens. Sie wirft der Kommission vor, keine externen Experten beigezogen und zu Unrecht die Messmethoden der Schulmedizin auf ihre Medizin angewandt zu haben.

Nicht zu beneiden ist Bundesrat Didier Burkhalter, der in dieser Sache zwischen dem deutlichen Volkswillen und den strengen Vorgaben des Gesetzes abwägen muss. Es könnte darauf hinauslaufen, dass Burkhalter einen politischen Entscheid fällt und die fünf Therapien in die obligatorische Krankenversicherung aufnimmt. Dabei besteht zweifellos die Gefahr, dass weitere der rund 200 in der Schweiz praktizierten komplementärmedizinischen Methoden an den Futtertopf drängen.

Dagegen sind Bremsen einzubauen. Indem Therapie und Medikament gesondert betrachtet werden, könnte Burkhalter den Konflikt um den Nachweis der Wirksamkeit umschiffen. Bei der Homöopathie würde dann das wichtige Gespräch des Arztes vergütet, die günstigen Globuli müsste der Patient hingegen selbst berappen. Diese Lösung ist gar nicht so weit von der heutigen Situation entfernt, wo der - schulmedizinisch ausgebildete - Arzt das alternativmedizinische Gespräch problemlos über die Grundversicherung abrechnen kann.

Der Volkswille wäre damit erfüllt. Trotzdem sollten die Alternativmediziner weiter dafür kämpfen, dass ihre Therapien - mithilfe auch von der Schulmedizin anerkannten Methoden - auf ihre Wirksamkeit geprüft werden. Vielleicht weicht sich dann der Konflikt zwischen den beiden - lange als konträr statt komplementär betrachteten - Lagern auf.