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Tessins vorbildliche Armutspolitik

Die Kantone bekämpfen die Armut unterschiedlich. Nun fordert das Hilfswerk Caritas die Landesregierung auf, eine führende Rolle zu übernehmen.
Anna Wanner
Caritas Schweiz: Die Armutsbekämpfung ist ebenso Sache des Bundes, nicht nur der Kantone. (Bild: KEYSTONE/GAETAN BALLY)

Caritas Schweiz: Die Armutsbekämpfung ist ebenso Sache des Bundes, nicht nur der Kantone. (Bild: KEYSTONE/GAETAN BALLY)

Mehr als 108 000 Kinder in der Schweiz sind von Armut betroffen, 615 000 Personen waren es 2016 insgesamt. Das lässt auch den Bundesrat nicht kalt. Er beurteilte den Problemdruck im April als «hoch». Dennoch lässt er Ende Jahr das 2014 gestartete Nationale Programm gegen Armut auslaufen. Er bekräftigte aber, sein Engagement fortführen zu wollen.

Mit diesem Bekenntnis des Bundesrats will sich das Hilfswerk Caritas jedoch nicht zufrieden geben. Direktor Hugo Fasel hält es für «beschämend», dass der Bund sich künftig noch mit jährlich 500000 Franken an der Armutsbekämpfung beteiligen will, zumal der im April veröffentlichte Bericht klare Handlungsfelder aufzeigt. «Trotzdem verabschiedet er sich aus der Armutspolitik», kritisiert Fasel. Das habe mit einer verfehlten Einstellung zu tun: «Der Bundesrat reduziert die Armutsfrage auf die Sozialhilfe.» Viel wichtiger sei es, die Armut zu verhindern, diese also präventiv anzugehen. Doch genau da fehle es an einer Verbindlichkeit des Bundes: Er überlasse diese Aufgabe weiterhin Kantonen und Gemeinden.

Kinder als Armutsrisiko

Natürlich lässt sich dagegenhalten, dass Armutsbekämpfung auf verschiedenen Ebenen stattfindet: über Arbeitslosenversicherung oder die AHV sowie über Massnahmen zur Weiterbildung und Integration, für die der Bund viel Geld aufwirft. Caritas verlangt von ihm nun aber, in der präventiven Armutsbekämpfung eine «Leaderrolle» zu übernehmen. Denn die Differenzen zwischen den Kantonen sind gross – nicht nur bei der Höhe der Sozialhilfe oder der Prämienverbilligung. Caritas nennt fünf Bereiche mit dringendem Handlungsbedarf. Dazu gehört neben einer Garantie zur Existenzsicherung und verbindlichen Zielen zur Reduktion der Armut vor allem die Verhinderung von Familienarmut. Denn Kinder gelten als grosses Armutsrisiko: Familien mit drei und mehr Kindern sowie Alleinerziehende sind überdurchschnittlich von Armut betroffen. Geht es nach Caritas, soll deshalb der Bundesrat dafür sorgen, dass alle Kantone Massnahmen umsetzen.

«Der Bundesrat reduziert die Armutsfrage auf die Sozialhilfe».

Wie das funktionieren könnte, zeigt das Tessin. Der Kanton übernimmt in der Armutsprävention eine Vorbildfunktion. Im Bereich Bildung bietet er beispielsweise seit bald 90 Jahren einen freiwilligen Kindergarten für Kinder ab drei Jahren an. Die Kinder essen am Mittag zusammen. Das ermöglicht den Eltern eine kostenlose Betreuung der Kinder durch geschultes Personal. Der Kindergarten bietet zudem eine frühe Förderung. Profitieren können vor allem jene, die aus bildungsfernen und sozial benachteiligten Familien kommen. Studien zeigen, dass diese Kinder in der Schule daraufhin besser abschneiden. Das ist nachhaltig. Denn die Wissenschaft geht davon aus, dass sich dadurch das Risiko verringert, Armut an die nächste Generation weiterzuvererben.

Als erster Kanton hat das Tessin 1997 zudem Ergänzungsleistungen für Familien eingeführt. Über 3000 Familien werden unterstützt, wodurch das Armutsrisiko von Kindern laut Caritas wesentlich sank. Ergänzungsleistungen haben einen wesentlichen Vorteil gegenüber der Sozialhilfe: Sie müssen nicht zurückbezahlt werden. Die Familien verschulden sich dadurch nicht und haben so die Chance, sich aus der Armut zulösen.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Während Zürich mit Pilotprojekten experimentiert, ist die Tagesschule im Tessin seit Jahrzehnten bereits weit verbreitet. Nicht nur die Kindergärten bieten Mittagstische an, auch die meisten Primar- und Sekundarschulen. Die Schulen betreuen Kinder auch nach dem Unterricht. Für viele berufstätige Eltern ist die Kinderbetreuung ein wichtiger Faktor im Haushaltsbudget. Wenn diese nicht nur reibungslos gelingt, sondern auch noch kostenlos angeboten wird, wirkt sie effizient der Kinderarmut entgegen.

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