Cassis’ Hypothek an der Heimfront

Die Tessiner FDP leckt sich nach den Wahlen die Wunden. Die Freisinnigen suchen nach Auswegen aus ihrer Krise. Es geht auch um ihren Bundesrat.

Gerhard Lob aus Bellinzona
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Die FDP in der Krise und mit ihr Bundesrat Ignazio Cassis.

Die FDP in der Krise und mit ihr Bundesrat Ignazio Cassis.

Die Abwahl von CVP-­Ständerat Filippo Lombardi war zweifellos der grosse Paukenschlag am Wahlsonntag im Tessin. Doch für die kantonale FDP war der zweite Wahlgang nicht weniger desaströs. Kandidat Giovanni Merlini, der das Erbe von Fabio Abate hätte antreten sollen, landete auf dem vierten und letzten Platz. Ein Fiasko für die Tessiner Freisinnigen, welche über Jahrzehnte die Politik im Tessin bestimmt haben und immer im Ständerat vertreten waren.

Und nun der Rauswurf. Kaum war das Ergebnis bekannt, kam auch schon die Forderung nach einem Rücktritt der Parteispitze. Der etatistische, so genannte radikale Parteiflügel machte die Parteioberen für das Desaster verantwortlich. «Ein profilierter Kandidat wie Merlini wurde auf dem Altar von ­Spekulationen, Improvisationen und nicht durchdachten Allianzen geopfert», schrieb Grossrat Matteo Quadranti, ein Vertreter der «Radicali». Kantonalpräsident Bixio Caprara gibt sich ­gelassen: «Wir werden die Si­tuation in Ruhe analysieren.» Natürlich mache er sich auf Diskussionen gefasst; aber das sei Teil der internen Dialektik.

Genau einen Mangel an Diskussionen konstatiert indes Gabriele Gendotti, ehemaliger Tessi­ner National- und Staatsrat. Die Dialektik zwischen dem liberalen und radi­kalen Flügel sei positiver Bestandteil der Partei gewesen, der auch zum Erfolg geführt hätte. «Heute fehlt diese Debatte», bedauert Gendotti. Und die Partei sei laufend schwächer geworden, seit der liberale Flügel dominiere.

Tatsächlich stellten die Tessiner Freisinnigen vor zwei Jahrzehnten in Bundesbern noch drei Nationalräte und einen Ständerat in der zehnköpfigen Deputation. Nun sind es noch zwei Nationalräte, weniger als die Linke und Rechte mit je drei National- und Ständeräten. Entscheidende Etappen im Bedeutungsverlust waren die Jahre 2011 und 2013. Erst verloren die Freisinnigen einen ihrer beiden Staatsrats­sitze an die populistische Bewegung Lega dei Ticinesi, zwei Jahre später fiel die Bastion Lugano an die Lega – eine jahrzehntelang liberal dominierte Stadt. Immerhin im Grossen Rat ist der Freisinn noch stärkste Partei.

Wer trägt die Schuld für das jüngste Debakel? Die Listenverbindung von FDP und CVP, ­gekoppelt an das von vielen nicht eingelöste Versprechen, das Ticket Merlini/Lombardi zu wählen, wird am heftigsten diskutiert. Funktioniert hat das Konstrukt der Mitteparteien für die kleine Kammer nicht. Von einer «tödlichen Umarmung» von FDP und CVP spricht die Zeitung «La Regione».

Weniger pessimistisch ist alt-FDP-Präsident Fulvio Pelli, zumindest in Bezug auf den Sonntag. Eine spezielle Konstellation habe zur Ab- und Nichtwahl der bürgerlichen Vertreter geführt. «Unser wirkliches Drama sind die 20 Prozent vom 20. Oktober», sagt Pelli, der auch eine wich­tige Rolle bei Ignazio Cassis’ Wahl spielte. So ist das Ergebnis auch für den unter Beschuss geratenen Aussenminister eine Hypothek. Die Unterstütz­ung aus seiner Heimat bröckelt.

Sicher ist: Der Tessiner Freisinn steht vor der nächsten Probe. Im April sind Gemeindewahlen. «Wenn die FDP dann wieder gewinnen will, darf sie nicht in ein Verliererimage geraten», sagt Politologe Oscar Mazzoleni.