CHRISTLICHE KRANKENSALBUNG: Sich mit dem Leben versöhnen

Die Krankensalbung ist ein ergreifendes Ritual. Sie soll dem Patienten Zuversicht schenken. Und dies nicht nur im Angesicht des Todes.

Benno Bühlmann
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Pfarrer Valo Hocher salbt einen Kranken im St. Anna. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Pfarrer Valo Hocher salbt einen Kranken im St. Anna. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Ein Dienstag, 10.30 Uhr: In der Hirslandenklinik St. Anna, Luzern, steht Spitalseelsorger Valo Hocher am Krankenbett eines Tumorpatienten. Mit Worten der Zuversicht stimmt er ihn auf die Krankensalbung ein: «Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.»

Die Worte vom guten Hirten aus dem biblischen Psalm 23 rufen bei Alois G.* Bilder aus einer vertrauten Lebenswelt hervor. Denn der 70-jährige Bauer aus dem Luzernischen hatte stets eine enge Beziehung zu den Tieren auf seinem Hof. Er weiss, was es bedeutet, wenn von grünen Weideplätzen und Leben spendendem Wasser die Rede ist.

«Die Hausaufgaben gemacht …»

Zudem hat er durch die Erfahrung von Werden und Vergehen in der Natur auch ein unverkrampftes Verhältnis zur Endlichkeit seines eigenen Lebens gewonnen. «Ich nehme es, wie es kommt», meint Alois G. und fügt hinzu: «Vor dem Sterben habe ich keine Angst. Ich bin vorbereitet – und habe meine Hausaufgaben gemacht.» Seinen Bauernhof konnte er frühzeitig an einen seiner Söhne übergeben, und zu seiner Frau wie auch zu den übrigen Familienangehörigen habe er ein sehr gutes Verhältnis.

«Das Ritual der Krankensalbung ist eine Gelegenheit, um auf das eigene Leben zurückzublicken, unerledigte Dinge oder persönliche Verletzungen zu benennen. Damit bietet sich die Chance zur Versöhnung. Mit sich selber, mit seiner Krankheit und natürlich auch mit den Mitmenschen, denen man Unrecht zugefügt hat», meint Valo Hocher. Mit der Krankensalbung, die ein Priester spendet, ist auch die Lossprechung von Schuld und Sünde gegeben. «Es ist bewegend, wenn dieses Sakrament im Beisein engster Angehöriger gespendet werden kann und dabei auch konkrete Zeichen der Zuneigung und Versöhnung möglich sind.»

Stirne und Hände

Nun folgt der Höhepunkt des Rituals: Gesalbt werden mit geweihtem Öl die Stirne und die Hände des Kranken. Das Sakrament spricht in einem ganzheitlichen Sinn Heilung für Leib und Seele zu und ist in erster Linie ein Mittel der Stärkung und Ermutigung. Es sei deshalb nicht mehr ganz zeitgemäss, wenn heute volkstümlich immer noch von der «Letzten Ölung» die Rede sei, meint Valo Hocher. «Das Sakrament ist heute keineswegs nur für sterbenskranke Personen bestimmt. Vielmehr gibt es heute mittlerweile viele Menschen, die vor einer schweren Operation oder auch bei chronischen körperlichen und seelischen Leiden gerne das Sakrament der Krankensalbung empfangen möchten.»

Auch Alois G. hat vom Arzt für die Weiterentwicklung seiner Krankheit derzeit eine recht hoffnungsvolle Prognose erhalten: «Ich war zunächst skeptisch, ob eine Krankensalbung für mich in Frage kommt. Aber ich erlebte nun, dass sie eine ergreifende Erfahrung ist, die mir viel Kraft und Zuversicht gibt.»

Um das Ritual zu einer bestärkenden Erfahrung werden zu lassen, sei nicht zuletzt eine gute Beziehung zwischen dem Patienten und dem Spitalseelsorger notwendig, betont Valo Hocher.

Da die Krankensalbung geweihten Priestern vorbehalten ist, komme es immer häufiger zu personellen Engpässen. So wird es heute in vielen Spitälern vorgezogen, anstelle einer Krankensalbung eine Krankensegnung anzubieten. Hocher, der sich als ehemaliger Arzt erst vor elf Jahren zum Priester weihen liess, möchte eine Änderung der gegenwärtigen Praxis: «Ich fände es gut, wenn auch Laien, die in der Spitalund Pfarreiseelsorge tätig sind, die Krankensalbung spenden könnten.»