COMERSEE: «Wir würden zur Schweiz passen»

Am 1. August steigen in Premana keine Raketen. Was der ehemalige Bürgermeister bedauert. In seiner Schublade steckt ein Gesuch zum Beitritt zur Schweiz.

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Das italiensche Bergdorf Premana hoch über dem Comersee, unweit der Schweizer Grenze. Könnte er wählen, sähe der frühere Bürgermeister sein Dorf am liebsten beim Kanton Graubünden. (Bild Cedro Tiziano)

Das italiensche Bergdorf Premana hoch über dem Comersee, unweit der Schweizer Grenze. Könnte er wählen, sähe der frühere Bürgermeister sein Dorf am liebsten beim Kanton Graubünden. (Bild Cedro Tiziano)

Premana zählt 2300 Einwohner, liegt über dem Comersee und ist weltweit bekannt für seine Scheren. In diesem Sommer ist Pietro Caverios Amtszeit als Bürgermeister dieses italienischen Dorfes abgelaufen. Sein aussenpolitisches Vermächtnis ist sezessionistisch: In seiner Schublade schlummert ein fixfertiges Gesuch zum Beitritt zur Schweiz.

Pietro Caverio*, die Schweiz hat morgen Geburtstag. Würden Sie in Premana gerne die helvetische Flagge hissen und Feuerwerkskörper zünden?
Pietro Caverio:
Wenn ich Schweizer wäre, würde mir das gefallen. Und die Geschichte von Wilhelm Tell ist übrigens auch bei uns sehr bekannt.

Vielleicht können Sie bis in ein paar Jahren am 1. August ebenfalls feiern. Sie haben die Idee lanciert, Premana solle der Schweiz beitreten. Pure Provokation oder ernsthafte Absicht?
Caverio: Natürlich ist der Gedanke zunächst eine Provokation. Aber ich halte den Beitritt zur Schweiz für eine ernsthafte Option. Wir sind ein Bergdorf und würden zu euch passen. Im Gegensatz zur Schweiz vernachlässigt Italien die Berggebiete und die kleinen Regionen.

Wie äussert sich das?
Caverio:
Wir haben politisch keine Stimme. Wir gehören zur Provinz Lecco und haben nicht einmal dort ein Exekutivmitglied. Auf Stufe Region sind wir Teil der Lombardei, die von Mailand dominiert wird. Die Bürokraten in Mailand haben keine Ahnung, was es für ein kleines Dorf heisst, im Winter die Strassen vom Schnee zu befreien.

Kleine Gemeinden haben in der Schweiz auch nicht grosses politisches Gewicht.
Caverio:
Aber ihr habt den Föderalismus mit Steuerautonomie auf allen staatlichen Ebenen. In der Schweiz können auch kleine Gemeinden ihr Schicksal selber in die Hand nehmen. Und bei einer Abstimmung hat die Stimme der Bürger des kleinen Kantons Appenzell ebenso ein grosses Gewicht wie jene der Zürcher.

Sie wünschen sich mehr Föderalismus und Steuerautonomie?
Caverio:
Ja. Wir haben kaum Handlungsspielraum. Einzig die Steuern auf die Häuser dürfen wir selber einziehen. Ansonsten erhalten wir Transferzahlungen aus Rom. Die Zentralregierung investiert die Steuergelder schlecht. Viele Mittel versickern im Namen irgendwelcher Solidarität. Die fiskalische Last ist inakzeptabel hoch, der Staatsapparat aufgebläht und ineffizient. Unser Dorf funktioniert nur, weil sich die Leute freiwillig für die Gemeinschaft engagieren.

Wenn die Bevölkerung von Premana morgen abstimmen könnte: Würde Ihr Beitrittsgesuch abgesegnet?
Caverio:
Vielleicht ist die Zeit dafür noch nicht reif. Das könnte sich aber ändern, wenn der Leidensdruck steigt.

Wie meinen Sie das?
Caverio:
Wir sind ein Dorf mit 2300 Einwohnern. Wir pflegen Dorftraditionen, wirtschaftlich geht es uns gut. Wir sind ein weltweit bekannter Scherenproduzent. Wir stellen jedes Jahr 20 Millionen Scheren her und liefern 95 Prozent aller Scheren für den italienischen Markt. Wir zählen in Premana rund 150 Produktionsstätten.

Wo liegt das Problem?
Caverio:
Die Konkurrenz aus Pakistan und China wird immer stärker. Wenn es uns nicht gelingt, unsere Scheren als absolutes Qualitätsprodukt zu positionieren, ähnlich wie das Schweizer Sackmesser, droht dieser Industrie ein wirtschaftlicher Abschwung. Wenn wir keine Scheren mehr fabrizieren, dann entvölkern sich Dörfer wie Premana.

Die Schweiz als Rettungsanker?
Caverio:
Wie gesagt: Da sich die Schweiz stärker um die Randregionen kümmert, könnte ein Beitritt die Folgen eines möglichen Einbruchs der Scherenindustrie lindern. Von Italien werden wir wegen unserer geografischen Lage zu häufig wie Bürger der Nationalliga B behandelt.

Nationalliga B?
Caverio:
Nur einige Beispiele: Die Internetverbindung ist lausig. Für die Oberstufe müssen unsere Schüler mit einem Bus ins 40 Kilometer entfernte Lecco fahren. Wären wir weniger als 2000 Einwohner, würde die Region 50 Prozent der Billettkosten übernehmen. Nun müssen die Familien für jeden Schüler jeden Monat 65 Euro aus dem eigenen Sack bezahlen.

Zu welchem Kanton möchten Sie?
Caverio:
Zu Graubünden.

Gibt es einen historischen Bezug?
Caverio:
Als Premana zum Grossherzogtum Mailand gehörte, grenzte es an den Kanton Graubünden.

HINWEIS: * Pietro Caverio (50) war von 1999 bis 2009 Bürgermeister von Premana. Er ist Mitglied der
Lega Nord.

Das Verfahren ist kompliziert

Wollen die Bürger Premanas tatsächlich Eidgenossen werden, steht ein kompliziertes rechtliches Verfahren bevor. So gewährt die italienische Verfassung kein Sezessionsrecht, wie Sebastian Heselhaus, Staatsrechtsprofessor an der Universität Luzern, sagt. Auch die Schweiz müsste für die Aufnahme Premanas grünes Licht geben. Der Bund müsste dazu einen Staatsvertrag mit Italien abschliessen, der dem fakultativen Referendum unterläge. Der Kanton, zu dem die italienische Gemeinde stösst, müsste das Volk zwingend an die Urne rufen. Bei erfolgreichem Ausgang hätte das Bundesparlament das letzte Wort.

Lageplan: Hier liegt Premana (Bild: Grafik: Oliver Marx)

Lageplan: Hier liegt Premana (Bild: Grafik: Oliver Marx)