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Coop gewinnt das Seilziehen um Leuthard

Altbundesrätin Doris Leuthard heuert beim Detailhändler an – vorerst als einfaches Mitglied des Verwaltungsrates. Strebt die Aargauerin nach höheren Weihen?
Benjamin Weinmann
In der Coop-Grossbäckerei 2016: Chef Joos Sutter und die damalige Bundesrätin Doris Leuthard. (Bild: Mario Heller (Schafisheim, 31. März 2016))

In der Coop-Grossbäckerei 2016: Chef Joos Sutter und die damalige Bundesrätin Doris Leuthard. (Bild: Mario Heller (Schafisheim, 31. März 2016))

Es war ein Aargauer Heimspiel: Als am 22. Juni 2016 Coop-Präsident Hansueli Loosli, ein Wettinger, das neue Verteilzentrum in Schafisheim AG eröffnete, war auch die damalige Bundesrätin Doris Leuthard eingeladen. Die Merenschwanderin richtete das Grusswort an das Publikum und nahm am Rundgang durch die neue Zentrale und die Grossbäckerei teil. Dabei wich Coop-­Präsident Loosli der Magistratin nicht von der Seite.

Der ehemaligen Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) scheint es beim Detailhändler gefallen zu haben. Denn Coop schlägt Leuthard, die Ende letzten Jahres ihre Bundesratskarriere beendete, bei der Wahl vom 28. März der Delegiertenversammlung zur Wahl in den Verwaltungsrat vor. Auch für die Tochterfirma Bell ist die Ex-Politikerin nominiert. Den Jahreslohn für beide Mandate schätzt die «Handelszeitung» auf rund 200000 Franken. Die Nomination sorgte umgehend für politische Kritik.

Migros hat das Nachsehen

Vorerst wäre die 55-jährige Leuthard bei Coop einfaches Verwaltungsratsmitglied. Dass sich die weit vernetzte Leuthard damit zufrieden gibt, scheint allerdings unwahrscheinlich. Auf sie dürfte mittelfristig das Präsidium warten. Loosli ist 64-jährig und dürfte sich über seine Stabübergabe Gedanken machen, auch wenn diese erst in spätestens sieben Jahren fällig wird.

Mit Leuthard hat sich Coop die wohl derzeit begehrteste Wirtschaftsfrau geangelt. Wie die Redaktion «CH Media» weiss, buhlten andere namhafte Firmen um sie. Bei der Migros-Genossenschaft liebäugelte man ebenfalls mit einer Nominierung Leuthards für das frei werdende Präsidium. Nur: Während ihre Wahl bei Coop reine Formsache sein dürfte, hätte sich Leuthard bei der Migros am 23. März einer Kampfwahl stellen müssen – mit dem Risiko nicht gewählt zu werden. Coop dürfte sich von Leuthard auf politischer Ebene einiges versprechen. So kämpft der Detailhändler für härtere Regeln bei der Verzollung von ausländischen Online-Lieferungen und beim Kampf gegen den Einkaufstourismus. Und sollte es auf politischer Ebene Probleme in ausländischen Märkten geben, wo Coop mit der Grosshandelsfirma Transgourmet aktiv ist, könnten sich Leuthards Kontakte ebenfalls als wertvoll erweisen.

Heikles Doppelmandat

«Ich bin stolz, dass wir mit Doris Leuthard eine profilierte und hoch kompetente Schweizer Persönlichkeit für eine Kandidatur in den Verwaltungsrat gewinnen konnten», lässt sich Hansueli Loosli zitieren. Er selbst trat 2011 als Coop-Chef ab und liess sich gleich im Anschluss zum Präsidenten wählen. Im selben Jahr kam das Präsidium beim bundesnahen Telekomkonzern Swisscom hinzu – einem Amt, bei dem er ebenfalls mit Leuthard zu tun hatte, der als Uvek-Chefin die Oberaufsicht oblag.

Looslis Doppelmandat ist insofern heikel, als Coop und Swisscom in verschiedenen Bereichen zusammenarbeiten. Kürzlich mussten die beiden Firmen einen Flop mit dem Onlineportal Siroop verbuchen. Und neu bietet Coop sein Mobile-Handyangebot mit der Swisscom an. Loosli versichert, bei solchen Themen mit Interessenskonflikt in den Ausstand zu treten.

Forderung nach «Abkühlphase» wird laut

Kaum waren die neuen Mandate von Ex-Bundesrätin Doris Leuthard bei Coop publik, wurde auch schon Kritik daran laut. Die SP-Wirtschaftspolitikerin Susanne Leutenegger Oberholzer witterte eine «klare Interessenvermischung», wie sie auf Twitter schrieb. Die frühere Nationalrätin erneuerte ihre Forderung nach einer «Abkühlphase» für abgetretene Bundesräte. CVP-Frau Leuthard war bis Ende 2018 Mitglied des Bundesrats. Übernehmen Bundesräte nach ihrer Amtszeit eine Aufgabe in der Privatwirtschaft, drohen Interessenkonflikte. Heikel sind solche Seitenwechsel besonders dann, wenn ein Magistrat in eine Branche geht, für deren Regulierung er zuvor mitverantwortlich war. Über eine Karenzfrist für Bundesräte wurde schon einmal heftig diskutiert: Moritz Leuenberger (SP) sorgte 2010 für eine Kontroverse, weil er sich kurz nach seinem Rücktritt in den Verwaltungsrat des Baukonzerns Implenia wählen liess. Leuenberger amtete zuvor während 15 Jahren als Infrastrukturminister. Der Nationalrat war für ein zweijähriges Mandatsverbot für Bundesräte, der Ständerat aber versenkte die «Lex Leuenberger». Damit gilt weiterhin: Magistraten sind nach ihrem Rücktritt grundsätzlich frei in der Wahl ihrer Arbeitgeber. Aktuell verlangt die staatspolitische Kommission des Nationalrats abermals strengere Regeln für Seitenwechsel. Konkret fordert sie gesetzliche Grundlagen, damit Bundesräte nach dem Ausscheiden aus dem Amt keine bezahlten Mandate in Unternehmen annehmen dürfen, die einen engen Bezug zu ihrem früheren Departement haben. Die Schwesterkommission des Ständerats hat sich jüngst jedoch dagegen ausgesprochen, einen entsprechenden Erlassentwurf ausarbeiten zu lassen. Auch andere Ex-Bundesräte machten Schlagzeilen mit ihren neuen Jobs. CVP-Frau Ruth Metzler etwa wechselte bald nach ihrer Abwahl in das Management von Novartis. Harsche Kritik musste Kaspar Villiger einstecken. Der frühere FDP-Bundesrat hatte Mandate bei Nestlé, Swiss RE und der NZZ, von 2009 bis 2012 war er Verwaltungsratspräsident der UBS. (sva).

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