Jubiläum

Das Atomlager feiert Geburtstag

2010 feiert das Zwilag nicht nur einen Geburtstag, sondern ein Doppeljubiläum. 20 Jahre seit der Gründung und 10 Jahre Betrieb. Der Plasmaofen verglast die Abfälle heute nach Wunsch, die weltweit einzigartige Anlage hat eine unbefristete Bewilligung.

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Das Atomlager feiert Geburtstag

Das Atomlager feiert Geburtstag

Hans Lüthi

Kann ein atomares Zwischenlager mit schwach, mittel und hoch radioaktiven Abfällen überhaupt Geburtstag feiern? Es kann und macht das überdies mit Freude über den jetzt einwandfrei funktionierenden Betrieb. Grosses Sorgenkind bildete über Jahre der 100 Millionen Franken teure Plasmaofen, der lange nicht richtig funktionieren wollte.

Die hochtechnische Pilotanlage zerschneidet mit einem mehrere tausend Grad heissen Plasmastrahl selbst Stahlfässer und bringt die radioaktiven Abfälle in einen glasförmigen Zustand.

Trotz Konkurs der Herstellerfirma bekamen die Zwilag-Mitarbeiter das High-Tech-Gerät schliesslich in den Griff. Besonders stolz sind die Betreiber heute über die unbefristete Betriebsbewilligung.

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) hat sie als strenge Aufsichtsbehörde allerdings erst nach zahllosen Kontrollen schliesslich erteilt.

Knappes Ja in Würenlingen

Als Standort des heutigen PSI Ost und früheren Instituts für Reaktorforschung (EIR) waren die Würenlinger von Beginn an in Tuchfühlung mit Atomanlagen. Über den Standort des Zwischenlagers hatten sie ganz allein zu entscheiden, weder das Aargauer noch das Schweizer Stimmvolk waren in dieser nationalen Angelegenheit gefragt!

Und im Dorf selber kam es zu heftigen Diskussionen zwischen Befürwortern und Gegnern. An der Gmeind im Juni 1989 ergab die Abstimmung 214 Ja zu 174 Nein, das Referendum an der Urne fiel Ende November noch viel knapper aus: 707 Ja gegen 662 Nein. Kein Zufallsentscheid, aber sehr, sehr knapp.

Standort befristet bis 2021

Die Zustimmung bildete das Fundament zur Gründung der Zwilag Zwischenlager AG durch die Axpo AG als Betreiberin von Beznau und die übrigen Atomkraftwerke Leibstadt, Gösgen und Mühleberg. Die Würenlinger wollten kein ewiges Zwischenlager, der Vertrag ist befristet und läuft 2021 aus.

«Bei einem Nein zum Folgevertrag haben wir 10 Jahre Zeit, um den Standort aufzulösen», sagt Zwilag-Geschäftsführer Walter Heep. Um sofort nachzudoppeln: «Aber wir rechnen mit einem neuen Vertrag auf lange Sicht.» Verständlich, denn solange kein Endlager gebaut ist, gibt es keine Alternative.

Die Zwilag-Verantwortlichen bezeichnen ihre Beziehungen zur Gemeinde als ausgezeichnet, als ginge es um irgendein Unternehmen. «Die Würenlinger haben einen ständigen Sitz im Verwaltungsrat, sie sind immer aus erster Hand informiert», betont Stephan W. Döhler.

Als Leiter der Division Kernenergie bei der Axpo hat er auch das Amt des Zwilag-VR-Präsidenten inne. Für die Nachteile des Lagers gibt es eine Abgeltung, sie hat bei 1,2 Millionen Franken begonnen und erreicht jetzt teuerungsbedingt 1,8 Millionen Franken. Eine runde Million geht an die Standortgemeinde, den Rest erhalten die Nachbarn in der Region.

Sieben Jahre bis zur Bewilligung

Das Verfahren zur Bewilligung wurde nach der Zwilag-Gründung 1990 zu einem Hürdenlauf fast ohne Ende: Volle sieben Jahre dauerte es bis zur Bewilligung für Bau und Betrieb, es gab zahllose Einsprachen, Tausende kamen aus dem süddeutschen Raum und dem übrigen Ausland.

Dem Tag der offenen Tür im Sommer 1999 folgte die stufenweise Inbetriebnahme für die Konditionierung, den Plasmaofen, die Lagerhallen, die heisse Zelle und alles Übrige. Nach einem Start mit nur 22 Personen ist das Zwilag stark auf 62 Mitarbeitende gewachsen.

Bei einem Jahresaufwand von 30 Millionen Franken herrscht heute Normalbetrieb, «wir behandeln pro Jahr 1000 Fässer», unterstreicht Heep. Die Anlage funktioniere reibungslos, aber für die Bevölkerung eher im Verborgenen. Was nicht ganz stimmt: Pro Jahr kommen 2500 Besucher, darunter viele Schüler, vereinzelt sogar AKW-Gegner.

Aus Kraftwerken und Forschung

Die grosse Lagerhalle mit den hoch radioaktiven Abfällen ist erst zu 18 bis 19 Prozent gefüllt, in 26 Behältern hat es abgebrannte Brennelemente aus den Atomkraftwerken, in 8 verglaste Abfälle aus der Wiederaufarbeitung in La Hague (F).

Konzipiert ist das Lager für alle radioaktiven Abfälle aus 50 Jahren Laufzeit der fünf Atomkraftwerke und alle Abfälle aus Spitälern, Forschung und Industrie. Pikantes Detail: «Für die Abfälle aus den neuen Kernkraftwerken haben wir keinen Platz, die müssen das schon selber an ihren Standorten lösen», betonen die Betreiber deutlich.

Stromkunden zahlen im Voraus

Mit der Betriebsbewilligung im März 2000 hat die Atomindustrie im Land aufgeatmet, weil damit der zeitliche Druck für ein Endlager verschwand. Die 500 Millionen Baukosten für das Zwischenlager und die Milliarden für Nagra und Tiefenlager zahlen die heutigen Stromkonsumenten – mit rund 1Rappen pro Kilowattstunde (kWh) Atomstrom.

Mit Stolz weist die Branche darauf hin, dass nur bei der Kernenergie auch die ganze Entsorgung im Preis enthalten ist – auch die Kosten für die Stilllegung und Entsorgung aller AKW.

Vom visionären Entscheid sei das Zwilag zum Vorzeigeobjekt geworden, «das Vertrauen für künftige Projekte schafft», glaubt VR-Präsident Döhler. Für die Kraftwerke, die Stromkonzerne und die Menschen dahinter gibt es darum Gründe genug, um zu feiern.