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Das bizarre Problem der Hochschulen: Zu viele Leichen im Keller

In den Spitälern ist die Zahl der Autopsien eingebrochen. Gleichzeitig erhalten Universitäten so viele Leichen, dass manche keinen Platz mehr für die Körper finden. Was ist da los?
Yannick Nock
Mehr Menschen spenden heute ihren Körper nach dem Tod der Forschung. Bild: Shutterstock

Mehr Menschen spenden heute ihren Körper nach dem Tod der Forschung. Bild: Shutterstock

Der erste Kontakt mit einer Leiche ist für viele angehende Ärzte ein einschneidendes Erlebnis. Meistens passiert es während des Medizinstudiums. Sie müssen den menschlichen Körper kennenlernen, nicht nur auf den sterilen Seiten eines Biologiebuchs oder durch fahl leuchtende 3D-Animationen auf ihren Tablets. Nein, sie müssen den Menschen sehen, riechen, spüren. Präparier- und Operationskurse an konservierten Körpern sind ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung. Dafür braucht es Leichen – und davon gibt es an den Hochschulen mehr als genug.

Körperspenden für die Forschung haben in den vergangenen Jahren zugenommen, egal ob in Zürich, Basel oder Genf. Anatomische Institute landesweit können ihre Kontingente problemlos füllen. In Genf sind es jährlich 25 Leichen, in Basel 50 und in Lausanne 60. Das Angebot ist weit grösser als die Nachfrage. Bern nimmt etwa 40 Leichen pro Jahr auf, allerdings melden sich jeweils 100 bis 150 Personen, die ihren Körper nach dem Tod spenden wollen. Das wird zum Problem.

Die Universität übernimmt die Kosten

So berichtete «24 heures» im vergangenen Jahr, dass die Universität Lausanne kurzfristig einen Körper nicht aufnehmen konnte, weil sie einen Aufnahmestopp verhängt hatte. Für die Familie des Verstorbenen war das ein Schock: «Hätten wir das früher gewusst, hätten wir einen Plan B vorbereiten können», sagte der Sohn des Verstorbenen. «Mein Vater wollte uns vor Formalitäten und Rechnungen bewahren.»

Die Universität Zürich, die grösste des Landes, nimmt pro Jahr über 80 Leichen auf. Weil sich die Anfragen häufen, hat die Hochschule zuletzt ein Merkblatt veröffentlicht. Früher habe es nur wenige Ausnahmefälle gegeben, doch heute käme es aufgrund der stark gestiegenen Spenderzahl leider häufiger vor, dass ein Körper abgelehnt werde, heisst es darin. «Wir erwarten, dass auch in den nächsten Jahren die Zahl der Spender die Aufnahmekapazität deutlich übersteigen wird», schreibt die Universität.

Einerseits liegt das daran, dass es den Hochschulen gelungen ist, der Gesellschaft den «unschätzbaren Wert» der Leichen für die Medizinausbildung klarzumachen. Andererseits hat die Zunahme auch finanzielle Gründe. Eine Beerdigung kann schnell mehrere Tausend Franken kosten. Wer seinen Körper spendet, kann seine Angehörigen entlasten, gerade wenn sich die Familie in einer finanziell angespannten Lage befindet.

Universitätsspital Genf: Hier werden Autopsien durchgeführt. Bild: Keystone

Universitätsspital Genf: Hier werden Autopsien durchgeführt. Bild: Keystone

Die Universität übernimmt die Kosten für Transporte des Leichnams und für die anschliessende Kremation oder Beerdigung. Damit es zu keiner bösen Überraschung kommt, weist die Universität Zürich auf die Probleme hin: «Wenn Sie sich zu einer Spende entscheiden, empfehlen wir dringend, rechtzeitig alternative Arrangements für den Todesfall zu organisieren, falls der Körper nicht angenommen werden kann», heisst es im Merkblatt.

Zahl der Autopsien sank von 8000 auf unter 2000

Während die Hochschulen zu viele Leichen für die Forschung erhalten, verzeichnen die Spitäler einen regelrechten Einbruch. Sie benötigen keine Körperspenden, sondern die Einwilligung für eine Autopsie nach dem Tod. Diese bleibt aber immer öfter aus. Dabei sind Obduktionen ebenso wichtig für die Aus- und Weiterbildung der Ärzte wie die konservierten Körper.

Am Inselspital Bern wurden im vergangenen Jahr gerade einmal 138 klinische Autopsien durchgeführt. Vor 25 Jahren waren es noch über 1000. In Zürich und Basel zeigt sich ein ähnliches Bild. Schweizweit sank die Zahl gar von jährlich über 8000 Autopsien Mitte der 90er-Jahre auf unter 2000 heute. Das gefährdet die Ausbildung der Mediziner. Nur durch eine Autopsie können angehende Ärzte Krankheiten in natura erleben. Ansonsten bekommen sie hauptsächlich die Schwarz-Weiss-Bilder der Röntgenmaschine zu sehen.

Mancherorts ist die Ausbildung gefährdet

Holger Moch, Pathologe am Universitätsspital Zürich, sieht verschiedene Gründe für den Rückgang. So habe sich die Diagnostik zu Lebzeiten des Patienten verbessert. Viele Ärzte gingen deshalb davon aus, man wisse schon alles über den Verstorbenen. Ein weiterer Grund sei, dass jüngere Ärzte die schwierigen Gespräche mit den Angehörigen oder dem Patienten scheuten.

Moch warnt vor den Folgen: «Mancherorts kann die volle Ausbildung zum Fachpathologen kaum noch gewährleistet werden.» Nur eine Autopsie sei in der Lage, mögliche Fehler in der Diagnose aufzuzeigen, aus denen die Ärzte lernen könnten. «Diese Erfahrungen lassen sich mit anderen Verfahren nicht sammeln», sagt er.

Gieri Cathomas, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Pathologie und Chefarzt des Instituts für Pathologie am Kantonsspital Baselland, will nun handeln. «Wir werden versuchen, die Bedeutung der Obduktionen für die Aus- und Weiterbildung der Ärzte stärker hervorzuheben», sagt er. Ziel sei es, die Politik, aber auch die Gesellschaft für das Thema zu sensibilisieren – damit künftig wieder mehr Menschen einer Autopsie zustimmen.

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