Das echte CO2-Problem beim Bund: Beamte in der Business-Klasse

Bundesangestellte müssen Zug fahren statt fliegen, wenn die Destination weniger als sechs Bahnstunden entfernt ist. Eine umfassende Analyse des Flugverhaltens der Bundesverwaltung zeigt allerdings: Die vorgesehene Regelung wird nur wenig bringen.

Lorenz Honegger und Balthasar Sager
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Will den jährlichen Ausstoss an Treibhausgasen der Bundesverwaltung «deutlich» reduzieren: Umweltministerin Simonetta Sommaruga.

Will den jährlichen Ausstoss an Treibhausgasen der Bundesverwaltung «deutlich» reduzieren: Umweltministerin Simonetta Sommaruga.

Peter Schneider / Keystone

Simonetta Sommaruga blickt mit ernster Miene in die Fernsehkameras, als sie diesen Sommer das «Klimapaket» des Bundes präsentiert. Seit wenigen Monaten ist sie Umweltministerin, jetzt erzählt sie von durstenden Kühen auf der Alp, die wegen des Klimawandels aus dem Helikopter mit Wasser versorgt werden müssen. Sommaruga verspricht, der Bund werde seinen jährlichen Ausstoss an Treibhausgasen bis 2030 «deutlich» reduzieren.

Besonders bei Dienstreisen mit dem Flugzeug, die für die Hälfte der 40'000 Tonnen an Emissionen verantwortlich sind. «Im Vordergrund steht, dass in Zukunft Kurz- und Mittelstrecken-Flüge durch Bahnfahrten ersetzt werden», sagt die SP-Bundesrätin. Eine Ankündigung, die im Wahljahr 2019 gut ankommt.

Erst zwei Monate nach den Wahlen konkretisiert der Bundesrat die neue Zug-statt-Flugzeug-Regel. Sie ist im neuen «Aktionsplan Flugreisen» eine von sieben Massnahmen: Bundesangestellte dürfen in Zukunft nicht mehr fliegen, wenn die Reise mit der Bahn «Tür zu Tür» weniger als sechs Stunden dauert und damit keine zusätzlichen Übernachtungen verursacht werden. Das hört sich nach grüner Revolution an. Doch was taugt das neue Flugverbot auf kürzeren Strecken tatsächlich?

Welche Destinationen liegen im Sechs-Stunden-Radius?

Die «Schweiz am Wochenende» hat gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz Zugang zu den Flugdaten der zivilen Bundesverwaltung verlangt und nach einem halben Jahr Wartezeit umfassenden Einblick erhalten. Im Datensatz finden sich Informationen über jedes der rund 41'000 Tickets, welche die Bundesreisezentrale in den Jahren 2017 und 2018 ausgestellt hat. Darunter auch eines der letzten im Namen von alt Bundesrätin Doris Leuthard ausgestellten Tickets vom 24. September 2018 für einen Flug in der First Class der Swiss nach New York. Buchungsnummer: 329398. Kostenpunkt: 17'120.10 Franken.

Der Datensatz bildet die Realität zwar nicht bis auf jeden einzelnen Flug präzise ab (siehe Infobox). Aber er gibt Aufschluss darüber, in welche Städte Schweizer Bundesangestellte am häufigsten fliegen, was die Flüge kosten, und welche der 100 meistangeflogenen Destinationen innerhalb des Radius von sechs Bahnstunden ab der Bundesstadt Bern liegen.

Fakten zu den Flugdaten


Die «Schweiz am Wochenende» erhielt gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz Zugang zu den Buchungslisten der Bundesreisezentrale 2017 und 2018. Das dafür verantwortliche Aussendepartement betont, der Datensatz lasse keine präzisen Rückschlüsse auf effektive Ausgaben und Dienstreisen zu, weil Rückerstattungen für ungenutzte Flugtickets und annullierte Dienstreisen nicht zwingend vermerkt seien.

Vergleiche zwischen dem Flugverhalten der Departemente und Verwaltungseinheiten seien problematisch, weil sie auf unterschiedlicher Datenbasis beruhten. Interpretationen seien nur bedingt zulässig. Die «Schweiz am Wochenende» ist trotz dieser Einschränkungen der Meinung, der Datensatz stelle eine wertvolle Möglichkeit dar, das Flugverhalten der Bundesverwaltung aus umweltpolitischer Perspektive zu analysieren.

Resultat: Die Sechs-Stunden-Regel greift nur bei Paris, Köln, Düsseldorf, München, Luxemburg und Frankfurt. Damit wären knapp sechs Prozent der Flüge unter die neue Regel gefallen. Alle anderen Verbindungen liegen ausserhalb.

Beispiel Brüssel: Nirgends fliegen so viele Bundesangestellte hin wie an den Sitz der Europäischen Union. 2017 und 2018 sind es kumuliert über 3000 ausgestellte Tickets. Es gäbe Züge, doch die Bahnfahrt ab Bern in die belgische Hauptstadt dauert über sechs Stunden.

Beispiel Wien: Schweizer Bundesangestellte sind 2017 und 2018 über 1500 Mal in die österreichische Hauptstadt geflogen. Ab Zürich bieten die Österreichischen Bundesbahnen zwar eine direkte Verbindung an – doch nur schon diese dauert acht Stunden.

Beispiel Berlin: Die Flughäfen Tegel und Schönefeld haben 2017 und 2018 über 1000 Ankünfte von Schweizer Bundesangestellten verzeichnet. Die Alternative ist eine gut achtstündige Bahnfahrt.

Zurzeit erarbeiten die Bundesreisezentrale und das Eidgenössische Personalamt eine Art schwarze Liste jener Destinationen, die unter das neue Flugverbot fallen. Aber schon jetzt ist klar: Selbst wenn der Bund die Sechs-Stunden-Regel grosszügig interpretiert und bei stark frequentierten Europa-Destinationen wie Brüssel trotz längerer Bahnreise ein Flugverbot ausspricht, wird die Massnahme wenig bringen.

Das fliegende Umwelt-Bundesamt

Die Analyse des Flugverhaltens der Bundesverwaltung legt nicht nur offen, bei welchen Destinationen Bundesangestellte am häufigsten das Flugzeug nehmen. Sie zeigt auch, welche Bundesämter und Behördenstellen zu den Vielfliegern gehören. In den Top 15 findet sich eine Verwaltungseinheit, die man dort nicht erwartet hätte: das Bundesamt für Umwelt (Bafu). Dieses weist auf seiner Website die «nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen» als Kernauftrag aus. Dennoch haben sich Angestellte des Bafu 2017 und 2018 715 Flugtickets ausstellen lassen.

Damit belegt das Bundesamt den zwölften Rang unter den Behördenstellen. Am häufigsten sind die Umwelt-Beamten nach Berlin geflogen (43 Mal). Aber auch andere Destinationen mit guten Zugverbindungen stehen auf der Flugliste: darunter Brüssel, Wien und Amsterdam. Ein Sprecher begründet die vielen Flugreisen damit, dass das Bafu für viele Umweltthemen verantwortlich sei, die sich nur grenzüberschreitend regeln liessen und deshalb die Teilnahme an internationalen Anlässen erforderten. «Im Unterschied zu anderen Ämtern» lagere das Umweltbundesamt seine diplomatischen Aktivitäten nicht ans Aussendepartement aus. «Die Zielorte werden im Bafu wenn immer möglich mit dem Zug bereist.» Es könne aber vorkommen, dass eine An- und Rückreise am selben Tag notwendig sei, was mit dem Zug, auch bei näheren Destinationen, häufig nicht möglich sei. «Ausnahmen aus Zeitgründen müssen zur Genehmigung vorgelegt werden.»

Die Armee gehört zu den Vielfliegern Auf dem ersten Rang der 15 am häufigsten fliegenden Behördenstellen beim Bund steht übrigens die Gruppe Verteidigung: Das «planende, führende und verwaltende Rückgrat der Schweizer Armee» hat es in den beiden untersuchten Jahren auf über 5000 ausgestellte Flugtickets gebracht. Mehrmals vertreten ist naturgemäss auch das Aussendepartement, zum Beispiel mit der Abteilung Menschliche Sicherheit oder dem Expertenpool für zivile Friedensförderung.
Lorenz Honegger

Das zeigen Zahlen in der bisher unveröffentlichten Langfassung des Aktionsplans Flugreisen: Darin schätzen Sommarugas eigene Fachleute das Potenzial der Sechs-Stunden-Regel auf 750 Tonnen CO2 pro Jahr, was etwas mehr als drei Prozent aller Flug-bedingten Treibhausgas-Emissionen der Bundesverwaltung (total 21'000 Tonnen) entspricht. 

Drei Mal so hohe Emissionen in der Business-Klasse

Was in Bern niemand laut sagt: Das echte CO2-Problem beim Bund sind nicht Kurz- und Mittelstrecken-Flüge an sich, sondern Dienstreisen in der Business-Klasse. Indem sie auf vier- bis neunstündigen Flügen Business statt Economy fliegen, verursachen Bundesangestellte jährlich 4000 Tonnen an zusätzlichen CO2-Emissionen. Das sind 19 Prozent aller CO2-Emissionen im Zusammenhang mit Flugreisen (Basis 2018).

Business-Passagiere verursachen auf Langstrecken pro Kopf fast drei Mal so hohe Emissionen wie Passagiere in der Economy: Sie nehmen im Flugzeug mehr Raum ein und führen mehr Gepäck mit, ihre CO2-Bilanz ist auch darum schlecht, weil die höhere Sitzklasse meist weniger gut ausgelastet ist als die Economy-Klasse. Immerhin: Der Bundesrat will Business-Flüge in Zukunft erst ab neun Stunden erlauben. Doch Ausnahmen sollen möglich bleiben. Selbst die als «grüne Bundesrätin» bekannte Umweltministerin Sommaruga hat diesen Juli betont, dass es auf Langstrecken weiterhin möglich sein müsse, Business zu fliegen. «Die Leute müssen verhandlungsfähig sein.»

Überhaupt besteht der Aktionsplan Flugreisen des Bundesrates momentan vor allem aus Massnahmen, deren Potenzial «schwer abzuschätzen» ist. So will der Bund zur Reduktion der Flugreisen kleinere Delegationen an Konferenzen und Meetings im Ausland schicken und seine Angestellten zu mehr Videokonferenzen animieren – kann aber nicht sagen, wie viele Flugreisen sich damit vermeiden lassen. «Die Quantifizierung ist aufgrund der nicht vorhandenen Daten schwierig», heisst es bei den Delegationen. 

Das Parlament prüft eine Acht-Stunden-Regelung

Nicht ausgeschlossen ist, dass die Bundesverwaltung vom Parlament schärfere Einschränkungen bei Dienstreisen im Flugzeug aufgebrummt bekommt als im Aktionsplan vorgesehen. Der Luzerner Grünen-Nationalrat Michael Töngi hat eine parlamentarische Initiative eingereicht, die Flugreisen für Bundesangestellte erst ab einer Distanz von acht Bahnstunden erlauben will. Damit würden auch stark angeflogene Destinationen wie Brüssel oder Rom im Radius liegen.

Das würde den Arbeitsalltag der Bundesangestellten erschweren, doch Töngi findet: Auch die Verwaltung soll ihren Anteil im Kampf gegen den Klimawandel leisten. Demnächst muss sich die staatspolitische Kommission des Nationalrates mit der Frage auseinandersetzen. Bei sich selbst ist das Parlament bereit, Abstriche zu machen. Vor wenigen Wochen hat das Büro des Nationalrates einen fast identischen Vorstoss von Nationalrat Töngi zur Annahme empfohlen: Er verlangt, dass auch Parlamentarier erst ab acht Stunden Bahndistanz auf Kosten der Steuerzahler fliegen dürfen.