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Berufsmesse: Das grosse Buhlen um den Nachwuchs

Die Schweiz ist stolz auf ihr duales Bildungssystem, doch viele Betriebe haben Mühe, ihre Lehrstellen zu besetzen. Die Folge ist ein Konkurrenzkampf, der an der grössten Schweizer Berufsmesse besonders intensiv tobt.
Dominic Wirth
Besucher der Swiss Skills am Stand der Chemie- und Pharmatechnologen.Bild: Stefan Wermuth (Bern, 13. September 2018)

Besucher der Swiss Skills am Stand der Chemie- und Pharmatechnologen.
Bild: Stefan Wermuth (Bern, 13. September 2018)

Ein Fest sollen die Swiss Skills sein, eine Ode fast, fünf Tage lang, gewidmet ganz und gar der Schweizer Berufsbildung. Und weil diese so etwas wie ein nationales Heiligtum ist, steht der Chef am ersten Morgen der Berufsmesse persönlich auf dem Berner Messegelände. Johann Schneider-Ammann, der Minister für Wirtschaft und Bildung, hat eben noch für die Kameras an einem Stück Holz gehobelt; die Späne liegen neben ihm auf einer Werkbank. Jetzt gibt der Berner, der die Vorzüge des dualen Schweizer Bildungssystems bei seinen vielen Auslandsreisen immerzu anpreist, den Takt für die nächsten Tage vor. Schwärmt in die Mikrofone, über «die Eleganz des Systems» und «die Kraft der Berufsbildung», die sich in diesen Tagen zeige. Erzählt, dass er als Bub eigentlich Zimmermann werden wollte, es dann aber anders kam.

Etwas abseits steht ein Mann im weissen Hemd, der an diesem Morgen ziemlich viel Glück hatte. Ausgerechnet an seinen Stand, den des Verbands der Schweizer Bootsbauer, ist der Bundesrat gekommen. Auf die meterlange Stellwand hinter Vinzenz Batt sind die Bilder der schnittigen Boote gedruckt, nebenan beugen sich die besten Lehrlinge der Branche über ihre Prüfungsaufgaben. Vor vier Jahren, als die Bootsbauer zum ersten Mal an den Swiss Skills teilnahmen, hatten sie noch einen kleineren Stand aufgebaut. Doch weil es immer schwieriger wird, genug Lehrlinge zu finden, setzen sie jetzt auf den grossen Auftritt. «Das ist zwar ein finanzieller Kraftakt für den Verband, aber wir ­müssen uns hier zeigen, unseren Beruf präsentieren», sagt Batt.

64000 Schüler aus dem ganzen Land

So wie den Bootsbauern geht es derzeit vielen Branchen: Sie tun sich schwer damit, den richtigen Nachwuchs zu finden. Das Schweizer Berufsbildungssystem ist eines, das vielerorts bewundert wird, doch es ist nicht so, dass alles rundläuft; es hat auch ganz schön zu kämpfen. Nirgends zeigt sich das besser als in diesen Tagen im Berner Westen, wo auf dem Messegelände zum zweiten Mal nach 2014 die Swiss Skills stattfinden. Busse und Trams spucken dort unzählige Schüler aus; 64 000 von ihnen haben sich angemeldet. Insgesamt sind schon 120 000 Tickets abgesetzt für den Anlass, der sich über 14 Fussballfelder erstreckt. Die Veranstalter sprechen von der «grössten Berufsshow der Welt». 135 Berufe präsentieren sich, 75 tragen ihre Berufsmeisterschaften aus. Doch im Zentrum steht nicht etwa der Wettbewerb der Berufsleute. Sondern der um die jungen Leute. Die Swiss Skills sind vor allem eines: eine gewaltige Werbeveranstaltung für die Berufslehre. Und die Veranstalter lassen sich die Imagekampagne einiges kosten: 16,5 Millionen Franken beträgt ihr Budget, getragen unter anderem durch das Staatssekretariat für Bildung von Johann Schneider-Ammann. Die Berufsverbände werfen für ihre Auftritte weitere 15 bis 20 Millionen auf.

Es ist noch nicht lange her, da hatte die Schweiz ganz andere Sorgen als heute. Es gab damals nicht etwa zu wenig Lehrlinge. Sondern zu wenig Lehrstellen. Anfang der Nullerjahre bewegte das Thema das Land; eine Lehrstellen-Initiative blieb 2003 zwar an der Urne chancenlos, der Bund setzte im gleichen Jahr aber eine Task-Force ein. In der Folge, sagt Ursula Renold von der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich, seien viele zusätzliche Lehrstellen geschaffen worden. Gleichzeitig kommen seit 2005 jedes Jahr weniger Schüler aus der obligatorischen Schule. «Diese unvorteilhafte Schülerdemografie trifft vor allem die Berufsbildung», sagt die Berufsbildungsexpertin Renold, «und es hat dazu geführt, dass der Druck auf die Lehrbetriebe gestiegen ist.» Was die sinkenden Schülerzahlen für die Firmen bedeuten, lässt sich an der Zahl der Lehrstellen ablesen, die jedes Jahr offen bleiben. Die ist zwischen 2007 und 2016 von 3000 auf 10000 gestiegen. Im letzten Jahr entspannte sich die Situation zwar leicht. Doch noch immer blieben 7000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Zu kämpfen haben insbesondere die handwerklichen Berufe; hoch im Kurs stehen derweil Bürojobs und solche im Gesundheits- oder Sozialwesen.

Gratis-Popcorn und Bikini-Schönheiten

Am Nachmittag gleicht das Berner Messegelände einem riesigen Ameisenhaufen. Tausende Jugendliche wuseln durch die Hallen. Strömen in die grossen weissen Zelte, in denen um die Wette gehämmert und genagelt, gegraben und gekocht wird. Sie sind mit ihren Lehrern gekommen und manchmal mit ihren ­Eltern. Und an jeder Ecke wird um ihre Aufmerksamkeit gerungen. Da sind die grossen Firmen, die einen eigenen Stand mitgebracht haben; UBS etwa, die mit kostenlosem Popcorn lockt. Oder Mobiliar, die gleich nebenan steht und eine Fotobox aufgestellt hat, die sich grosser Beliebtheit erfreut: Die Jugendlichen posieren für lustige Selfies. Und verschwinden wieder.

Auch die Branchenverbände haben sich einiges einfallen lassen. Die Strassenbauer locken mit Spielzeugbaggern, die Gärtner verteilen Topfpflanzen. Die Bäcker haben Linda Fäh engagiert, die ehemalige Miss Schweiz, die sich jetzt als Moderatorin versucht – an diesem Nachmittag eben bei den Berufsmeisterschaften der Bäcker. Wer bei den Gebäudetechnikern vorbeischaut, kann tun, was er später als Lehrling lassen sollte: mit einer WC-Schüssel um sich werfen, einer virtuellen zwar, aber immerhin. Nebenan, am Stand der Kältesystem-Monteure, prangt ein mächtiges Plakat, darauf eine Frau, die ein Bikini trägt und in einer Winterlandschaft liegt, daneben der Schriftzug «cooler-job.ch». Der tiefere Sinn erschliesst sich dem Betrachter zwar nicht, doch die Botschaft – «unser Beruf ist cool» – ist gesetzt. Und dieser Tonfall ist einer, auf den viele Berufs­verbände setzen. Alles ist cool und vielfältig. Auf keinen Fall Langeweile, das ist die eine Botschaft. Bei der anderen geht es um die Zukunft, um die Chancen und darum, dass nach der Lehre nichts ­entschieden ist, aber jede Türe offen steht.

Hoffnungsschimmer Demografie

Auch am Stand von René Will spielt die Zukunft eine Rolle. Ein kompliziertes Geflecht auf einem Plakat zeigt auf, was aus jemandem werden kann, der etwa als Polymechaniker anfängt: Berufsmatura steht da oder gar ETH. Will arbeitet bei Swissmem, dem Verband der Schweizer Maschinenindustrie. Seine Branche gehört nicht zu denen, die bei der Lehrlingssuche die grössten Schwierigkeiten haben. Doch auch Will hat seine Sorgen, fünf Prozent der Lehrstellen bleiben ­unbesetzt. Die Folge ist ein Fachkräfte­mangel. «Wir brauchen für unsere Lehrstellen die besten Schüler», sagt Will, und natürlich ist Swissmem mit diesem Anspruch nicht allein. Auch den Informatikern geht es so, und beide Branchen ärgern sich darüber, dass die Matura gerade in urbanen Gebieten als Königsweg gilt. «Wer gute Noten hat, wird immer gleich an die Kanti geschickt. In meinen Augen fehlt eine unabhängige Beratung an den Schulen», sagt Will.

Wenn Verbände wie Swissmem nicht die Schüler bekommen, die sie gerne hätten, dann müssen sie ihre Ansprüche nach unten anpassen. Zu spüren ­bekommen das die Branchen, die weiter unten in der Nahrungskette stehen. Zum Beispiel die Gebäudetechniker. Alois Gartmann vom Verband Suissetec sagt, dass etwa für Sanitär- oder Heizungsbetriebe oft keine Selektion mehr möglich ist. Diesen Betrieben bleibt nur eines: Nehmen, was die anderen übrig lassen. Die Folge ist eine Lehrabbruchquote von 25 Prozent. Kein Wunder, freut sich Gartmann wie andere Verbandsvertreter über die neusten Demografiezahlen des Bundes: Auf der Sekundarstufe I zeigt die Kurve nach oben, bis 2027 rechnet er mit einem Zuwachs von satten 15 Prozent.

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