Kreisel

Das ist der Vater der Kreisel

Heute sind Kreisel nichts Aussergewöhnliches. Das es überhaupt dazu kam, hat die Schweiz Ruedi Schilling zu verdanken. Ein Portrait über den Man, der die Kreisel in die Schweiz importiert hat.

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Kreisel-Mann Ruedi Schilling

Kreisel-Mann Ruedi Schilling

Schweiz am Sonntag

Maja Sommerhalder

Kreisel da, Kreisel dort: Es kreiselt zahlreich auf unseren Strassen - im Aargau sind es über 100 Stück. Etwa 60 weitere sind in Planung. Den Kreisel vor dem Wettinger Rathaus gibt es auf den Tag genau seit 25 Jahren. Er ist der erste Kleinkreisel in der Deutschschweiz. Zuvor gab es nur die Riesenkreisel mit einem Durchmesser von 100 Metern in Lausanne, im Neeracherried und in Eglisau.

Von den Engländern kopiert
Und wer hats erfunden? Der Aarauer Verkehrsingenieur Hans Ruedi Schilling. «Genau genommen habe ich den Kreisel nicht erfunden, sondern von den Engländern abgeschaut», sagt er. Es sei aber so, dass er den Kreiselboom in der Deutschschweiz ausgelöst habe.

Eine Woche vor dem 25-Jahr-Jubiläum geht der hochgewachsene Mann mit dem dezenten Schnurrbart zurück in das Pionierdorf Wettingen. Und noch immer läuft der Verkehr rund vor dem Rathaus: «Das war nicht immer so», erinnert Schilling sich. Vor dem 8. August 1985 war hier eine grosse Kreuzung: «Es gab viele Unfälle, auch tödliche. Der damalige Wettinger Verkehrsplaner Hans Ruedi Schilling schlug vor, auf der Gemeindestrasse einen Kreisel zu bauen.

Früher wurde Schilling nicht ernst genommen
Nicht zum ersten Mal wollte er diese Idee im Kanton Aargau verwirklichen. «In den 70er-Jahren wurde ich für verrückt erklärt, als ich auf der Kreuzung ‹Graströchni› in Schinznach-Dorf einen Kreisel bauen wollte», erzählt er im Ostschweizerdialekt und lacht.

Dies brauche viel zu viel Platz, hiess es. Doch seit einem Englandurlaub wusste Schilling, dass es auch kleiner geht. Er liess sich von den Engländern Pläne geben. Diese musste er erst spiegeln, damit sie für den Rechtsverkehr tauglich wurden. 1985 konnte er die Wettinger Behörden überzeugen. «Es war ein Glücksfall, dass man vor dem Rathaus eine grosse Fläche zur Verfügung hatte», sagt er.

Skeptisch war man trotzdem. Vor der Realisierung standen über ein Dutzend Beamte, Verkehrsfachleute und Angestellte des Busbetriebs vor der Rathauskreuzung. «Die einen befürchteten Unfälle und die andern waren überzeugt, dass die Busse da nie und nimmer durchkommen.»

Deshalb entschied man sich nur für einen Versuchsbetrieb und steckte den Kreisel mit Pfosten ab. Schnell erfand man auch neue Verkehrszeichen. Das Ganze kostete etwa 20000 Franken. Schweizer Vorbilder gab es nicht, im Welschland wurden die ersten Kreisel zeitgleich gebaut.

Dass der Wettinger Kreisel mit einem Durchmesser von 28 Metern genau nach den Sommerferien in Betrieb genommen wurde, war kein Zufall. «Wir dachten, dass es weniger Leserbriefe gibt, wenn die Leute frisch erholt sind.» Tatsächlich blieben die Leserbriefe aus, obwohl in den 80ern die Bevölkerung viel Verständnis für Ökologie, aber wenig für Strassenbauprojekte hatte.

Auch hätten die Autofahrer das System Kreisel schnell verstanden, meint Schilling. Dabei war der Linksvortritt damals neu: «Natürlich gab es vereinzelte Falschfahrer. Da aber die Autos im Kreisel langsamer unterwegs sind, blieben schwere Unfälle aus», erinnert sich Schilling.

Mehr Kreisel, weniger Unfälle
Als nach vierjähriger Versuchsphase in Wettingen schliesslich ein richtiger Kreisel gebaut wurde, lief es schon vielerorts rund. Schnell erfasste die Kreiselmanie das ganze Land. Ist es manchmal nicht etwas zu viel? «Eigentlich nicht, denn dank Kreiseln gibt es weniger Stau und schwere Unfälle», sagt Schilling und macht eine kurze Denkpause: «Nur wurden beim Bau von einigen Kreiseln Planungsfehler gemacht.» (siehe Kasten) «Schade,» findet er, «denn so wird der Verkehr nur unnötig aufgehalten.»