Das Lawinenunglück in Crans-Montana ist an Tragik kaum zu überbieten

Ein Pistenretter tat seine Arbeit – und starb. Nun fragt sich: Hätten die Bergbahnen von Crans-Montana die Schneesportler davon abhalten sollen, die Piste zu befahren?

Daniel Fuchs
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Ein Helikopter der Air Glacier gestern über der Unglücksstelle: Die Suche nach möglichen weiteren Verschütteten wurde gestern Vormittag eingestellt. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone; Crans-Montana, 20. Februar )

Ein Helikopter der Air Glacier gestern über der Unglücksstelle: Die Suche nach möglichen weiteren Verschütteten wurde gestern Vormittag eingestellt. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone; Crans-Montana, 20. Februar )

Mit voller Wucht trifft die Lawine am Dienstag um 14.23 Uhr im Skigebiet Crans-Montana VS auf die Piste. Menschen verschwinden in einer Schneewolke. Andere machen sich aus dem Staub. Wie derjenige Skifahrer, der das Ganze filmt. Sein Video kursiert nun online.

Auf einer Einstellung ist kurz ein Motorschlitten zweier Patrouilleure zu sehen. Die beiden Pistenretter sind zur Bergung eines Verletzten ausgerückt, wie die Betreiberin der Bergbahnen gestern schrieb. Patrouilleure und der Verletzte werden von der Lawine getroffen und mitgerissen. Alle drei sowie eine vierte Person können mit Verletzungen geborgen werden, einer der Retter, ein 34-jähriger Franzose, wird in lebensbedrohlichem Zustand ins Spital geflogen, wo er am Mittwochmorgen seinen schweren Verletzungen erliegt.

War die Piste offen?

Eine Lawine trifft eine Piste voller Schneesportler – es ist das Worst-Case-Szenario eines jeden Pistensicherheitschefs. Was lief schief in Crans-Montana? Wahrscheinlich ist: Die Piste war am Dienstagnachmittag offiziell offen. Dafür spricht die hohe Zahl der Schneesportler, die sich auf der Piste Kandahar befanden. Üblicherweise befördert die Gondelbahn zum Startpunkt der Piste, der Plaine-Morte auf knapp 3000 Metern, keine Schneesportler mehr, wenn die einzige Piste talwärts geschlossen ist. Das ist insbesondere an frühlingshaften Tagen der Fall, typischerweise im März.

Jedoch liess sich auch am ­Unglückstag auf der Website der Bergbahnen die Meldung abrufen, wonach die Piste um 12.15 Uhr geschlossen werden sollte. Zweifel sind gesät. War die Piste wirklich offen? Und wenn ja, weshalb wurde sie entgegen des ­Onlinehinweises nicht geschlossen? Wer nach Antworten sucht, stösst auf Widersprüche. Ein Mitarbeiter des Restaurants Les Violettes, wo Skifahrer auf die Gondel zur Plaine-Morte umsteigen, ist sicher: «Die Piste war den ganzen Tag offen am Dienstag. Auch an den Tagen davor.» Die Onlineinfo über die Schliessung der Piste um 12.15 Uhr aber taucht in einer erweiterten Google-Suche für die vergangenen Tage immer wieder auf. Wollte man die Piste schliessen, tat es aber trotzdem nicht? Die Bergbahnbetreiberin bringt keine Klarheit in die Angelegenheit. Sie verweist auf das laufende Verfahren durch die Walliser Justiz.

Möglich ist: Die Verantwortlichen haben die Situation nicht richtig eingeschätzt und fälschlicherweise darauf verzichtet, die Piste zu schliessen. Ein Indiz dafür liegt in den Bulletins des Schnee- und Lawinenforschungsinstituts SLF in Davos. In den vergangenen Tagen warnte es im Gebiet Crans-Montana oberhalb von 2500 Metern und in Südlagen am Nachmittag explizit vor Nassschnee- und Gleitschneelawinen. Für Montag, dem Tag vor dem Unglück, sogar mit Gefahrenstufe 3 von 5, also «erheblich». Am Dienstag dann setzte das SLF die Gefahrenstufe auf 2 «mässig» zurück. Die Verantwortlichen von Crans-Montana aber schlossen die Piste auch am Montag wahrscheinlich nicht.

Gedenkminute für den Verstorbenen

Ob eine Piste freigegeben ist oder nicht, gehört hinsichtlich Haftung zu den entscheidenden Fragen. Ebenso entscheidend ist, ob Schneesportler abseits der Piste die Lawine ausgelöst haben oder ob sich diese spontan löste. In letzterem Fall wäre massgebend, ob der Lawinenabgang voraussehbar gewesen wäre oder nicht. Alles Fragen, mit denen sich die Walliser Justiz nun befasst. Im Skigebiet von Crans-Montana stehen heute Nachmittag um 14.23 Uhr die Bahnen für eine Minute still. Im Gedenken an den verstorbenen Pistenretter. Es grenzt an ein Wunder, dass keine weiteren Menschen den Tod fanden.

Schweigeminute für Lawinenopfer von Crans-Montana

Zwei Tage nach dem Lawinenunglück in Crans-Montana VS haben am Donnerstag um 14.23 Uhr im Skigebiet zahlreiche Menschen mit einer Schweigeminute des Opfers gedacht. Genau zu dieser Zeit hatte sich das Unglück ereignet, das einen Pistenpatrouilleur das Leben kostete.