Das Tessin staunt über das Vorpreschen Italiens

Die Ankündigung Italiens, die Grenzen zu öffnen, freut nicht alle. Auch die Schweiz ist beunruhigt. 

Gerhard Lob
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Einheimische und Touristen geniessen das schöne Wetter an der Uferpromenade in Ascona.

Einheimische und Touristen geniessen das schöne Wetter an der Uferpromenade in Ascona.

Bild: Samuel Golay / Keystone (17. Mai 2020)

Genauso wie in Bern hat man sich in Bellinzona die Augen gerieben. Der Tessiner Regierungspräsident Norman Gobbi erklärte mehrmals: «Diese Perspektive beunruhigt uns.» Zwar entspanne sich die Situation in Bezug auf das Coronavirus auch in der angrenzenden Lombardei, einem Hotspot der Epidemie, doch sei die Situation dort immer noch viel kritischer als in der Schweiz beziehungsweise im Tessin.

Tessin will ein Wörtchen mitreden

Gobbi wies aber auch darauf hin, dass Details der Pläne Italiens noch nicht bekannt seien. Der Kanton Tessin hat sich auf alle Fälle umgehend an das Staatssekretariat für Migration und seinen Chef Mario Gattiker gewandt, um in die Gespräche mit Rom einbezogen zu werden. Denn der Kanton Tessin ist durch seine Exposition nach Italien direkt von allen Grenzmassnahmen betroffen. Gespräche soll es nicht vor morgen Mittwoch geben.

Francesco Quattrini, Delegierter für Aussenbeziehungen des Kantons Tessin, hält sich auf Anfrage ebenfalls nicht zurück: «Zuerst reden die Italiener immer nur von der Gesundheit, zeigen sich extrem zurückhaltend und besonders vorsichtig, und dann preschen sie von heute auf morgen vor.» Das sei nicht nachvollziehbar. Schliesslich zeigt sich auch der Tessiner Kantonsarzt Giorgio Merlani überrascht vom Vorgehen der Italiener und spricht angesichts der epidemiologischen Situation in Norditalien von einem «Glücksspiel».

Viele Tessiner möchten wieder nach Italien reisen

Mehr Verständnis brachten Leserinnen und Leser des «Corriere del Ticino» in einer nicht repräsentativen Onlineumfrage auf. Demnach zeigten sich 41,8 Prozent der Teilnehmenden einverstanden mit der Massnahme Italien zu Grenzöffnung, wenn Hygiene- und Distanzregeln eingehalten werden, weitere 20 Prozent erklärten sich einverstanden, hätten aber eine Absprache Italiens mit den Nachbarländern gewünscht. 37,4 Prozent bezeichneten den Entscheid hingegen als riskant. Generell wünschen sich viele Tessiner, wieder nach Italien reisen zu können.

Derweil pendelt sich im Kanton Tessin, der von der Coronaepidemie sehr stark betroffen war, die Zahl der Fälle auf sehr tiefem Niveau ein. Letzte Woche gab es Tage, an denen sich weder eine Person neu infizierte noch ein Patient verstarb. Die langersehnte doppelte Null. Gestern Montag wurden eine neue Infektion und ein neuer Todesfall bekannt. In den Spitälern verblieben 56 Covid-19-Patienten, davon fünf in der Intensivstation und drei intubiert. Zum Vergleich: Ende März lag die Zahl der Covid-19-Patienten in den Spitälern bei über 400. Gemäss einer Ende letzter Woche präsentierten Statistik des Kantonsarztes gab es im Tessin bisher 341 Todesfälle, davon 151 in Altersheimen.