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«Das wäre nur ein Placebo gewesen»

Interview mit Judith Stamm zum Thema 40 Jahre Frauenstimmrecht am 6. Januar 2011 im Hotel Schweizerhof in Luzern. (Neue LZ/Eveline Beerkircher) (Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 6. Januar 2011))

Interview mit Judith Stamm zum Thema 40 Jahre Frauenstimmrecht am 6. Januar 2011 im Hotel Schweizerhof in Luzern. (Neue LZ/Eveline Beerkircher) (Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 6. Januar 2011))

Reaktionen Ausgerechnet eine Vorkämpferin für Frauenrechte wurde gestern im Ständerat als Kronzeugin angeführt, um Massnahmen gegen die Lohndiskriminierung auf die lange Bank zu schieben: Judith Stamm, ehemalige Luzerner CVP-Nationalratspräsidentin. Ihr Parteikollege Konrad Graber zitierte sie im Ständerat mit den Worten, der Vorschlag des Bundesrats überzeuge sie nicht.

Stamm hatte sich vor der ­Debatte per Mail bei Graber gemeldet. «Ich hatte den Eindruck, der Vorschlag des Bundesrats nützt gar nichts», erklärt die ehemalige Nationalrätin (1983–1999) unserer Zeitung. Während Frauenorganisationen den Entscheid des Ständerats geisselten, sieht sie diesen nicht als Rückschlag für die Frauen – ganz und gar nicht. «Das wäre nur ein Placebo gewesen. Dann hätte man sagen können: Jetzt haben wir einen Schritt getan, jetzt ist genug.»

Die frühere Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen kritisiert, die geplante Regelung sei immer weiter abgespeckt worden. «Es waren gar keine Sanktionen vorgesehen, falls eine Firma die Lohngleichheit nicht einhält.» Dass eine Firma die Resultate der Lohngleichheitsanalyse den ­Angestellten und Aktionären ­offenlegen müsste, ist für Stamm der falsche Weg. «Das geht sofort in die Öffentlichkeit und wird zu einem Pranger, den ich ablehne.» Zudem widerspreche der Vorschlag des Bundesrats der Idee des Gleichstellungsgesetzes, sagt Stamm, die dieses mitgeprägt hatte. Bei der Schaffung des Gesetzes habe man sich bewusst dagegen entschieden, den Staat für die Einhaltung der Lohngleichheit in die Pflicht zu nehmen, sagt die 84-Jährige. «Stattdessen gab man den Betroffenen die nötigen Instrumente wie das Klagerecht in die Hand, um sich zu wehren.» Und das habe durchaus genützt, sagt sie: «Es ist einiges vorwärts gegangen. Aber das Ziel haben wir noch nicht erreicht.»

Die Ungeduld der heutigen Generation

Die Rückweisung sieht Stamm als Chance für eine griffigere Regelung. Obwohl die Kommission der Vorlage bisher nur Zähne gezogen hat, hofft sie auf eine bessere Lösung. «Ich glaube, es gibt einige in der Kommission, die den Vorschlag des Bundesrats ablehnen, weil er ihnen zu schwach ist», sagt sie. Sie sei optimistisch, dass die Kommission oder der Bundesrat eine griffigere Regelung finden werde. Dazu, wie diese Lösung aussehen sollte, wollte sich Stamm nicht äussern.

Den Vorwurf, es handle sich um Zeitverzögerung, weist sie zurück. «Der Kampf für die Lohngleichheit dauert schon so lange, jetzt verträgt es auch noch ein paar Monate mehr, wenn dabei etwas Gutes herauskommt», sagt sie. Die Frauenorganisationen müssten nun halt Druck machen, damit eine gute Regelung entstehe. «Wir wissen, dass es extrem zäh ist. Meine Generation stand ziemlich am Anfang des Weges», sagt sie. Jetzt sei eine andere ­Generation am Ruder. «Und ich habe den Eindruck, diese sei ­ungeduldiger, als wir es waren.»

Maja Briner

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