DATENSCHUTZ: Google-Linse: Das kann ins Auge gehen

Google und Novartis entwickeln eine völlig neue Linse. Davon sollen ­Diabetiker profitieren. Der Schweizer Datenschützer fordert ein neues Vorgehen.

Sermîn Faki
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So sieht der Prototyp der «Smart Lens» aus, die Google in Kooperation mit dem Schweizer Pharmakonzern Novartis herausgeben will. (Bild: Keystone)

So sieht der Prototyp der «Smart Lens» aus, die Google in Kooperation mit dem Schweizer Pharmakonzern Novartis herausgeben will. (Bild: Keystone)

Der Internet-Gigant Google und der Pharma-Riese Novartis spannen zusammen und entwickeln eine Kontaktlinse, die Diabetikern das Leben erleichtern soll. Statt übers Blut soll der Insulin-Spiegel durch einen Sensor in der Linse anhand der Tränenflüssigkeit gemessen und drahtlos an ein Empfangsgerät übermittelt werden – der heute mehrmals am Tag nötige Pikser in den Finger würde entfallen.

Manipulation nicht ausgeschlossen

Die Novartis-Linse ist nicht das einzige «Medical Device», wie solche Produkte an der Schnittstelle von Medizin und Technologie genannt werden, an dem geforscht wird. Damit stellen sich jedoch auch datenschutzrechtliche Fragen. Wo werden die Daten gespeichert? Wer hat darauf Zugriff? Kann manipuliert werden? – lauten die drängendsten. Schliesslich haben nicht nur Pharmaunternehmen, sondern auch Versicherer und Gesundheitsbehörden ein starkes Interesse an solchen Daten. Die Anbieter müssen ihre Kunden zwar vorgängig über die Einzelheiten der Datenbearbeitung informieren (im Kleingedruckten) und deren ausdrückliche Einwilligung einholen. «Als Kunde respektive Patient sollte man sich allerdings bewusst sein, dass sich ein Fremdzugriff oder gar eine Manipulation der Daten nie ganz ausschliessen lassen», sagt Francis Meier, Sprecher des Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten Hans-peter Thür.

Zertifizierung ist denkbar

Aufgrund der neuen Herausforderungen schlägt Thür einen Paradigmenwechsel in Sachen Datenschutz vor. In Zukunft soll das Gesetz vorschreiben, dass neue Produkte so gestaltet werden müssen, dass sie ein Höchstmass an Datenschutz gewährleisten. Die Stichworte heissen «Privacy by Design» und «Pricacy by Default». Gemeint ist, dass schon die Voreinstellungen eines Produkts sehr restriktiv sind und besonders sensible Daten für eine Übermittlung sperren. Und dass der Nutzer selbst die Einstellungen möglichst unkompliziert so ändern kann, dass bestimmte Daten vom Gerät oder Sensor gar nicht erst erhoben werden.

Im Rahmen der Vorarbeiten zur Reform des geltenden Datenschutzgesetzes hat Thür vorgeschlagen, diese beiden Ansätze einfliessen zu lassen. Gemäss seinem Sprecher ist durchaus denkbar, Anwendungen, bei denen Personendaten im grossen Stil bearbeitet werden, einer Zertifizierungspflicht zu unterziehen. Es könnte also gut sein, dass Novartis und Google den Datenschützer erst von ihrer Linse überzeugen müssen, bevor sie diese überhaupt auf den Markt bringen dürfen.

Novartis-Linse: Ärzte sind skeptisch

Nutzen fak. In fünf Jahren soll sie auf den Markt kommen: die intelligente Kontaktlinse, die Novartis und Google gemeinsam entwickeln (siehe Haupttext). Andere «Medical Devices» sind bereits auf dem Markt, etwa Sensoren für Herzkranke, die kontinuierlich Daten liefern – dem Patienten, seinen Verwandten, dem behandelnden Arzt.

«Fragmentierung» des Patienten
Eigentlich sind die neuen Technologien eine Erleichterung für die Mediziner. Dennoch stehen ihnen vor allem Hausärzte skeptisch gegenüber. «Einerseits bieten die modernen Technologien faszinierende Möglichkeiten für Fortschritte in der Betreuung von Patienten», sagt beispielsweise Gerhard Schilling, Hausarzt aus Stein am Rhein und Vorstandsmitglied des Verbands Hausärzte Schweiz. Es gebe jedoch auch eine Kehrseite: «Die Industrie hat die Tendenz, sich auf einzelne Gebiete zu konzentrieren.» Mit der zunehmenden Alterung der Bevölkerung würde ein Grossteil der Patienten künftig jedoch an verschiedenen Krankheiten gleichzeitig leiden, was die Behandlung sehr viel komplexer mache. «Die Gefahr ist gross, dass die Patienten nach Diagnosen fragmentiert werden», so Schilling. Auch Yvonne Gilli, Hausärztin und grüne Nationalrätin aus dem Kanton St. Gallen, ist noch nicht überzeugt. «Schon häufig wurden neue Medizinalprodukte als revolutionär angepriesen. In den seltensten Fällen wurden die Erwartungen erfüllt.»

«Hilft, Kosten zu vermeiden»
Spezialisten wie der Chirurg Urs Stoffel sehen in der Telemedizin – um eine solche Entwicklung handle es sich bei der Novartis-Linse – zahlreiche gute Anwendungsmöglichkeiten. «Wir werden in Zukunft grundsätzlich auf solche Technologien angewiesen sein, um die Versorgung gerade bei chronisch Kranken und älteren Patienten mit mehreren Leiden, sicherzustellen», so das Vorstandsmitglied der Ärztegesellschaft FMH. «Nicht zuletzt können damit auch Kosten vermieden werden, wenn jemand statt im Spital zu Hause überwacht werden kann und Notfälle verhindert werden können.»