DENKFABRIK: Das Gewissen der Welt sitzt in der Schweiz

In den 70er-Jahren schuf der Club of Rome das Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Heute werden seine Warnungen weitgehend ignoriert – dabei führt in Zukunftsfragen kein Weg an der renommierten Denkfabrik vorbei.
Gregory Remez
Spuren der Wegwerfgesellschaft: Ein Junge passiert auf seinem Schulweg in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi eine Mülldeponie. (Bild: Rajat Gupta/AP (22. April 2017))

Spuren der Wegwerfgesellschaft: Ein Junge passiert auf seinem Schulweg in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi eine Mülldeponie. (Bild: Rajat Gupta/AP (22. April 2017))

Gregory Remez

Es ist still geworden um die Lagerhausstrasse 9 unweit des Winterthurer Bahnhofs. Dort, hinter einer Glastüre im zweiten Stock des in die Jahre gekommenen, unscheinbaren Apollo-Geschäftshauses, befindet sich die Schaltzentrale der weltweit renommiertesten Denkfabrik für Nachhaltigkeitsstrategien: des Club of Rome. In diesem Jahr feiert die gemeinnützige Organisation, die seit ihren Anfängen so etwas wie die unliebsame Rolle des «Gewissens der Welt» einnimmt, ihr 50-jähriges Bestehen.

In Feierlaune ist man an der Lagerhausstrasse dieser Tage allerdings nicht. Im Konferenzraum stehen noch immer die Banner vom letzten Jubiläum, dem 40-jährigen. Man plane noch, diese zu aktualisieren, sagt Generalsekretär Graeme Maxton mit entschuldigender Geste. Maxton, der jedes Wort mit der beneidenswerten Gelassenheit eines Briten spricht, dessen leicht müder Blick den aktuell erhöhten Stresspegel aber nicht ganz verbergen kann, hat momentan ganz andere Sorgen.

Nach einer Konferenz in Mexiko steht am Hauptsitz in Winterthur bald die Generalversammlung an. Dort dürften neben den üblichen Traktanden auch unangenehme Tatsachen zur Sprache kommen. Dazu gehört etwa die gegenwärtige Abseitsstellung des Club of Rome im öffentlichen Diskurs. Und folglich die Frage, wie man sich in Zeiten von umwälzerischen Populisten und säbelrasselnden Autokraten wieder mehr Gehör in der Welt verschaffen könnte. Denn das Gewissen der Welt darf sich keine Pause erlauben. Die Zeit drängt.

Kontroverser Vorschlag: Geburtenkontrollen im Westen

Eineinhalb Jahre ist es her, dass der Club of Rome weltweit im Gespräch war. Damals, im September 2016, war gerade der neueste Bericht an den Club mit dem Titel «Ein Prozent ist genug: Mit wenig Wachstum soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Klimawandel bekämpfen» erschienen. Darin machten Generalsekretär Maxton und sein norwegischer Kollege Jorgen Randers, zwei der weltweit einflussreichsten Zukunftsforscher, insgesamt 13 Vorschläge, wie man den globalen Raubbau bremsen und die Welt in die Nachhaltigkeit führen könnte.

Einer der Vorschläge hatte es jedoch in sich: Neben der harten Besteuerung fossiler Brennstoffe, Subventionen für grüne Technologien und einer Erbschaftssteuer von 100 Prozent sprachen sich die beiden Autoren für eine Geburtenkontrolle in Industrieländern aus. Umsetzen liesse sich diese durch Bonuszahlungen an Kleinfamilien: Zum Beispiel solle jede Frau, die nur ein Kind aufziehe, im Alter von 50 Jahren für ihren Verzicht 80000 Dollar erhalten.

Reiche Länder richten den grössten Schaden an

Bei der Präsentation der Studie in Berlin erklärte Randers den Ansatz damit, dass der Motor fast aller Umweltprobleme derselbe sei: die Verdoppelung der Weltbevölkerung seit 1970. Und folgerte: «Meine Tochter ist das gefährlichste Tier von allen.» Gefährlich, weil sie als westliche Konsumentin 30-mal so viele Ressourcen verbrauche wie ihre Artgenossen in der dritten Welt. Der Bevölkerungsdruck auf den Planeten müsse demzufolge reduziert, das Modell der Kleinfamilie gefördert werden. Den Anfang sollten hierbei die reichen Länder machen, weil sie am meisten profitierten und gleichzeitig den grössten Schaden anrichteten.

Vor allem im deutschsprachigen Raum kam der Vorschlag erwartungsgemäss schlecht an. Ein derart rigider Übergriff in private Angelegenheiten, noch dazu mit ungebührlichem finanziellem Anreiz – das brachte Vertreter aller politischen Couleur auf die Palme. Statt also die 13 Vorschläge ausgewogen zu diskutieren, versteifte man sich auf die Verteufelung des Horrorszenarios einer «europäischen Einkindpolitik». Doch auch wenn die Debatte einseitig verlief, der Bericht zeigte Wirkung: Der Club of Rome war wieder einmal in aller Munde. Später begründete Randers die Holzhammertaktik wie folgt: «Wir versuchen es seit über 40 Jahren damit, einen Wertewandel zu erreichen. Doch mit der sanften Tour sind wir gescheitert.»

1972 – die Geburtsstunde des globalen Umweltaktivismus

Dass sich der Club of Rome für seine Botschaften der Haudrauf-Methode bedient, ist nicht neu. Bereits 1972, also nur vier Jahre nach seiner Gründung, hatte man mit dem Augenöffner «Die Grenzen des Wachstums» die heute erst an Fahrt gewinnende Umweltrevolution überhaupt erst ins Rollen gebracht. Schon damals war Jorgen Randers mit an Bord, und bereits da forderte der umtriebige Wissenschafter radikale Ansätze wie die Geburtenkontrolle.

Mit Hilfe von Hochrechnungen zeigte der am St. Gallen Symposium vorgestellte Bericht erstmals auf, dass die Menschheit ohne gegensteuernde Massnahmen spätestens Mitte des 21. Jahrhunderts in grosse Schwierigkeiten geraten werde. Die endlichen Erdressourcen würden nicht mehr ausreichen, um ein wirtschaftliches wie zahlenmässiges Wachstum der Menschheit zu gewährleisten. Werde diese Schwelle einmal erreicht, drohten Hungersnöte und wirtschaftliche Depressionen von nie gekanntem Ausmass.

Zwar winkten damals noch viele Exponenten aus Wirtschaft und Politik ab – es war die Zeit des grossen ökonomischen Aufschwungs; auch wurden die einzelnen Studien zu Recht für ihre holzschnittartigen Szenarien kritisiert. Dennoch schufen sie erstmals ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Heute wird die Veröffentlichung des inzwischen über 30 Millionen Mal verkauften Manifests als Geburtsstunde des globalen Umweltaktivismus gesehen. Noch im selben Jahr folgte die erste UNO-Weltumweltkonferenz, ein Vorläufer der jährlichen UNO-Klimakonferenzen. Im vergangenen November tagte in Bonn mit rund 22 000 Teilnehmern deren 23. Auflage, Nummer 24 findet heuer im polnischen Kattowitz statt.

Eine neue Form der Aufklärung tut not

Womit wir wieder in der Gegenwart wären – und der aktuellen Abseitsstellung des Club of Rome. Die Krux: Für die ­Organisation war «Die Grenzen des Wachstums» Durchbruch und Höhepunkt zugleich. Keine Publikation hat je wieder eine solche Aufmerksamkeit erhalten wie der Bericht von 1972. Bis heute wird der Club of Rome damit assoziiert – nicht immer zu seinem Vorteil. Denn der pessimistische Grundton des Buches hat der Denkfabrik den Ruf eines Verbunds notorischer Schwarz­seher eingebracht. Und solange die Party noch läuft, will ihre deprimierenden Wahrheiten keiner hören.

Auch der jüngste Bericht des Club of Rome blieb in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend unter dem Radar. Und das, obwohl die Autoren Ernst Ulrich von Weizsäcker und Anders Wijk­man darin deutlich konziliantere Töne anschlagen. Das neue Manifest mit dem Titel «Wir sind dran: Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen» bleibt in seinen Schlussfolgerungen zwar radikal, ist aber auch konstruktiver, zielstrebiger und mehr an der Praxis orientiert als frühere Berichte.

So resümieren die Autoren zum Beispiel, dass die kurz vor dem Pariser Abkommen verabschiedete «Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung» zwar positiv zu werten sei, die Probleme aber nicht werde lösen können, da die darin formulierten ökonomischen und ökologischen Ziele vor dem Hintergrund der heutigen Marktideologie nicht vereinbar seien. Schliesslich zählten die Länder, die in diesem Nachhaltigkeitsindex der UNO an der Spitze liegen – Schweden (1. Platz), Dänemark (2.), Norwegen (3.), Finnland (4.) und die Schweiz (5.) – noch immer zu den grössten Umweltverschmutzern weltweit.

Um den Ansprüchen einer «vollen Welt» mit über 7,6 Milliarden Menschen gerecht zu werden, dabei aber nicht die Umwelt und somit unsere Existenz zu gefährden, müssten wir unser Wirtschaftsverständnis von Grund auf verändern. Laut von Weizsäcker und Wijkman tut eine neue, nicht dem abgewirtschafteten Utilitarismus verhaftete Aufklärung not. Eine Aufklärung, die einen Humanismus vertritt, dabei aber die natürliche Mitwelt einschliesst. Oder wie es Graeme Maxton formuliert: «Wir müssen wieder eine Balance zwischen ökonomischen und ökologischen Zielen, zwischen uns und der Natur herstellen, ansonsten wird Letztere die Probleme für uns lösen – durch Epidemien, Hungersnöte, Kriege oder, eben, den Klimawandel.»

Einer der Grundpfeiler für die angestrebte Veränderung ist eine Wirtschaft, die komplett auf erneuerbaren Energien wie Sonne, Holz, Biomasse, Wind und Geothermie basiert; dies schliesst die Schaffung regenerativer urbaner Zentren mit ein, die durch ein nachhaltiges System von Produktion, Konsum und Transport versorgt werden. Ein anderer ist eine längst fällige Reform des ökonomischen Systems, etwa durch die Einführung von Steuern für den Verbrauch natürlicher und fossiler Ressourcen, die Schaffung von unabhängigen Aufsichtsbehörden oder zumindest mal der Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken.

Gerade jetzt ist eine Stimme der Vernunft gefragt

Man kann dem Club of Rome vieles vorwerfen, Alarmismus wäre allerdings verfehlt. Die aktuell 101 Mitglieder (siehe Kasten), hochkarätige Wissenschafter und Wirtschaftsvertreter, allesamt Experten auf ihrem Gebiet, sind Aufklärer, keine Apokalyptiker. Sie haben keine Agenda, sind nicht politisch motiviert, vertreten keine Interessen. Wenn es also um Fragen der Nachhaltigkeit geht – wäre es da nicht naheliegend, auch die Instanz zu Rate ziehen, der wir das Bewusstsein dafür überhaupt erst verdanken? Gerade jetzt wäre eine Stimme der Vernunft wie die des Club of Rome gefragt. Hinhören kostet nichts, lohnen würde es sich aber allemal – und zwar nicht nur dann, wenn die Organisation mal wieder auf die harte Tour um Aufmerksamkeit buhlt.

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