Festtagsinterview
Der Bundespräsident und sein Weibel: «Es besteht die Gefahr, zur Primadonna zu werden»

Seit vier Jahren ist Kurt Kneubühler der Weibel von Bundespräsident Johann Schneider-Ammann. Ein Gespräch über ihr Verhältnis, das Dienen und seine Grenzen.

Doris Kleck und Anna Wanner
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Bundespräsident Johann Schneider-Ammann und sein Weibel Kurt Kneubühler
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Das Resultat.
Kurt Kneubühler ist seit vier Jahren Weibel von Bundesrat Johann Schneider-Ammann.
Der Bundesrat kannte ihn bereits, als dieser Concierge im Bellevue war.
Diskretion ist das A und O. Johann Schneider-Ammann, Bundesrat und Bundespräsident im Jahr 2016. Aufgenommen am 14. Dezember 2016 im Bundeshaus in Bern.
«Das Unangenehmste an seinem Job sind wohl die langen Wartezeiten» – der Bundesrat über seinen Weibel. Johann Schneider-Ammann, Bundesrat und Bundespräsident im Jahr 2016. Aufgenommen am 14. Dezember 2016 im Bundeshaus in Bern.
Über Privates reden sie selten.

Bundespräsident Johann Schneider-Ammann und sein Weibel Kurt Kneubühler

Chris Iseli

Weibel Kurt Kneubühler nimmt uns im Bundeshaus Ost in Empfang und geleitet uns ins Sitzungszimmer von Bundespräsident Johann Schneider-Ammann. Der Weibel trägt sein offizielles Kostüm – ein Gwand, das im Sommer heiss gibt, aber im Winter nicht wärmt. Erst als Kaffee und Tee bereitstehen und alle sitzen, stösst auch der Chef hinzu. Während des Interviews übernimmt Schneider-Ammann Aufgaben des Weibels: Weil die Journalistinnen von der Sonne geblendet werden, erhebt er sich und lässt die Storen runter.

Wie sprechen Sie einander an?

Kurt Kneubühler: Ganz formell «Herr Bundespräsident» und nächstes Jahr dann wieder «Herr Bundesrat».

Das bleibt, auch wenn sich im Laufe der Zeit ein Vertrauensverhältnis entwickelt hat?

Johann Schneider-Ammann: Das Vertrauen muss von Anfang an gegeben sein. Sonst ist eine Zusammenarbeit nicht möglich. Herr Kneubühler – wie ich ihn anspreche – ist mein zweiter Weibel. Als seine Vorgängerin in eine andere Stelle wechselte, erhielt ich eine Liste mit Namen von möglichen Anwärtern. Auf der erkannte ich den Namen «Kneubühler» sofort. Ich wusste, dass ich ihn nicht lange testen muss, da ich ihn bereits vom Hotel Bellevue in Bern kannte, wo er als Concierge arbeitete. So war das Vertrauen auf Anhieb da. Das ist wichtig. Denn er hat Zugang zu vertraulichen Dokumenten, hört viele Gespräche mit und ist der Einzige, der das Büro betreten darf, wenn ich am Telefon bin.

Serie Festtagsinterview

Die «Nordwestschweiz» hat für ihre diesjährige Interview-Serie über die Festtage gegensätzliche Persönlichkeiten zusammengeführt. Heute sind Bundespräsident Johann Schneider-Ammann und sein Weibel Kurt Kneubühler an der Reihe. Seit vier Jahren sind sie beruflich ein ungleiches Paar. Kneubühler ist die Diskretion in Person. Er lotst den Bundespräsidenten durch seinen Tag und nimmt ihm ab, was er kann. Trägt er nicht sein offizielles Kostüm, nimmt man den Weibel kaum wahr, doch für den Bundespräsidenten ist er eine Autoritätsperson.

Mit welchen Attributen haben Sie den Namen «Kneubühler» verbunden?

Schneider-Ammann: Er hinterliess bei mir den Eindruck einer grossen Dienstleistungsbereitschaft. Er nahm mich als Nationalrat im «Bellevue» jeweils in Empfang, erklärte, wohin ich muss, half gerne weiter und machte immer ein freundliches Gesicht.

Kneubühler: Mein Job war es, Gäste zu betreuen. Dazu zählte auch Nationalrat Schneider-Ammann, der im «Bellevue» abstieg. An eine Situation erinnere ich mich im Speziellen. Weil er ab und zu in der Nacht nicht zurückkehrte, habe ich ihn darum gebeten, jeweils Bescheid zu geben, wenn er zu Hause übernachtet. So mussten wir uns keine Sorgen machen.

Schneider-Ammann: Und was habe ich gesagt?

Kneubühler: Nun, es hat funktioniert (beide lachen).

Wieso haben Sie sich als Weibel
beworben?

Kneubühler: Den Gedanken hatte ich schon lange in mir getragen, ich fand die Aufgabe interessant. Während meiner Zeit im «Bellevue» hatte ich viel Kontakt mit Weibeln – etwa bei Staatsbesuchen.

Was ist Ihre Aufgabe? Butler? Mädchen für alles? Bodyguard? Aktenträger?

Kneubühler: Ein wenig von allem, am wenigsten Bodyguard. Für den Personenschutz ist die Polizei zuständig. Hauptsächlich bin ich dafür verantwortlich, dass der Bundesrat seine Termine einhält, dass er Sitzungen rechtzeitig beendet ...

Schneider-Ammann: ... und vor allem, dass er rechtzeitig ankommt ...

Kneubühler: Genau, dass er rechtzeitig anfängt und aufhört. Und dass er auch die richtigen Unterlagen zur richtigen Zeit am richtigen Ort hat.

Sie sind der Einzige, der das Büro des Bundespräsidenten unaufgefordert betreten darf?

Kneubühler: Zusammen mit den Damen im Vorzimmer.

Sind Sie schon in ein Gespräch geplatzt, das Sie lieber nicht gestört hätten?

Kneubühler: Wenn ich reinkomme, dann störe ich vielleicht – aber nicht wegen des Inhalts. Ich bringe Kaffee, Tee oder Akten. Und davon lässt er sich eigentlich nicht ablenken.

Schneider-Ammann: Wichtig ist alles, was mit Terminen zu tun hat: Der Weibel sorgt dafür, dass die Gesprächspartner pünktlich am Sitzungstisch sitzen. Das ist nicht so banal. Wenn der chinesische Aussenminister mit seinem Tross ankommt, muss der Weibel alle in Empfang nehmen, muss die wichtigen Personen an den Tisch setzen und muss schauen, dass dann auch das Vis-à-vis stimmt. Herr Kneubühler macht das ganz unspektakulär. Auch das ist wichtig: Er fällt nur auf, wenn er zu Repräsentationszwecken seinen Mantel trägt.

Was erwarten Sie vom Weibel?

Schneider-Ammann: Zuverlässigkeit ist wichtig. Das führt dazu, dass ich seine Dienste laufend missbrauche. Etwa indem ich ihn auffordere, daran zu denken, dass ich am nächsten Tag den Anlässen entsprechend gekleidet bin, dass ich einen wichtigen Anruf machen oder eine Mitteilung verschicken muss. Ich gebe mir Mühe, alles, was ich delegieren kann, auch abzugeben. Das ist gar nicht so einfach, ich könnte sehr viel selber tun, aber die Zeit ist dafür natürlich zu knapp. Und der Weibel würde fragen: Für was bin ich eigentlich hier? Das Unangenehmste an seinem Job sind wohl die langen Wartezeiten.

Wie viel Ihrer Zeit verwenden Sie aufs Warten?

Kneubühler: Nicht so viel, vielleicht 20 Prozent. Vor allem, wenn wir auswärts sind, muss ich oft warten, weil es sich nicht lohnt, zurück ins Büro zu gehen. Wenn hingegen die Sitzung in der Nähe stattfindet, kann ich auch arbeiten.

Der Bundespräsident ist viel gereist. Konnten Sie ihn begleiten?

Kneubühler: Ins Ausland nicht, nein.

Haben Sie ihn vermisst?

Schneider-Ammann: Sagen Sie ja nichts Falsches! (beide lachen)

Kneubühler: Auslandreisen gehören zum Normalzustand. Ich versuche dann jeweils, Ferien zu nehmen oder meine Überzeit zu kompensieren.

Haben Sie nur Ferien, wenn der Chef im Ausland ist?

Kneubühler: Ja. Und während der sitzungsfreien Zeit, den Bundesratsferien.

Und Ihre Arbeitstage sind im Normalfall so lange wie jene des Bundespräsidenten?

Kneubühler: Ja. Ausser er hat einen Anlass am Abend, an den ich ihn nicht zwingend begleiten muss.

Schneider-Ammann: Der Weibel ist der Erste, der am Morgen kommt. Er nimmt mich am Eingang in Empfang, dann gehen wir gemeinsam die Treppe hoch. Und weil Weibel alles wissen, erhalte ich in kurzer Zeit wichtige Informationen. Am Abend übernimmt der Chauffeur die Position des Weibels und schaut, dass der letzte Teil des Tages auch noch funktioniert. Ich will ja keine Gewerkschaften provozieren. Wenn aber ein Weibel 16 Stunden arbeitet, wird es schwierig, das zu kompensieren.

Wenn Sie sagen, der Weibel informiere Sie am Morgen in kürzester Zeit: Sind das politische Hinweise oder die Tagesplanung?

Schneider-Ammann: Er sagt mir beispielsweise: Herr Meier ist bereits hier. Dann muss ich kurz überlegen. Was bedeutet das? Was muss ich zwischen den Zeilen lesen? Ab und zu ist es interessant, zu wissen, dass Herr Meier schon da ist (schmunzelt).

Es ist also nicht gut, wenn Herr Meier schon morgens um sieben da ist.

Schneider-Ammann: Dann ist vielleicht die Luft etwas dicker. Das ist denkbar.

Herr Kneubühler, Sie haben ein Gespür für delikate Situationen?

Kneubühler: Ja. Darum sage ich es manchmal unten. Es kommt oft vor, dass er im Auto konzentriert am Arbeiten ist – und gerade nicht im Kopf hat, was ihn als Nächstes erwartet. Das muss nicht immer negativ sein. Herr Meier kann auch ganz einfach ein Termin sein, an den er erinnert werden muss.

Als Bundesrat hat man wenig Kontrolle über die eigene Agenda. Ist der Weibel dazu da, einen durch den Tag zu lotsen?

Schneider-Ammann: Ja, als Bundesrat ist man fremdbestimmt. Alle paar Minuten geht ein neuer Termin los. Das Zimmer muss vorbereitet und die Leute parkiert sein, damit man nicht mit Formalien zu viel Zeit verliert. Wir haben ein gemeinsames System entwickelt: Fünf Minuten, bevor die Sitzungszeit abläuft, öffnet der Weibel die Tür und schliesst sie wieder. Dann weiss ich, dann wissen auch die Gäste, jetzt ist bald Zeit. Dem Chef beizubringen, dass er nun abklemmen muss, ist gar nicht so einfach. Wenn das Thema und die Leute nerven, ist man froh, wenn die Tür aufgeht. Dann komme ich jeweils fast in die Versuchung, zu sagen: It’s time. Wenn hingegen das Thema interessant und noch nicht abschliessend diskutiert ist, dann mache ich fertig. Und das dauert in der Regel länger als fünf Minuten. Dann kommt der Weibel nochmals, womöglich auch ein drittes Mal. Irgendwann beginnt das zu nerven.

Kneubühler: Das ist sehr schwierig.

Ist dies das Unangenehme an Ihrem Job?

Schneider-Ammann: Jetzt können Sie loslassen.

Kneubühler: Etwas, das immer unangenehm ist, kommt mir nicht in den Sinn. Schwierig sind Situationen, wie der Bundespräsident sie eben beschrieben hat. Ich weiss, dass ich ihn störe. Gleichzeitig habe ich die nächste Partei vor der Türe, die wartet. Und das zieht sich dann wie ein Rattenschwanz hinterher. Und dann muss ich eben jeweils etwas nerven.

Sind Sie eigentlich eine Autoritätsperson, Herr Kneubühler?

Kneubühler: Ja, das würde ich schon sagen.

Schneider-Ammann: Herr Kneubühler hat einen klaren Auftrag. Er muss dafür sorgen, dass der Tag nach Plan abläuft. Er hat daher die Pflicht, zu schauen, dass er interveniert und auf Kurs bleibt. Gerade wenn er merkt, dass der Chef noch nicht aufhören will, ist es unangenehm. Weil dann möglicherweise der Chef das Gefühl hat, zu beweisen, dass er Chef ist. Für ihn braucht es Überwindung, nochmals zu stören. Es kommt aber nicht infrage, dass er es nicht mehr tut.

Wie persönlich ist Ihr Verhältnis? Kennen Sie den Namen der Ehefrau?

Kneubühler: Ja, den kenne ich natürlich. Aber über Privates reden wir sehr selten. Es geht immer um den Job; dort kann es schon persönlich werden ...

Schneider-Ammann: ... er geht beispielsweise meine Schuhe einkaufen.

Kneubühler: Das hätte ich mich jetzt nicht getraut, öffentlich zu sagen.

Schneider-Ammann: (lacht) Das habe ich mir schon gedacht.

Kneubühler: Kleider kaufe ich auch.

Schneider-Ammann: Und er bringt sie in die Wäsche, die Anzüge in die Reinigung und zum Glätten.

Kneubühler: Ich kenne die Kleidergrösse.

Schneider-Ammann: Genau. Und er sucht auch meine Krawatten aus. (Schneider-Ammann zupft an seiner blauen Krawatte mit weissen Pünktchen und schielt auf das Etikett). Ich weiss jetzt nicht, ob das eine ist, die Herr Kneubühler zu verantworten hat (lacht). Dann schaut er, dass mein Kragen jeweils von Haaren oder Fuseln befreit ist. Und er weiss auch, welche Hustendragees er mir bringen muss. Er kennt auch meine Familie. Meine Zeit und meine Funktion erlauben es jedoch nicht, viel über Privates zu reden. Meiner Frau schickt er jeweils Anfang Woche ein Programm, damit sie weiss, wo ich bin, und keine Angst haben muss, ich sei verloren gegangen. Ich brauche nichts vor ihm zu verstecken. Auch bei delikaten Telefonaten muss ich keine Angst haben, dass er mithört – ähnlich wie beim Chauffeur. Das sind ruhige Menschen, die alles einsaugen und nichts an die Öffentlichkeit lassen.

Diskretion ist ein wichtiges Thema. Trotzdem: Haben Sie nicht auch das Bedürfnis, mit Ihrem Umfeld über Ihre Arbeit zu reden?

Kneubühler: Über meine Arbeit kann ich schon reden. Das ist kein Problem. Viele Personen wissen, was ich mache. Einfach alles, was ins Private geht, behalte ich für mich.

Aber auch das Politische, was am Telefon besprochen wird, ist tabu.

Kneubühler: Sicher. Das ist klar. Aber ich höre auch nicht wirklich hin. Wenn ich ihm Akten bringe, während er telefoniert, konzentriere ich mich nicht aufs Gespräch.

Schneider-Ammann: Am besten haben es die Weibel, wenn der Bundesrat tagt. Jeden Mittwoch treffen sie sich im Bundesratszimmer, bereiten die Akten ihrer Chefs vor. Wenn für uns die Sitzung beginnt, trinken sie Kaffee (zwinkert dem Weibel zu).

Kneubühler (lacht): Das stimmt nicht. Das bestreite ich vehement.

Schneider-Ammann: Am Mittwoch treffen sie sich und können sich austauschen. Auch auf dem Bundesratsreisli nutzen sie die Gelegenheit. Ich gehe davon aus, dass sie dabei keine schmutzige Wäsche waschen. Aber selbstverständlich sagt man seinen Kollegen, wenn einen etwas wurmt oder stört. Es findet ein Austausch statt, aber keine Waschküche.

Kneubühler: Unsere Chefs sind dabei nicht das Thema, sondern unser Job. Wie man sich kleidet oder verhält bei einem bestimmten Anlass.

Schneider-Ammann: Ein weiterer wichtiger Punkt: Auf dem Weg zu einer externen Sitzung will man den Hauseingang nicht suchen müssen. Der Weibel muss also rekognoszieren, damit der Bundesrat schnurstracks und sicher am Ziel ankommt.

Kneubühler: Gefunden haben wir noch immer alles.

Reden Sie auch über Politik?

Kneubühler: Vielleicht mal eine Bemerkung aus dem Rat, aber sonst eigentlich nicht.

Schneider-Ammann: Wenig. Ich frage ihn nicht, ob er schon abgestimmt hat. Und auch nicht, was. Aber er unterlässt das ebenfalls.

Herr Kneubühler, wären Sie manchmal gerne selbst Bundesrat?

Kneubühler (zögert): In diese Situation bin ich noch nie gekommen, nein.

Schneider-Ammann: Ich habe ihm das auch schon angeboten.

Haben Sie Mitleid, Herr Kneubühler?

Kneubühler: Mitleid?

Wenn der Bundespräsident unter Druck steht oder öffentlich angegriffen wird.

Kneubühler: Das lässt einen nicht unberührt, das ist klar. Es nervt auch manchmal, weil ich privat darauf angesprochen werde. Und ich will dann dazu nicht Stellung nehmen. Mitleid ist vielleicht das falsche Wort, aber es geht nicht einfach so an einem vorbei.

Wären Sie denn gerne Weibel, Herr Bundespräsident?

Schneider-Ammann: Der Job hat viele spannende Sequenzen. Den Bundesrat begleiten und den Präsidenten eines anderen Landes samt Entourage treffen – und gleichzeitig nicht ständig die erste Geige spielen müssen. Mich zumindest würde das interessieren. Aber das Warten und das Aufpassen, dass der Teekrug funktioniert, das wäre nichts für mich.

Wie schwierig wird es sein, ohne Weibel auszukommen?

Schneider-Ammann: Dann habe ich wieder ein familiäres Umfeld, das mir hilft. Heute mache ich natürlich Gebrauch von den Diensten, die mir zur Verfügung stehen. Denn ich kann nicht als Bundesrat in ein Geschäft, um Kleider zu kaufen. Da stehen innert kürzester Zeit alle Gwundernasen in einer Ecke und der Laden funktioniert nicht mehr. Aber ich ziehe auch eine sehr bewusste Grenze.

Und wo liegt diese Grenze?

Schneider-Ammann: Das ist schwierig. Was wollen wir preisgeben (blickt zum Weibel)? Wenn zum Beispiel meine Familie mich besucht, Tochter und Sohn mit Grosskindern, dann will ich sie selbst bedienen. Ich kann die paar Meter selber gehen und den Kaffee tragen. Oder meine schwarze Mappe, mein Handmäppli. Dort sortiere ich am Wochenende alle Dokumente, die ich mit meinen engsten Mitarbeitern am Montagmorgen besprechen will. Wehe, Herr Kneubühler packt mir die Mappe aus! Er kann das Tablet auspacken und an den Strom anschliessen, das Telefon auspacken und anschliessen. Aber auch noch das Papier auspacken? Das geht dann zu weit (schmunzelt). Es ist zwar gut gemeint. Aber ich mache es selber. Sonst kommt die Reihenfolge durcheinander.

War es eine Umstellung, plötzlich einen Weibel zu haben?

Schneider-Ammann: Ja. Als Firmenchef war ich auch von Mitarbeitern umgeben. Aber ich kaufte meinen Gurt, meine Hemden und auch die Geschenke am Flughafen selbst. Als Bundesrat geht das nicht mehr. Das ist eine unangenehme Einschränkung, mit der man leben muss. Gleichzeitig besteht auch die Gefahr, den Service auszunutzen und zur Primadonna zu werden. Das will ich nicht, das wäre nicht ich. Wir ringen jeden Tag darum, wo die Grenzen liegen. Aber viele Male müssen wir uns gar nicht unterhalten, was zu machen ist. Herr Kneubühler merkt sehr gut, in welchem «Mood» ich bin, und adaptiert sofort. Das macht einen guten Weibel aus. Das Verhältnis funktioniert auch nur, wenn man sich gegenseitig leiden kann. Ich sagte immer, dass ich nur Leute um mich schare, mit denen ich auch ein Zimmer im WK teilen würde. Es muss zwischenmenschlich etwas schwingen, das einen Unterschied macht.