Interview

«Der Lockdown zeigt: Der Staat hat immer noch das Familienmodell der 50er-Jahre im Kopf»

Die Eltern leiden während des Lockdowns besonders – das zeigt eine Umfrage des Schweizer Elternkomitees. Viele arbeiten abends und am Wochenende. Denn während Kinderbetreuung und Homeschooling noch der Arbeit nachzugehen sei praktisch unmöglich, sagt Stephan Germann vom Elternkomitee im Gespräch.

Jara Helmi / watson.ch
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Besonders Alleinerziehende kommen derzeit an ihr Limit.

Besonders Alleinerziehende kommen derzeit an ihr Limit.

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Herr Germann, Sie haben selber Kinder, wie organisieren Sie sich derzeit?

Stephan Germann: Glücklicherweise konnten meine Frau und ich beide unser Arbeitspensum auf 50 Prozent reduzieren. So können wir uns die Kinderbetreuung aufteilen. Ich kann die Zeit, in der ich nicht arbeite, aufschreiben. Sie werden als Pflegetage, wie wenn das Kind krank wäre, und bekomme den vollen Lohn. Das ist aber meines Wissens eher ein Einzelfall.

Wie sieht es bei anderen Familien aus?

Es ist sehr unterschiedlich. Viele Eltern machen Minusstunden und arbeiten sogar am Abend oder am Wochenende. Die Alleinerziehenden leiden am meisten, sie können sich nicht mal mit der Partnerin oder dem Partner organisieren und müssen im besten Fall auf Nachbarschaftshilfe zurückgreifen.

«Der Staat hat immer noch das Bild des Familienmodells der 50er-Jahre im Kopf: Die Frau bleibt zuhause und kümmert sich um die Kinder.»

Also ist es eine Illusion, dass man als Eltern während des Lockdowns Home-Office machen kann.

Es ist tatsächlich nicht so einfach. Wir haben eine nicht-repräsentative Umfrage gestartet und ein grosser Teil der 115 Teilnehmenden haben angegeben, dass es unmöglich ist, neben der Kinderbetreuung zu arbeiten. Man muss aber betonen: Es ist nicht nur die Kinderbetreuung. Wir ersetzen im Moment auch die Lehrpersonen, oftmals von verschiedenen Schulstufen. Gerade Kinder mit Verhaltensauffälligkeit brauchen viel mehr Betreuung und Unterstützung im Homeschooling.

Es schien jedoch nie ein grosses Problem zu sein, zumal der Bundesrat bei der Schliessung der Schulen davon ausgegangen ist, dass man sich im Home-Office organisieren kann.

Das ist eben das Problem! Es ist überhaupt nicht darüber diskutiert worden. Der Staat hat immer noch das Bild des Familienmodells der 50er-Jahre im Kopf: Die Frau bleibt zuhause und kümmert sich um die Kinder. Aktuell würde der Vater einfach im Home-Office arbeiten. Aber so ist es nicht mehr, heute arbeiten oftmals beide Elternteile. Es wird alles auf uns umgewälzt; Wir sollten arbeiten, also die Wirtschaft am Laufen halten und uns gleichzeitig um die Kinder kümmern. Für viele wird das zu belastend. Die meisten gaben an, es nicht mehr viel länger als zwei bis drei Wochen durchzuhalten. Einerseits wegen der Doppelbelastung und andererseits, weil sie nicht noch länger Minusstunden machen können und die Arbeit aufholen müssen.

«Was Eltern jetzt brauchen ist Zeit. Die Arbeitnehmenden müssen deshalb das Pensum reduzieren können, um sich um die Betreuung und das Homeschooling konzentrieren zu können.»

Fordern Sie eine baldige Öffnung der Schule?

Wir würden uns darüber freuen. Aber es bringt nichts, wenn wir die Schulen jetzt öffnen und dann Gefahr laufen, dass es eine zweite Welle gibt. Damit wäre niemandem geholfen.

Was ist stattdessen Ihre Forderung?

Wir wollen primär auf die Missstände aufmerksam machen und uns Eltern eine Stimme geben. Was Eltern jetzt brauchen ist Zeit. Denn verstehen Sie mich nicht falsch, die Kinderbetreuung ist nicht per se das Problem, wir betreuen unsere Kinder gerne. Nur geht das nicht mit der Arbeit einher. Die Arbeitnehmenden müssen deshalb das Pensum reduzieren können, um sich um die Betreuung und das Homeschooling konzentrieren zu können. Dann fragt sich jedoch: Wer bezahlt das, wenn die Leute weniger arbeiten und wer erledigt dann diese Arbeit?

Über die Kinderbetreuung wurde bereits vor Corona viel diskutiert. Denken Sie, dass sich langfristig etwas ändern wird?

Was nun wieder klar wurde: Die Kinderbetreuung wird nicht genug wertgeschätzt. Ich denke, dass sich auch danach nicht viel ändern wird. Weder in der Pflege, im Detailhandel noch bei der Kinderbetreuung. Jetzt sind sie Heldinnen und Helden - und dann ganz schnell wieder vergessen. Schaut man die Kinderbetreuung in den Familien an, kann es sogar sein, dass wir einen Schritt zurück machen. Denn wer steckt zuerst zurück? Die Frauen, die oftmals weniger arbeiten und weniger verdienen. Wenn das jetzt nicht aktiv verhindert wird, sind wir tatsächlich wieder zurück in den 50er-Jahren.

Die Umfrage

In einer nicht-repräsentativen Umfrage wollte das Schweizer Elternkomitee herausfinden, wie die Eltern mit der aktuellen Situation umgehen. Von 115 Teilnehmenden gaben 71 an, dass sie die Arbeit, die sie neben der Kinderbetreuung erledigen müssen am meisten belastet.

Stimmen aus der Umfrage:

«Es ist unmöglich gleichzeitig zu arbeiten und sich zu konzentrieren und die Kinder zu unterrichten. Ich werde weder den Kindern noch meinem Arbeitgeber gerecht. Es strapaziert die Nerven. Die Schule macht zwar was möglich ist, aber Kinder brauchen soziale Kontakte und eine Tagesstruktur wie die Schule um motiviert und konzentriert zu lernen. Das kann ich ihnen nicht bieten.»
«Unserer jüngerer Sohn hat einen sehr impulsiven Charakter (tendiert bei Frust zu Aggression) und braucht eine enge Begleitung und Beschäftigung (aber kein ADHS). Er ist auf ganz klare Strukturen und Aufträge angewiesen. In der Schule hat er alle nötigen und gut funktionierenden Fördermassnahmen, die ihn seiner Integration und Anpassung anderen gegenüber unterstützen. Zuhause fällt alles weg. Dazu müssen wegen Corona mein Partner und ich noch mehr und vor allem improvisierter arbeiten als normal. Wir schaffen es zeitlich und ressourcenbedingt nicht, unsere Kinder mit der gebührenden Aufmerksamkeit zu begleiten, was uns als Eltern emotional zusätzlich belastet. Wir versuchen und suchen kleine Pausen, und lassen die Schulaufträge auch mal sausen, einfach um uns eine kleine Pause zu gönnen. Aber ein nachhaltiger Zustand ist dieses Homeschooling nicht.»
«Das Schlimmste ist: Ich kann nichts richtig machen. Ich kann meinen Job nicht richtig machen und meine zwei kleinen Jungs nicht richtig betreuen, ich müsste mich teilen. Mit dieser Auslastung komme ich echt an mein Limit.»