«Der Löwe von Panjshir»
Konfrontation mit den neuen Machthabern: Afghanistans Botschafter in der Schweiz feiert den Erzfeind der Taliban

Die afghanische Vertretung in Genf veranstaltet eine Gedenkfeier für den legendären afghanischen Kommandanten Ahmed Schah Massoud. Der Botschafter in der Schweiz will so lange wie möglich auf seinem Posten verharren. Aber die Taliban werde er nicht repräsentieren, kündigt er an.

Christoph Bernet
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Botschafter Nasir Ahmad Andisha spricht vor dem Uno-Menschenrechtsrat in Genf (24. August 2021).

Botschafter Nasir Ahmad Andisha spricht vor dem Uno-Menschenrechtsrat in Genf (24. August 2021).

Salvatore Di Nolfi / KEYSTONE

Die afghanische Botschaft in der Schweiz markiert weiter öffentlich Widerstand gegenüber den Taliban. Nächste Woche organisiert sie aus Anlass des zwanzigsten Todestags von Ahmad Schah Massoud ein Symposium in Genf.

Kommandant Massoud (Übername: «Der Löwe von Panjshir») wurde berühmt durch seinen erfolgreichen Widerstand zunächst gegen die sowjetischen Besatzer Afghanistans, später gegen die Taliban.

Damit demonstriert die Vertretung Afghanistans bei der Uno in Genf zum zweiten Mal innert weniger Tagen öffentlichkeitswirksam ihre Opposition gegenüber den neuen, radikalislamischen Machthabern in Kabul.

Ahmed Schah Massoud im Mai 2001 bei einem Besuch in Brüssel.

Ahmed Schah Massoud im Mai 2001 bei einem Besuch in Brüssel.

Francis Demange / Gamma-Rapho

Vergangene Woche hatte der afghanische Botschafter Nasir Ahmad Andisha bereits vor dem Uno-Menschenrechtsrat die Taliban mit deutlichen Worten kritisiert und die Staatengemeinschaft dazu aufgerufen, Afghanistan «nicht im Stich zu lassen».

«Die Fanatiker sind dabei, das Träumen zu verbieten»

Jetzt legt die Botschaft nach: Die Veranstaltung in Genf findet unter dem Titel «Zurück aus dem Dunkeln? Afghanistans unvollendete Transition» statt. Die Einladung ziert ein Zitat Massouds: «Die Fanatiker haben bereits die Liebe verboten. Jetzt sind sie dabei, das Träumen zu verbieten».

Eingeladen ist eine Reihe prominenter Gastredner, darunter der französische Philosoph Bernard Henri Lévy, der mit Massoud befreundet war. Auch ein Bruder des 2001 getöteten «Löwen von Panjshir» wird eine Rede halten.

Dessen einziger Sohn Ahmad Massoud (32) leistet den Taliban im Panjshir-Tal Widerstand. Das Tal liegt auf bis zu 4000 Metern über Meer im Hindukusch, rund 150 Kilometer nördlich von Kabul. Es ist die einzige afghanische Provinz, welche die Taliban noch nicht erobert haben.

Einzelne Einheiten der im Rest des Landes besiegten afghanischen Armee, haben sich ins Panjshir-Tal begeben, darunter kampferprobte Spezialkräfte . Sie haben sich dort mit den von Massoud junior befehligten lokalen Truppen zur neu gegründeten «Nationalen Widerstandsfront» formiert.

Ahmed Massoud bei einem Auftritt 2019.

Ahmed Massoud bei einem Auftritt 2019.

Mohammad Ismail / X02863

Der Vizepräsident der gestürzten afghanischen Regierung, Amrullah Saleh, hält sich ebenfalls im Panjshir-Tal auf. Nach der Flucht von Präsident Aschraf Ghani ins Ausland vor drei Wochen hat Saleh den Anspruch erhoben, das verfassungsmässige neue Staatsoberhaupt Afghanistans zu sein.

Botschafter will nicht die Taliban repräsentieren

Auch Botschafter Nasir Ahmand Andisha in Genf betrachtet Saleh als rechtmässigen Präsidenten, wie er diese Woche gegenüber dem «Echo der Zeit» von SRF sagte. Er wolle versuchen, seinen Aufgaben in Genf so lange wie möglich normal nachzugehen, so Andisha. Er sei als jüngster Diplomat in der Geschichte Afghanistans zum Botschafter ernannt worden:

«Vielleicht werde ich auch der Jüngste sein, der zurücktritt.»

Denn sollte die Taliban-Regierung international anerkannt werden, sei er nicht bereit, diese in der Schweiz zu vertreten, stellte der Botschafter klar. Diese Ansage unterstreicht Andisha durch das Ausrichten einer Veranstaltung zu Ehren des früheren Erzfeinds der Taliban.

Ahmad Schah Massoud war eine der wichtigsten Figuren der jüngeren Geschichte Afghanistans. Der Kommandant aus der Volksgruppe der Tadschiken, der zweitgrössten Ethnie Afghanistans, erwarb sich in 1980er Jahren einen Ruf als einer der fähigsten Führer der Mudschaheddin-Krieger im Kampf gegen die sowjetischen Besatzungstruppen.

Nachdem die Taliban 1996 die Herrschaft im Land übernommen hatten, wurde er zum Anführer der Nordallianz, einem gegen die Taliban gerichteten Zusammenschluss von bewaffneten Gruppierungen.

Trotz mehrmaliger Versuche gelang es den Taliban während ihrer ersten Herrschaft von 1996 bis 2001 nie, dîe von Massoud kontrollierten Gebiete im Nordosten Afghanistans einzunehmen, darunter das Panjshir-Tal.

Kämpfer unter dem Kommando von Ahmad Massoud kontrollieren das Panjshir-Tal (August 2021).

Kämpfer unter dem Kommando von Ahmad Massoud kontrollieren das Panjshir-Tal (August 2021).

Jalaluddin Sekandar / AP

Zwei Tage vor den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde Massoud, der in seinem Leben mehreren Attentatsversuchen entkommen war, von zwei Al-Kaida-Selbstmordattentätern ermordet. Diese hatten sich als belgische Fernsehjournalisten ausgegeben und eine in ihrer Kamera versteckte Bombe gezündet.

Massoud wurde 58 Jahre alt. Nach dem Ende der ersten Taliban-Herrschaft wurde Massoud zum Nationalhelden ernannt. Er geniesst in Afghanistan weit über seine eigene Volksgruppe der Tadschiken hinaus grosse Bewunderung.

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